hell und dunkel

Jetzt trage ich die Geheimnisse nicht mehr in mir drin. Jetzt ist es nicht mehr geheim. Jetzt darf es jeder wissen.
Das Geheimnis war eine Last, die ich mit mir herum getragen habe. Sehr lange. Seit einigen Jahren war es nicht mehr nur in mir drin aufbewahrt. Ich habe es nach und nach mit mehr Menschen geteilt. In meiner Therapie, und mit Menschen, die mir nah stehen. Aber ich habe immer nur Teile des Geheimnis geteilt. Ich habe Oberbegriffe genannt, Einzelaspekte erzählt. Aber nie alles. Das habe ich jetzt gemacht.
Und ich fühle mich erleichtert. Ich fühle mich so, als hätte ich das Geheimnis aus dem dunklen Versteck heraus geholt und ins Licht getragen. Jetzt kann die Sonne drauf scheinen. Und jetzt können es alle sehen. Alle, die es etwas angeht. Und sie können nicht nur. Sie müssen. Jetzt müssen die Menschen, die mich mit dem Geheimnis im Dunkeln alleine gelassen haben, sich mit dem Geheimnis beschäftigen. Jetzt können sie nicht mehr sagen: „aus den Augen, aus dem Sinn“.
Ich bin nicht mehr dafür zuständig das Geheimnis im Dunkeln zu hüten. Und das fühlt sich verdammt gut an.

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Halma

Schritte gehen. Neue Standpunkte gewinnen. Ehemals unaushaltbare Wahrheiten anschauen. Dem Anblick stand halten.
Bedürftig sein. Kontakt suchen.
Begegnung finden. Eine Brücke sein zwischen ehemals unaushaltbaren Wahrheiten und einem anderen Mensch. Dieser Mensch hält dem Anblick nicht stand.
Schwanken zwischen dem Kontaktbedürfnis und dem Wahrheitsbedürfnis. Stark sein im Umgang mit den Wahrheiten. Schwach sein im Umgang mit dem Kontaktbedürfnis.

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Früher habe ich schlimme Dinge erlebt. Das hat bei mir zu einer dissoziativen Störung geführt. Meine Art von dissoziativer Störung hat im ICD 10 die Nummer F 44.9. Es ist sinnvoll so eine Dissoziation zu haben, wenn man in der aktuellen Lebensphase immer wieder traumatisiert wird und keine Möglichkeit besteht, der Traumatisierung zu entgehen. Aber wenn keine weiteren Traumatisierungen mehr erfolgen (was ja sehr sehr gut ist!), kann es durchaus sinnvoll sein, die dissoziative Symptomatik zu reduzieren. Ich weiß, dass es gerade im Bereich F 44.8 und F 44.9 sehr verschiedene Meinungen dazu gibt, wie damit umzugehen ist. Für mich persönlich ist es aber hilfreich gewesen, die Dissoziation zu reduzieren, auch wenn es nicht mehr Ziel ist, sie komplett aufzugeben (und das wäre sicher auch unmöglich).
In der Therapie ging es also immer wieder darum, weniger zu dissoziieren. Mehr kontinuierliches Zeiterleben zu erreichen, den Körper besser wahrzunehmen, die Sinneswahrnehmung besser zu integrieren, Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen.
Und jetzt ist da diese innere Auseinandersetzung mit den Dingen von früher. Das gab es auch schon in der Therapie. Aber jetzt ist es anders. Jetzt gibt es keinen Therapeut. Und jetzt hat die Auseinandersetzung nur sehr wenig mit Therapie zu tun. Die Art und das Ziel der Auseinandersetzung sind also anders als ich es bereits kenne.
Und die Dissoziation ist wieder stärker geworden. Ich habe wieder mehr Probleme, die Zeit kontinuierlich zu erleben. Mehr Probleme, Gefühle und innere Vorgänge wahrzunehmen. Und irgendwie ist es gut und irgendwie ist es schlecht. Gut, weil es mich vor eine Überflutung schützt. Und schlecht, weil ich meine Grenzen nicht gut wahren kann, wenn ich meine Gefühle nicht wahr nehme.
Wo sind denn meine Grenzen? Sind sie schon längst überschritten? Bin ich dissoziativer geworden, weil meine Grenzen so massiv überschritten sind? Was brauche ich? Vor allem: wieviel Schutz brauche ich?
Niemandsland. Da und doch nicht da. Ich kenne das Gefühl lebendig zu sein. Jetzt bin ich innerlich taub. Gefühlstaub. Manchmal sind Gefühle da. Wieviel Gefühl halte ich gerade aus? Wieviel Selbstschutz brauche ich?
Ich möchte nicht tiefer fallen. Ich sorge dafür möglichst stabil zu sein. Das ist gerade mein zentraler Fokus. Ich gönne mir jetzt wieder Ruhe.

SVV 2.0

Mich beschäftigt zur Zeit die bevorstehende Anzeige sehr. Die Beratungsstelle in der alten Stadt, die ich gebeten hatte, mir eine Kontaktadresse für die Anzeige und das Verfahren zu geben, hat mir inzwischen zugesagt. Es wird dazu noch eine schriftliche Vereinbarung geben, aber im Prinzip ist schon mal klar, dass sie es machen. Das ist für mich eine große Erleichterung
Seit Tagen habe ich immer wieder vor Augen, wie ich meine Haut verletze. Ich mache es nicht. Aber vor meinem inneren Auge taucht das immer wieder auf. Ich habe das schon seit 1,5 Jahren nicht mehr gemacht. Eine sehr lange Zeit. Vielleicht bin ich ja drüber hinweg. Keine Ahnung. Der Drang war einfach nicht mehr da. Jetzt aber ist er wieder aufgetaucht.
Ich weiß: ich habe mich selbst verletzt, weil ich der Überzeugung war, dass jemand etwas tun muss, was mir weh tut. Und weil mich kein anderer Mensch körperlich verletzt, habe ich es selbst getan. Einfach in der Überzeugung, dass das so sein muss. Dass es mir schlecht gehen muss. Dass das einfach so ist. Ohne dass es hinterfragt werden kann.
Irgendwann habe ich das Gedankenkonstrukt, dass hinter dieser Handlung steht, verstanden. Das hat lange gedauert. Und dann hat es noch mal lange gedauert, bis ich mit der Handlung aufgehört habe.
Ich habe mich nie bewusst verletzt. Es war immer so, dass ich schon damit fertig war, wenn ich es bemerkt habe.
Obwohl der Wunsch nach Selbstverletzung in den letzten Tagen immer wieder aufgetaucht ist, habe ich es nicht gemacht, weil ich weiß, dass ich es nur tun würde um mich selbst zu bestrafen. Und weil ich weiß, dass dahinter ein Täterintrojekt steht. Und weil ich keine Täterintrojekte unterstützen möchte

Heute hatte ich ein langes und konfliktreiches Gespräch. Sehr lang und sehr konfliktreich. Und zermürbend. Es gab immer wieder Pausen. Aber es war ein wirklich grenzverletzendes Gespräch.
Ich war froh, endlich mal über diese Dinge reden zu können. Darauf hatte ich schon seit Monaten gewartet. Und irgendwie bin ich erleichtert, dass wir beide endlich mal Teilaspekte des besprochenen Themas auf den Tisch bringen konnten, die wirklich wichtig sind, und über die ich unbedingt schon seit einer Weile sprechen wollte. Wir sind nur bisher noch nicht dazu gekommen.
Der Inhalt war also irgendwie gut. Aber die Art war überhaupt nicht gut. Auch der Zeitpunkt war nicht gut. Und der umfassende Tiefgang war nicht gut.
Es ging uns beiden ziemlich schlecht in dem Gespräch. Aber ich habe es nicht geschafft, das anders zu steuern. Im Gegenteil. Ich habe einen deutlichen Beitrag dazu geleistet, dass es so destruktiv war.
Ja, es war eine Interaktion. Und beide beteiligten Menschen haben ihren Beitrag gehabt. Ich will mir den Schuh auch gar nicht allein anziehen.
Aber ich habe hinterher bei einem Spaziergang allein gemerkt:
Dieses Gespräch war eine Form von selbstverletzendem Verhalten. Ich habe mir das angetan, damit es mir schlecht geht, weil da irgendwo noch von diesem Täterintrojekt die Überzeugung mitschwingt, dass es mir schlecht gehen muss. Und dass ich kein Recht darauf habe für mich einzustehen, so wie ich es gerade mit der geplanten Anzeige tue.
Das war neu. Und überraschend.
Und ich musste mich anschließend unbedingt entschuldigen.

aufgeregt

Meine Freundin war in einer Klinik und hat eine Therapie gemacht. 15 Wochen lang. Jetzt ist sie endlich wieder da. Nachher werde ich sie wieder sehen. Und ich bin unglaublich aufgeregt.
Wir haben viel telefoniert und geschrieben, aber uns nur 2x für ein paar Stunden und über Weihnachten für 2 Tage gesehen. Und es ist in der Zeit so viel passiert. Viel, worüber ich mich gern mit ihr austauschen möchte. So ganz direkt, nicht nur per Mail oder am Telefon. Und die wenige Zeit, die wir zusammen hatten während ihrer Klinikzeit, haben wir dafür auch sehr intensiv genutzt, aber es war einfach viel zu wenig. Wir haben mehrere Themen in der Pipeline, denen wir uns zuwenden wollen und müssen. Und das macht mir Druck. Ich denke, ich kann den Druck nur abbauen, indem wir uns sehen und miteinander reden. Gleichzeitig habe ich aber auch Angst davor, weil ich nicht weiß, was dann passiert.
Ich wünsche mir die Vertrautheit und Geborgenheit zu spüren, die ich bei ihr erlebt habe. Und ich habe Angst, dass sie für mich nicht wieder spürbar sein wird. Obwohl es keinen Hinweis dafür gibt, dass sie verschwunden sein könnte. Die Angst hat nichts mit der aktuellen Situation zu tun. Aber sie ist sehr präsent.
Ich habe in der Vergangenheit schon Erfahrungen damit gesammelt, dass meine Wünsche an eine zwischenmenschliche Beziehung nicht erfüllt wurden. Und ich vermute, dass diese Erfahrungen meine Angst nähren.
Irgendwie habe ich den Eindruck, dass ich mich immer wieder im Kreis drehe: Erfahrungen, Bedürfnisse, Gefühle, Befürchtungen, Unsicherheiten im Sozialkontakt, Selbstreflexion. Und von vorn. Immer wieder. Bei so vielen Themen. Bei jedem einzelnen Kreisdreher komme ich an einen Punkt, wo ich anerkenne, dass unberücksichtigte Bedürfnisse in der Vergangenheit meine Gefühle heute beeinflussen. Und dann richte ich meine Aufmerksamkeit nicht mehr auf die aktuelle Situation und die Schwierigkeiten, die ich damit habe, sondern darauf, dass meine unbefriedigten Bedürfnisse schon deutlich älter sind. Und ich erkenne respektvoll an, dass meine unbefriedigten Bedürfnisse gar nicht anders können, als mir in der aktuellen Situation quer schießen, weil sie noch gar nicht befriedigt werden konnten. Dann habe ich einen für mich greifbaren Grund für meine Schwierigkeiten. Und das beruhigt mich etwas. Und ich habe die Hoffnung, dass die Vergangenheits-Probleme irgendwie nach und nach weniger werden, wenn ich Therapie mache und auch außerhalb der Therapie mich mit ihnen auseinander setze. Bisher gibt es einige Hinweise, die darauf hindeuten, dass diese Hoffnung berechtigt ist. Deshalb setze ich das so fort. Aber ich habe Zweifel daran, dass diese Methode effizient ist.

Luft holen

Zur Zeit ist bei mir ganz schön viel los. Nicht nur das, worüber ich hier schreibe. Ich habe auch noch andere kleinere und größere Baustellen. Schön ist, dass ich es zur Zeit ganz gut schaffe, einen Zeitraum mit einem Thema zu verknüpfen, damit nicht alles auf einmal auf mich einprasselt. Also Montag war für ein Thema reserviert, Dienstag Vormittag für das nächste und Dienstag Nachmittag für das dritte. Jetzt ist Mittwoch und mein Immunsystem ist der Meinung, dass ich mal auf dem Sofa bleiben soll, also bin ich erkältet. Zeit zum Luftholen.
Ich habe letzten Donnerstag bei der Anwältin angerufen, die mir vom Weißen Ring empfohlen wurde. Wir haben ein bisschen geredet und dabei hatte ich den Eindruck, dass wir aneinander vorbei reden und sie andere Schwerpunkte setzt als ich und meine Schwerpunktsetzung nicht ernst nimmt. Trotzdem hatte ich in dem Moment mit ihr einen Termin ausgemacht, weil ich gerade nicht in der Lage war, mich klar zu positionieren. Im Nachgang habe ich gemerkt, dass ich nicht mit ihr zusammenarbeiten will. Also habe ich entschieden, mir einen anderen Anwalt zu suchen. Außerdem habe ich mir noch eine Strategie überlegt, wie ich noch mehr Unterstützung in einem bestimmten Punkt bekommen könnte. Und so habe ich dann gestern Vormittag einige Telefonate im Zusammenhang mit der geplanten Anzeige gemacht.
Meine neue Strategieüberlegung:
Man muss bei der Anzeige eine Adresse angeben, über die man erreicht werden kann. Das muss aber nicht die eigene Wohnadresse sein, wenn man (berechtigte) Angst vor möglichen Übergriffen hat. Der Mensch, den man anzeigt, kann sich nämlich einen Anwalt nehmen und im Ermittlungsverfahren beiordnen lassen (so heißt das). Der angezeigte Mensch selbst kann die Ermittlungsakten zwar nicht einsehen, aber sein beigeordneter Anwalt kann das (auf Antrag). Dadurch kann der Anwalt der Gegenseite sehen, welche Adresse ich angegeben habe. Er unterliegt zwar der Schweigepflicht und darf das der angezeigten Person nicht sagen. Aber darauf möchte ich mich nicht verlassen müssen. Also möchte ich eine Adresse angeben, die in der Stadt ist, wo ich früher gewohnt habe. Damit möchte ich erreichen, dass die angezeigte Person nichts von meinem Wohnortwechsel erfährt. Die Frage ist aber: welche Adresse in der alten Stadt gebe ich an? Möglich sind zB ein eigener Arbeitsplatz, ein Anwalt oder eine Opferhilfeeinrichtung. In sehr ernsten Fällen stellt die Polizei eine Adresse zur Verfügung. Aber so ernst ist es bei mir nicht, ich bin ja nicht Opfer eines großen kriminellen Netzwerks geworden.
Also habe ich eine Opferhilfeeinrichtung in der alten Stadt angerufen und gefragt, ob sie meine Post entgegen nehmen würden. Die Mitarbeiterin hat gesagt, dass sie das normalerweise nicht machen und dass sie noch nie gehört hat, dass das überhaupt geht, und dass sie es mit dem Vorstand der Einrichtung bespricht, bevor sie sich noch mal bei mir meldet. Jetzt warte ich mal ab, was dabei heraus kommt. Alternativ gäbe es noch eine andere Opferhilfeeinrichtung in der Stadt, bei der ich auch fragen könnte. Aber dort halte ich es für noch unwahrscheinlicher, dass sie mir da weiterhelfen werden, weil sie eigentlich in einem anderen Themenfeld arbeiten. Mal sehen. Falls ich keine Einrichtung in der Stadt finde, die ich als Kontaktadresse in der Anzeige angeben kann, muss ich mir dort einen Anwalt suchen. Das wäre für mich aber eindeutig Plan B, weil es für mich einfacher ist, wenn ich hier vor Ort Termine mit meinem zukünftigen Anwalt haben könnte.
Und mit einer Hilfsorganisation vor Ort habe ich auch noch telefoniert um mir Tipps für einen möglichen anderen Anwalt geben zu lassen. Sie haben mir auch zuerst die selbe Anwältin wie der Weiße Ring genannt, aber auf Nachfrage habe ich dort auch noch zwei andere Adressen genannt bekommen. Allerdings werde ich mich dort erst melden, wenn ich weiß, ob ich in der alten Stadt über eine Opferhilfeeinrichtung eine Kontaktadresse bekommen kann. Wenn das nämlich nicht klappt, muss ich mir ja in der alten Stadt einen Anwalt suchen.
Sehr hilfreich finde ich übrigens die „OpferFibel“, eine online verfügbare Broschüre des Justiz-Ministerium, in der Rechte von Verletzten und Geschädigten im Strafverfahren erläutert werden. Daher habe ich auch eine Reihe von Informationen erhalten, unter anderem zur Wohnortverschleierung.

Fragen und Antworten

Draußen liegt Schnee. Die Welt sieht so friedlich aus. Und auch in mir drin ist es ruhig. Erstaunlich ruhig. Montag und Dienstag war ich sehr aufgewühlt und kraftlos. Gestern war ich ganz gefasst. Da hatte ich meinen Termin mit dem Weißen Ring. Ich habe alle meine Fragen gestellt, die ich mir vorher aufgeschrieben hatte. Ich habe viele Informationen bekommen. Und ich habe mich entschieden: ich zeige an. Seitdem hatte ich gestern viel Energie. Heute Nacht habe ich noch mal anders schlecht geträumt als normalerweise. Aber auch heute bin ich ruhig und es fühlt sich stimmig an, diesen Weg zu gehen – auch wenn er mit vielen Unklarheiten und Herausforderungen verbunden ist.
Jetzt muss ich mich nochmal sammeln, und dann rufe ich die Anwältin an, die mir empfohlen wurde. Ich möchte, bevor ich Anzeige erstatte, mich erst mit ihr treffen und abstimmen.