Schweben

Manchmal, wenn ich Abends wach liege, beobachte ich meine Gedanken. Vor Jahren habe ich mal festgestellt, dass meine Gedanken kurz vor dem Einschlafen sehr phantasievoll werden. Dann drängen sich mir unwiderstehlich Bilder auf, die es „in echt“ gar nicht gibt: Bäume im Wald, die sich voneinander weg bewegen; Fenster mit Augen; Boden, der sich wie ein Tsunami aufwölbt. Wenn solche Bilder in mir auftauchen und ich keine Lust und keine Kraft habe ihren Realismus anzuzweifeln, bin ich kurz davor einzuschlafen. Gestern habe ich das endlich mal wieder erlebt.

Schlafen

Ich habe seit meiner Kindheit eine schwere Schlafstörung. Jeden Abend liege ich sehr lange wach, bevor ich einschlafe. Sämtliche Tipps zur „Schlafhygiene“ habe ich schon umgesetzt, aber es wird nicht besser.

Irgendwie muss ich das akzeptieren. Das fällt mir schwer.

Ich habe schon verschiedene Medikamente ausprobiert. Zur Zeit nehme ich eins, das am Anfang tatsächlich eine Wirkung gezeigt hat. Ich habe es deshalb lange über den gründen Klee gelobt, weil ich so begeistert davon war. Inzwischen nehme ich es seit 1,5 Jahren. Die Dosis habe ich in der Zeit verdreifacht. Und es wirkt jetzt fast gar nicht mehr. Ernüchterung macht sich breit.

Diese Medikamente sehe ich schon ewig sehr kritisch. Und es hat Jahre gedauert, bis ich mich auf den Versuch eingelassen habe, ein Schlafmittel zu nehmen. Dann hat es noch mal Jahre gedauert, bis ich einen Wirkstoff gefunden habe, der bei mir überhaupt mal anschlägt. Inzwischen habe ich festgestellt, dass die Wirkung auch bei diesem Medikament massiv nachgelassen hat.

Und ich stelle fest: Es hat sich gelohnt, das Experiment „Schlafmittel“ zu machen. Dadurch weiß ich jetzt, dass es genau so ist, wie erwartet. Schlafmittel sind einfach keine Lösung.

Ich bin bereit noch mal einen anderen Wirkstoff auszuprobieren. Allerdings habe ich auch schon mehrere erfolglos probiert. Und zu Benzodiazepinen möchte ich nicht greifen. Es gibt noch ein paar Wirkstoffe, die ich noch nicht ausprobiert habe. Vielleicht finde ich ja noch mal einen, der bei mir wirkt.

Die Welt steckt voller Widersprüche.

nicht selbstverständlich

In letzter Zeit habe ich besonders wenig Lust auf weiße cis-Männer. Irgendwie bin ich von ihnen angenervt. Ich weiß, ich bin ungerecht, wenn ich da eine Personengruppe zusammenfasse und von einem Teil davon auf den Rest schließe. Ich kann es aber nur schwer abstellen.

Es regt mich einfach auf, dass es systematische Diskriminierung gibt. Und dass es Menschen gibt, die davon per se profitieren. Am meisten regt mich zur Zeit die Selbstverständlichkeit und Unreflektiertheit, mit der (in meiner Wahrnehmung ganz besonders) weiße cis-Männer das hinnehmen. Als ob das nicht menschengemacht wäre. Oder als ob sich das von Menschen nicht ändern ließe.

Es gab mal eine Zeit, wo ich das auch selbstverständlich fand. Und wo ich (wie so viele andere auch) darauf gehofft habe, dass ich „mich hoch arbeiten“ kann und durch Bildung/Leistung/wasauchimmer innerhalb einer existierenden Hierarchie der Anerkennung aufsteigen kann. Ich bin damals davon ausgegangen, dass die Existenz einer Anerkennungshierarchie selbstverständlich ist und dass ich mir Mühe geben muss um mich darin gut zu platzieren und bloß nicht abzurutschen. Denn Abrutschen ist immer die Gefahr!

Inzwischen distanziere ich mich davon. Und ich habe keine Lust mehr auf Menschen, die eine Anerkennungshierarchie selbstverständlich finden und sich Mühe geben darin aufzusteigen oder zumindest nicht abzurutschen. Und vielleicht verzerrt meine feministische Grundhaltung hier meinen Blick, aber irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass das besonders weiße cis-Männer sind.

Irre ich mich da? Bin ich betriebsblind? Oder macht das Erleben von Privilegien besonders anfällig dafür, ein Patriachat anzuerkennen und zu stützen?

*

Ich habe gerade die Aufgabe eine Person auszuwählen, die eine Wohnung mieten darf. Es gibt nur eine Wohnung und mehrere Anwärter*innen.

Schon bevor ich angefangen habe mich dieser Aufgabe zu stellen, hatte ich große Lust privilegierte Personen dabei zu benachteiligen. Das hat mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Schließlich ist die Bevorzugung von diskriminierten Personen auch keine Lösung.

Aber dann hatte ich zufällig gestern mehrere blöde Erlebnisse mit weißen alten cis-Männern. (Zwei davon waren im Straßenverkehr. Mir wollte jemand die Vorfahrt nehmen, was ja an sich schon frech und gefährlich ist, und dann ist er dabei auch noch in eine Richtung abgebogen, die an der Stelle verboten ist. Und es gab am selben Tag noch ein paar andere blöde Erlebnisse.) Und außerdem habe ich gerade ein dünnes Nervenkostüm und eine geringe Frustrationstoleranz.

Die Kombination aus blöden Erlebnissen mit weißen cis-Männern, meinem notorischen Feminismus und meiner geringen Frustrationstoleranz hat dann dazu geführt, dass ich (bevor ich mich mit den konkreten Wohnungsanwärter*innen auseinander gesetzt habe) beschlossen habe weiße cis-Männer zu benachteiligen.

Nachdem dieser Entschluss stand, habe ich die Interessent*innen einzeln kennengelernt. Ich hatte also schon eine vorgefertigte Meinung. Und siehe da: alle weißen cis-Männer waren mir spontan unsympathisch. Das überrascht mich nicht.

Ich frage mich aber, ob das eher etwas mit meiner Erwartungshaltung zu tun hat oder eher mit der Sozialisation, die ihnen viele konkrete Privilegiertheitserfahrungen bietet. Keine Ahnung.

mega traurig

Es gibt zwei Kinder, die ich in den letzten zwei Jahren regelmäßig gesehen habe und die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Bald wird unser Kontakt enden. Mich macht das unglaublich traurig. So traurig, dass es mich fast zerreißt.

Okay, ich habe gerade eine stressige Woche. Ich habe Schlafmangel. Und das sind zwei Faktoren, die mich sehr unausgeglichen machen. Das macht es für mich noch schwieriger. Wenn die Begleitumstände günstiger wären, könnte ich bestimmt auch mit der Traurigkeit besser umgehen.

Ich bin gerade ziemlich dissoziativ unterwegs. Und ich habe Probleme meine Körpertemperatur zu regulieren. Das ist eine Folge von Schlafmangel und Dissoziation. Außerdem habe ich Kopfschmerzen, bin unglaublich müde und kann mich kaum konzentrieren.

Die Traurigkeit kommt „nur noch“ oben drauf.

Irgendwie hat es mich unvorbereitet überfallen, dass die Traurigkeit so unaushaltbar ist. Ich kenne das zwar schon. Aber ich dachte eigentlich, ich könnte Traurigkeit schon besser aushalten. Jetzt ist sie da und ich habe das Gefühl, ich platze gleich vor Traurigkeit. Als ob die Traurigkeit mich auseinander reißen könnte wie eine Bombe.

Ich weiß, dass ich mir Ruhe gönnen muss. Und dass ich selbstfürsorglich sein muss. Und dass ich eine Weile brauche. Und dass es mir dann wieder besser geht.

Aber im Moment habe ich einfach nur den Wunsch zu schlafen und zu weinen. Abwechselnd, gleichzeitig, keine Ahnung.

ratlos

Liebes Du!

Seit zwei Jahren verbringen wir regelmäßig Zeit miteinander. Ich mag dich. Du bist für mich einzigartig. Mit deinem Eigensinn, deiner Wut, deiner Aggression, deiner Pingeligkeit, deiner Fixierung auf Mathematik und Naturwissenschaften, deinem Egozentrismus und deiner Beharrlichkeit. Ich habe gelernt dich lieb zu haben, auch wenn du deine Wut gegen mich und andere Menschen richtest. Dir Grenzen zu setzen, nicht nachzugeben, mich selbst zu schützen und gleichzeitig dich in deinen Herausforderungen zu begleiten.

Seit einer Weile gehst du zur Schule. Davor hat es mir schon lange gegraust. Ich bin froh, dass deine Eltern dich an eine integrative Schule schicken. Ich hoffe, dass die Erwachsenen dort mit deinen Besonderheiten umgehen können.

Ich vermute, dass du autistisch bist. Leider lassen deine Eltern dich nicht untersuchen. Sie befürchten, dass du durch eine Diagnose stigmatisiert werden könntest und dich dass in deiner freien Entfaltung behindern würde. Im Gegensatz zu deinen Eltern glaube ich, dass eine Diagnose für dich gut wäre, weil sie dir den Weg zu einer speziellen Förderung frei machen würde. Auch wenn du an einer integrativen Grundschule bist, kannst du von der dort angebotenen Förderung nur profitieren, wenn du eine entsprechende Diagnose vorweisen kannst. Es tut mir Leid, dass deine Eltern dafür nicht aufgeschlossen sind.

Neulich hattest du eine Verletzung an der Stirn, die seltsam aussah. Du hast oft Verletzungen an den Beinen, Füßen, Armen, Händen und im Gesicht. Das kommt davon, dass du oft stürzt, nicht sehr achtsam mit deinem Körper umgehst und zusätzlich noch regelmäßig in Schlägereien mit anderen Kindern verwickelt bist. Die Stirnverletzung sah aber anders aus als die üblichen Verletzungen. Du hattest keine Schwellung und kein Hämatom, sondern nur eine Abschürfung in der Mitte der Stirn. Deshalb habe ich dich gefragt, was da passiert ist.

Du hast es mir erzählt: Es ist in der Schule passiert. Dir war heiß und du wolltest dich abkühlen. Deshalb hast du versucht dich abzukühlen indem du deine Stirn am Teppich gerieben hast. Das hast du mir so erzählt. Ich wollte wissen, ob das wirklich eine Abkühlung gebracht hat. Du hast gesagt, dass es nicht geholfen hat. Und dass „die Anderen“ gesagt haben, du sollst damit aufhören.

Dabei habe ich es belassen und nicht weiter nachgehakt. Ich nehme an, dass du einen inneren Druck oder eine innere Anspannung verspürt hast, die du nicht erklären und nicht kanalisieren konntest und das als „heiß“ beschrieben hast.

Mich hat deine Erzählung erschreckt. Bisher habe ich bei dir noch kein autoaggressives Verhalten erlebt. Und es war das erste Mal, dass ich davon gehört habe, dass du dich autoaggressiv verhalten hast. Gegen andere Menschen (mich eingeschlossen) und gegen Gegenstände bist du regelmäßig aggressiv. Und ich weiß genau, dass du das immer dann tust, wenn du irgendetwas doof findest und nicht aushalten kannst. Deine Toleranzschwelle ist leider sehr niedrig.

Mir bereitet es Sorgen, dass du kurz nach deinem Eintritt in die Schule dort offensichtlich so stark überfordert warst, dass du autoaggressiv geworden bist.

Ich wünsche dir Erwachsene in der Schule, die kompetent mit deinem (vermeintlichen) Autismus umgehen können. Und ich wünsche dir, dass deine Eltern doch noch einsehen, dass du anders bist als die meisten anderen Kinder.

Und ich frage mich, was ich für dich tun kann. Da bin ich ratlos. Deine Eltern hören nicht auf mich. Ich habe es schon mehrfach versucht.

schwierig

Manchmal gibt es in meinem Leben Konflikte. In mir drin oder mit anderen Menschen.

Wenn ich eine Position beziehen möchte, die bei anderen Menschen Widerstand auslöst, brauche ich Stabilität.

Wenn eine Person, der ich vertraue, hinter mir steht, gibt mir das Halt. Dann fällt es mir leichter die unbequeme Position zu beziehen.

Manchmal muss eine andere Person mir eine Grenze setzen. Das darf sie.

Manchmal muss ich einen Konflikt in mir drin austragen, weil ich ihn nicht auf zwischenmenschlicher Ebene austragen kann. Dann muss ich aushalten, dass ich den Konflikt nicht thematisieren kann. Dann ist es kein zwischenmenschlicher Konflikt (mehr) sondern ein innerer Konflikt.

Es fällt mir schwer auszuhalten, dass ich vor einer anderen Person etwas verbergen muss, was ich gern zeigen würde. Wenn ich es zeige, tue ich uns beiden weh. Wenn ich es nicht zeige, tue ich nur mir selbst weh. Aber nicht so sehr, wie es weh tun würde, wenn ich es zeige.

Das ist eine Abwägung, ein sehr rationaler Konfliktlösungsansatz.

Diesen Ansatz habe ich früher öfter gewählt. Da war der Kontext anders. Der Kontext war damals gewaltvoll. Heute ist der Kontext liebevoll.

Es fällt mir schwer die Kontexte auseinander zu halten, weil mein Konfliktlösungsansatz mich an den früheren Kontext erinnert.

Vielleicht kann ich es trotzdem schaffen.

Im Stehen pinkeln

Wir waren gerade auf dem Spielplatz, ein paar Meter vom Haus entfernt. Kind 1 teilte mir mit, dass es pinkeln muss. Ich war dafür, dass wir zusammen nach Hause gehen um zu pinkeln. Das Kind war dafür an einem Busch zu pinkeln. Ich wusste schon, dass das Kind glaubt, nur mit Hilfe an einem Busch pinkeln zu können. Ich möchte, dass das Kind selbständiger wird. Deshalb habe ich mich auf das Pinkeln am Busch eingelassen, obwohl das Haus so nah war.

Ich habe zu Kind 1 gesagt: „Dann kannst du ja alleine am Busch pinkeln gehen.“

Kind 1: „Nein, das geht nicht, du musst mich halten.“

Ich: „Kannst du nicht im Stehen pinkeln?“

Kind 1: „Nein, das geht nicht!“

Da mischt sich Kind 2 ein: „Aber ich kann im Stehen pinkeln!“

Kind 1 zu Kind 2: „Du kannst im Stehen pinkeln, weil du eine Puschi hast. Deshalb bist du ein Mädchen. Ich nicht.“

Ich wundere mich darüber, dass Kind 1 glaubt, eine Person mit Vulva kann im Stehen besser pinkeln als eine Person mit Penis. Das behalte ich aber für mich.

Ich zu Kind 1: „Aber nicht alle, die eine Puschi haben, sind ein Mädchen. Es gibt auch Jungen mit Puschi.“

In der Zwischenzeit sind wir am Busch angekommen und Kind 1 nutzt die Gelegenheit um das Thema zu wechseln. Da ich ganz offensichtlich schwer von Begriff bin, was das Pinkeln am Busch mit und ohne Hochhalten betrifft, erklärt mir das Kind vorsichtshalber noch mal, wo ich das Kind anfassen und in welche Richtung ich es halten soll. In letzter Zeit hatte das Kind einen ordentlichen Wachstumsschub und ist ganz schön schwer geworden. Es wird Zeit, dass dieses Kind draußen-pinkeln-ohne-Hochhalten lernt, finde ich.

Übrigens können einige Personen mit Vulva auch im Stehen unfallfrei pinkeln. Es gibt Berichte darüber, dass isch das üben lässtl. Einige können das ganz ohne Hilfsmittel. Andere benutzen eine Urinella (= ein spezialisierter Trichter).

Fahrradladen

Vor ein paar Tagen war ich in meinem Lieblings-Fahrradladen um einen neuen Schlauch zu kaufen. Ich war schon etwas angepisst, weil mir der alte Schlauch kaputt gegangen ist und ich an dem Tag eigentlich schon genug zu tun hatte, aber das Fahrrad dringend gebraucht habe. Also bin ich mit meiner leicht angepissten Stimmung in den Fahrradladen gegangen. Der Laden ist vor einer Weile umgezogen. Seitdem habe ich noch keinen neuen Schlauch gebraucht. Ich wusste deshalb nicht, wo ich in dem großen Laden nach Schläuchen schauen muss.

Als ich in den Laden rein bin, bin ich zufälligerweise direkt an einer Mitarbeiterin vorbei gekommen. Und weil ich keine Lust auf Suchen hatte, habe ich sie gefragt, in welchem Regal die Schläuche sind. Statt zu antworten ist sie in Richtung des Regals los gelaufen und hat sich im Gehen erkundigt, welchen Schlauchtyp ich genau brauche. Sie hat ihn mir dann raus gesucht, zur Kasse gebracht und abgerechnet. Zum Regal bin ich ihr nicht gefolgt. Und als ich an der Kasse gesagt habe, dass ich eigentlich keinen Kaufbeleg brauche, hat sie ihn mir trotzdem ausgedruckt und gegeben.

In dem Laden war ich schon oft. Und ich kaufe dort eigentlich gern ein. Alle anderen Mitarbeiter*innen sind total nett und sachlich. Nur diese eine Mitarbeiterin behandelt mich so seltsam. Ich wollte gar nicht, dass sie mir einen Schlauch raus sucht. Das hätte ich auch gern selbst gemacht. Ich habe sie nur gefragt, wo das entsprechende Regal ist. Mir ist es so vorgekommen, als ob sie mir nicht zutraut, mich in der Umfangreichen Auswahl an Fahrradschläuchen zu orientieren. Dabei kann ich das gut. Ich kenne die Ventiltypen, die Raddurchmesser und einige Sondertypen von Fahrradschläuchen gut. Ich weiß, dass ich einen 28‘‘-Schlauch mit Dunlop-Ventil kaufen möchte. Und dass es die praktisch von jedem Hersteller gibt. Und dass ich den günstigsten haben möchte. Auf den Packungen der Schläuche kann ich gut erkennen, ob ich gerade den richtigen oder den falschen Schlauch vor mir habe. Ich brauche also gar keine Unterstützung bei der Schlauchauswahl.

Es gab schon mal so eine Situation in dem Fahrradladen, wo diese Mitarbeiterin mir nicht zugetraut hat, dass ich wirklich weiß, was ich kaufen möchte. Statt dessen wollte sie mir ein total überteuertes Produkt aufschwatzen, das für meinen Zweck völlig ungeeignet war. Ich konnte sie dann zum Glück überzeugen, dass ich einfach nur ein sprühbares Lösungsmittel haben wollte. Und ja, ich war mir ganz sicher, dass ich damit eine Nabenschaltung reinigen wollte. Und zwar innen. (Bitte fragt mich nicht, wieso die Staubschutzkappe der Nabenschaltung nicht wirklich vor eindringendem Dreck geschützt hat. Ich weiß es nicht, es ging ja auch nicht um mein Fahrrad.) Aber irgendwie hat mir diese Mitarbeiterin des Fahrradladens nicht ernsthaft abgenommen, dass ich wirklich eine Nabenschaltung im Inneren reinigen möchte. Sie hat sich direkt vor mir mit einer Kollegin unterhalten und ihr dabei erklärt, dass ich doch bestimmt Pfeifenputzer kaufen möchte um die Nabe äußerlich vor Staub zu schützen und dass man das heutzutage eigentlich nicht mehr macht. Das weiß ich selbst.

Ich habe mich jedenfalls schon 2x von der selben Mitarbeiterin nicht ernst genommen gefühlt. Alle anderen Mitarbeiter*innen in dem Fahrradladen sind immer sachlich, beantworten mir meine Fragen und verkaufen mir genau das, was ich haben möchte.

Diese eine Mitarbeiterin regt mich auf. Und ich frage mich, ob sie mit allen Kund*innen so umgeht. Und wenn nein, warum.

Tempo und so

Ich habe einiges zu tun. Ein paar Anrufe sind dringend zu erledigen. Die Küche habe ich jetzt schon aufgeräumt, das Geschirr abgewaschen und den Müll raus gebracht. Arbeiten möchte ich auch noch. Und nachher gibt es einen digitalen Vortrag, auf den ich mich schon sehr freue.

Mit Druck umgehen. Tätigkeiten in eine Reihenfolge bringen. Prioritäten setzen. Dinge von der To-Do-Liste streichen und auf die Not-To-Do-Liste setzen. Oder auf die Nächste-Woche-Vielleicht-To-Do-Liste. Auf meinen Körper hören.

Manchmal ist das schwierig.

Eigentlich hatte ich schon einen guten Weg gefunden um mit dieser Herausforderung umzugehen. Aber dann kommt in mir drin wieder dieser Drang mehr machen zu wollen. Weil es so viele schöne Dinge im Leben gibt. Oder es passiert etwas um mich herum. Und dann muss ich darauf reagieren und es ist egal, ob ich das will.

Dann ist er wieder da: der Druck handeln zu müssen und aktiv zu sein, obwohl ich eigentlich Ruhe bräuchte.

Vielleicht gibt es dafür kein Patentrezept. Aber ich bin nach wie vor immer wieder unzufrieden damit, dass ich so wenig belastbar bin.

Und dann macht auch noch mein Körper ganz seltsame Sachen. Deshalb muss ich mal zu einem Facharzt. Und ich mache mir wie immer Sorgen, dass es etwas wirklich Ernstes sein könnte. Ist es wahrscheinlich gar nicht. Vielleicht aber doch.

Der Vortrag heute lässt mich an früher denken. Es gab mal einen Punkt in meinem Leben, da hätte ich etwas ganz ähnliches tun können wie die Person gerade macht, die heute den Vortrag hält. Damals habe ich mich dagegen entschieden, weil ich nicht die Kraft dafür hatte. Das war eine strategische Entscheidung. Aus Sicht meiner Kapazitäten war es auch eine gute Entscheidung. Heute weiß ich aber: ich hätte mich auch dafür entscheiden können, wenn ich mir einfach mehr Zeit für die Aufgabe gelassen hätte. Heute kann ich mit meiner Kapazität anders umgehen und überblicke Aufgaben besser. Damals konnte ich das leider noch nicht. Aus damaliger Sicht war es gut, dass ich mich dagegen entschieden habe und eine intensive Auseinandersetzung mit dem verlockenden Thema auf später verschoben habe. Jetzt ist „später“ und ich kann mich mit dem verlockenden Thema so viel auseinander setzen, wie ich möchte. Das genieße ich.

Und gleichzeitig bin ich auch traurig, dass meine Behinderung mich immer wieder hindert, Dinge zu tun. Oder mich zwingt, Dinge anders zu tun, als ich möchte. Damals, als ich mich gegen eine Auseinandersetzung mit dem verlockenden Thema entschieden habe. Und heute, wo ich nur einen Bruchteil der Arbeitsleistung bringe, die ich gern bringen würde.

mal wieder: warten

Vorhin habe ich beim Laufen Salsa und Chacha gehört. Und ich vermisse das Tanzen. Irgendwie habe ich die Hoffnung, dass spätestens im September oder Oktober wieder Tanzkurse möglich sind. Aber jetzt ist der R-Wert doch wieder über die magische Eins geklettert. Ich bin unvorsichtig geworden. Und offensichtlich viele andere Menschen auch.
Ich habe keine Lust mehr auf regelmäßiges ausführliches Händewaschen. Und auf Gesichtsmaske. Klar, ich halte mich an die Vorschriften. Jedenfalls überall, wo es sichtbar ist. Wo es nicht auffällt, unterwandere ich sie aber gern. Händewaschen? Dafür nehme ich mir nicht mehr jedes Mal die vorgegebenen 20 Sekunden. Neulich war ich über eine Stunde mit mehreren Menschen in einem geschlossenen unbelüfteten Raum. Hätte es nicht gewittert, wären wir draußen gewesen. Aber auch da haben wir keine 1,5 m Abstand gehalten.
Es ist gut, dass es all die Schutzmaßnahmen zur Virus-Ausbreitung gibt. Ich stehe eigentlich voll dahinter. Aber ich habe einfach keine Lust mehr zu warten bis die Tanzkurse wieder los gehen. Und bis das Kino öffnet. Demnächst verschenke ich einen Kino-Gutschein. In der Hoffnung, dass er dieses Jahr noch zum Einsatz kommt. Mal sehen.
Mir tun alle Leid, die dieses Jahr wichtige und herausfordernde Dinge tun. Sowas wie: einen Schulabschluss machen, einen Führerschein erwerben, eingeschult werden, sich selbständig machen, ein Kind bekommen oder einen Fernumzug machen. Bei mir wurde zwar auch einiges in den digitalen Bereich verlagert um Kontakte und die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu begrenzen. Aber das ist alles nicht besonders aufregend bei mir. Viel spannender ist es zB für Studierende, deren Semesterablauf völlig durcheinander geraten ist und bei denen die Studienanforderungen dieses Semester viel zu hoch sind, weil die Dozent*innen den veränderten Aufwand falsch einschätzen.
Auch, wenn ich auf hohem Niveau jammere, vermisse ich das Tanzen.