Das Problem

Ich habe ein Problem. Es ist ein großes Problem. Und ein weitreichendes Problem. Es ist immer da.

Manchmal belastet es mich stärker als sonst. In letzter Zeit und jetzt gerade ist es wieder soweit. Ich bin traurig, frustriert, finde die Situation doof, muss immer wieder an das Problem denken und habe ziemlich heftige Rückenschmerzen, Verspannungen und sicher auch die eine oder andere Wirbelblockierung.

Das Problem ist einfach da. Ich habe es nicht verursacht. Und ich kann es nicht beseitigen. Ich muss damit leben.

Es ist hart.

Wenn mir eine andere Person davon erzählen würde, dass sie dieses Problem hat, würde mich das sehr betroffen, wütend und auch ratlos machen. Allerdings ist es nicht eine andere Person, die dieses Problem hat. Ich bin es.

Und da bin ich dann auch schon in einer gedanklichen Sackgasse angekommen.

In dieser Sackgasse war ich schon oft. Es fühlt sich so an, als wäre es eine Sackgasse in einer Sackgasse.

Meine Therapeutin hat mal bei einer anderen Sache (die doof ist, die ich nicht ändern kann und die ich aber auch nicht akzeptieren will und kann) gefragt, ob ich akzeptieren kann, dass ich das nicht akzeptieren kann. Das konnte ich.

Hier ist es ja auch so: das Problem ist doof (genauer gesagt: eine richtige Scheiße), ich kann es nicht ändern und ich kann und will es nicht akzeptieren. Ob ich bei diesem Problem akzeptieren kann, dass ich es nicht akzeptieren kann?

Ich bin traurig.

Es gibt die Theorie, dass Traurigkeit etwas mit Loslassen zu tun hat. Für mich ist traurig sein ja sowieso ein schwer aushaltbares Gefühl. Ich will das Problem aber gar nicht loslassen. Ich will, dass es nicht da ist und nie da gewesen ist. Und das funktioniert nicht. Und ich will auch nicht den Wunsch loslassen, dass das Problem nie dagewesen ist. Denn dann würde ich akzeptieren müssen, dass das Problem da ist.

Mir ist übel.

Ich habe den Eindruck, ich muss eine Bewältigungsarbeit leisten, die ich nicht leisten kann. Und die vielleicht auch kein anderer Mensch leisten kann? Gibt es Menschen, die es irgendwie geschafft haben, die Existenz dieses Problems irgendwie in das Bild von ihrem Leben zu integrieren?

Ich möchte Erbsen essen. Erbsen sind so ein beruhigendes Kindheits-Essen. Ein Essen, dass mir den Eindruck vermittelt, dass es etwas Okayes in all der Dramatik gibt.

Ich wünsche mir die Hoffnung, dass ich die Bewältigungsarbeit leisten kann. Irgendwie. Mich macht das ganz fertig, so wie es ist.

Und ich würde gern mal so richtig heulen. Das bekomme ich nicht hin. Eine Träne oder zwei kriege ich raus, aber mehr nicht. Dabei wäre es schön mal wieder die Erleichterung danach zu spüren.

dein Tempo

Liebes du!

Ich vertraue darauf, dass du weißt, was für dich gut ist, und dass du am besten das Tempo bestimmen kannst, in dem du dich deinen Herausforderungen stellen möchtest.

Trotzdem hat mich das ganz schön überrollt.

Ich habe mal gehört: Ein Konflikt ist, wenn eine Information nicht integriert werden kann.

Mir ist klar: es gibt eine Information, die wir nur gemeinsam integrieren können – und das fällt uns schwer. Es gibt dafür keinen vorgegebenen Lösungsweg. Ich kenne von anderen Menschen drei verschiedene Lösungswege. Einen davon möchtest du nicht (und ich weiß nicht, ob ich ihn möchte). Einen möchten wir beide nicht. Den dritten möchtest du (aber ich weiß nicht, ob ich ihn möchte).

Eigentlich hatte ich gar nicht vor, das Konfliktthema zu besprechen. Eigentlich wollte ich das Thema zur Zeit gar nicht anpacken. Mir ist zwar klar, dass wir IRGENDWANN uns damit auseinander setzen müssen. Aber jetzt?! Nein, danke.

Für dich ist das aber anders. Du wolltest es ansprechen. Vielleicht, weil du das nicht-drüber-sprechen nicht mehr ausgehalten hast?

Kann ich jetzt wieder an den Punkt zurück kehren, an dem ich innerlich behaupte, die Auseinandersetzung mit dem Thema können wir locker in die Zukunft verschieben? Mit dem schalen Beigeschmack, dass ich mir sonst eigentlich immer anmaße, schwierige Themen jederzeit ansprechen zu dürfen, auch wenn es dich überrollt? Welches Bild habe ich denn da eigentlich von meiner Rolle innerhalb unserer zwischenmenschlichen Beziehung?

Ich habe keine Lösung für den Konflikt. Ich kenne meinen eigenen Standpunkt nicht so genau. Deshalb kann ich ihn auch nicht ernsthaft vertreten. Ich ziehe zwei mögliche Standpunkte für mich in Erwägung. Und vor allem will ich Zeit gewinnen. Ich bin mir sicher, dass jetzt gerade nicht der Zeitpunkt ist, wo ich mich ein für alle mal festlegen möchte. Das macht dich unsicher. Ich verstehe das. Und ich möchte dich nicht verunsichern.

Vertrackte Situation.

Meine Unsicherheit. Deine Unsicherheit. Mein Sicherheitsbedürfnis. Dein Sicherheitsbedürfnis. Und jetzt: dein Wunsch nach einer Klärung, obwohl ich gar nicht so weit bin.

schamlos

Inhalts-Info: sexualisierte Gewalt

Manche Menschen schreiben oder sprechen über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt in einer Art, die ich nicht praktizieren möchte. (Ich weiß nicht, ob es mir gelingt.) Der Unterschied zwischen ihrer und (hoffentlich) meiner Art des Sprechens/Schreibens über sexualisierte Gewalt ist die Nicht-/Auseinandersetzung mit Scham. Ich setze mich nicht mit Scham auseinander, wenn ich über sexualisierte Gewalt schreibe oder spreche. Weder explizit noch implizit.

Ich vermute, dass das daran liegt, dass meine Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt nur sehr wenig von Schamgefühlen begleitet sind. Das ist bei anderen Personen anders. Und es ist auch völlig in Ordnung, dass das bei ihnen so ist! Ich bin nur sehr froh, dass ich mit meiner schamlosen Perspektive einen anderen Standpunkt zu der Debatte um sexualisierte Gewalt beitragen kann, damit sie vielfältiger ist.

Meine Schamlosigkeit führt dazu, dass ich nicht (bewusst oder unbewusst) durch den Filter der Scham meine Worte prüfe, bevor ich sie ausspreche oder ausschreibe. Ich muss also die Hürde der Scham nicht überwinden, weil sie gar nicht da ist.

Ich glaube, meine Schamlosigkeit kommt daher, dass ich Gewalt in meiner Kindheit von Anfang an als so selbstverständlich erlebt habe wie tägliches Zähneputzen. Durch die Selbstverständlichkeit der (sexualisierten) Gewalt bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass hier etwas schief läuft bzw. dass irgendwer etwas Schlimmes tut bzw. dass irgendwer an dem Schlimmen schuld sein könnte. Schuldgefühl und Schamgefühl hängen eng zusammen. Ich gehe davon aus, dass ich durch die fehlenden Schuldgefühle und die fehlende Schuldzuweisung auch im Zusammenhang mit der sexualisierten Gewalt kein Schamgefühl entwickelt habe, so wie es viele andere Menschen haben.

stop and go

(Kollektive Erfahrungen führen zu kollektiven Narrativen. Der Vorteil dabei ist: alle Menschen, die das hier lesen, haben Erfahrung mit einer Pandemie und ich kann beim Schreiben dieses Textes an ihre vermutete Erfahrung anknüpfen.)

Wenn etwas doof ist, möchte ich, dass das Doofe komplett aufhört oder weniger doof wird. Trotzdem gibt es in doofen Situationen manchmal Rückschläge. Und dann muss ich damit klar kommen, dass in der Realität das Gegenteil meines Wunsches eintritt. Später geht die Tendenz dann wieder in meine gewünschte Richtung. Und dann wieder in die ungewünschte. Und wieder in die gewünschte. Es gibt zwar prinzipiell die Hoffnung, dass sich alles langfristig in eine positive Richtung entwickelt, aber es gibt dafür weder einen Zeitplan noch die Garantie, dass es wirklich gut oder wenigstens befriedigend wird.

Mit meiner chronischen Krankheit ist das auch so. Zur Zeit bin ich an einem Punkt, wo es über längere Zeit eine Verschlechterung gab und ich jetzt zwar nicht mehr weiter absacke, aber zumindest an einem Tiefpunkt bin, an dem ich schon lange nicht mehr war. Und es kommt mir so vor, als ob ich in einer Sackgasse stecke. Ich habe gerade nur selten die Hoffnung, dass es besser wird. Das liegt daran, dass ich in der Vergangenheit meine Handlungsoptionen schon so ziemlich ausgeschöpft habe und gerade nicht weiß, ob da überhaupt noch was zu holen ist. Ich habe mir vorgenommen, wieder in die Klinik zu gehen. Das ist gerade die einzige Option, die mir Hoffnung auf Verbesserung macht.

Es fällt mir sehr schwer, die Gesamtsituation zu akzeptieren. Ich möchte nicht dieses stop and go in meinem Leben haben. Vor allem möchte ich nicht, dass die Rückschläge bei mir so stark sind. In den letzten Monaten habe ich wieder Situationen erlebt, von denen ich eigentlich geglaubt habe, ich hätte sie schon längst hinter mir gelassen. Das hat mich erst schockiert, dann frustriert und letztlich zermürbt. Aktuell bin ich zermürbt und frustriert.

Chronische Krankheit nervt.

Ich kann manche Teilaspekte der chronischen Krankheit nicht in mein Selbstbild integrieren. Ich lehne sie als Teil meines Lebens ab.

Warum habe ich es eigentlich geschafft, andere Teilaspekte der chronischen Krankheit in mein Selbstbild zu integrieren? Ich schaffe es ja mit Leichtigkeit einiges einfach so anzunehmen, wie es ist. Was ist da anders?

Außerdem bin ich gerade von meiner ambulanten Therapie genervt, weil ich den Eindruck habe, dass mir das gerade nichts bringt. Allerdings möchte ich die Therapie auch nicht unbedingt beenden.

Alles ziemlich sackgassig. Und innerlich verknotet.

Ich mache mir mal zwei Listen: Teilaspekte der chronischen Krankheit, die ich gut akzeptieren kann, und Teilaspekte, die ich nicht akzeptiere.

dein Neuland

Liebes du!

Wenn ich Lust habe, kann ich mit dir zusammen raus finden, wie du zu cisnormativen Vorstellungen stehst. Ich habe Lust.

Neulich hast du mich besucht um mein Haustier kennen zu lernen (nachdem wir beide einen negativen Test gemacht hatten). Es ist ein Hamster. Als wir den Hamster aus dem Tierheim abgeholt haben, wurde er uns als weibliches Tier vermittelt. Wir hatten aber vorher schon einen Namen ausgesucht, der männlich assoziiert ist. Also haben wir jetzt einen Hamster mit männlichem Namen und Pronomen „sie“. (Das ist das Ergebnis von einem Findungsprozess, an dem nicht nur ich sondern auch die andere Person beteiligt war, die mit mir zusammen den Hamster hält. Wenn es nur mein Hamster wäre, hätte er einen männlichen Namen und das Pronomen „er“.)

Als ich dir das vor ein paar Wochen erzählt habe, hast du mir gesagt, dass das korrekte Pronomen für ein Lebewesen mit diesem Namen „er“ sei. Ich habe dagegen gehalten. Du hast nicht diskutiert und mit den Schultern gezuckt.

Dein Schulterzucken habe ich so gedeutet: du glaubst, dass es keinen Sinn hat, das mit mir zu diskutieren, weil ich eh nicht nachgeben werde, obwohl du der Meinung bist, dass ich mich irre.

Vielleicht hatte dein Schulterzucken aber auch eine andere Bedeutung. Ich habe nicht nachgefragt.

Neulich warst du also bei mir zu Hause. Ich habe dir gut zugehört, wie du über den Hamster gesprochen hast. Du hast manchmal „er“ und manchmal „sie“ gesagt. Ich habe die ganze Zeit „sie“ gesagt.

Ich gehe davon aus, dass das Thema geschlechtliche Vielfalt in unserem Kontakt noch mehrmals auftauchen wird (und es ist schon aufgetaucht bevor es bei mir zu Hause einen Hamster gab). Ich bin gespannt, wie du in Zukunft damit umgehen wirst, dass ich Cisnormativität ablehne.

Einfach

Ich spiele Klavier. Einen Walzer von Chopin in a Moll. Das Leben ist einfach. Die Musik und meine Gefühle passen zusammen. Ich fühle mich richtig.

Ich habe mir vorgenommen ein Liste zu machen mit Dingen, die ich in der Absicht tue, in meinem Leben positive Veränderungen herbei zu führen. Das sind kleine Dinge: zum Beispiel einen Ableger von einer Zimmerpflanze eintopfen und die Mutterpflanze verschenken.

Ziel ist, dass ich mir bewusst mache, dass ich aktiv auf Verbesserungen meines Lebens hin arbeite. Auch wenn es nach minimalen oder unbedeutenden Verbesserungen aussieht. Ich möchte mir bewusst mache, dass ich meine Kraft nicht nur dafür einsetzt, den aktuellen Zustand aufrecht zu erhalten. Denn darauf verwende ich viel Zeit und Kraft. Zum Beispiel indem ich meine Zähne putze, die Wohnung aufräume und mich um die Stabilisierung meiner psychischen Verfassung bemühe. Mir kommt es so vor, als würde ich fast ausschließlich dafür meine Kraft verwenden. Davon bin ich genervt. Vor allem, weil ich den Eindruck habe, dass ich da nicht nachlässig werden darf, sonst sacke ich ab. Und weil ich den Eindruck habe, es bleibt darüber hinaus fast keine Kraft mehr für Dinge übrig, die mich vorwärts bringen. Und für Dinge, die mir das Gefühl geben richtig zu sein. So wie Klavier spielen. Deshalb habe ich jetzt fest vor, diese Liste zu schreiben um mir bewusster zu machen, dass ich Zeit und Kraft für Verbesserungen meiner Lebenssituation investiere.

Auf der Stelle

In den letzten Monaten habe ich den Eindruck, dass ich kein bisschen voran komme. Gleichzeitig wünsche ich mir Veränderungen. Nicht irgendwelche, sondern welche, die mich in eine bestimmte Richtung bringen. Ich bin unzufrieden, weil ich auf der Stelle zu treten scheine.

Unzufriedenheit ist ein blödes Gefühl. Ich habe den Drang etwas zu verändern. Aber meine bisherigen Versuche haben mich nicht weiter gebracht.

Dazu kommt noch, dass ich recht energiearm bin. Ich weiß, dass das zum Einen an dem Schlafmangel liegt, der mich monatelang begleitet hat. Und zum Anderen an den vielen Herausforderungen, die es in letzter Zeit in meinem Leben gab.

Es fällt mir schwer das zusammen zu denken: die in verschiedene Herausforderungen geflossene Energie und die Unzufriedenheit mit dem auf-der-Stelle-treten-Eindruck. Wenn ich das zusammen denken könnte, würde das vielleicht meinen Unzufriedenheits-Auslöser relativieren. Das wünsche ich mir.

Von hinten durch die Brust ins Knie

Liebes du!

Wir kennen uns schon ein paar Jahre und hatten jetzt 2,5 Jahre keinen Kontakt mehr. Ich glaube, ich habe dir nicht gesagt, warum ich weg gegangen bin, meine Telefonnummer geändert habe und den Kontakt zu fast allen Menschen abgebrochen habe. Ich fand es gut, dass du den Grund nicht kanntest. Ich wollte, dass du denkst, unsere Wege haben sich zufälligerweise getrennt. Obwohl es von meiner Seite aus Absicht war. Und das hat nicht mal etwas mit dir zu tun. Es hat einfach damit zu tun, dass ich zu meiner Sicherheit alle Kontakte abbrechen musste.

Jetzt habe ich von einer Veranstaltungsreihe gelesen, von der ich dir gern erzählen würde. Sie ist für Menschen mit deiner Berufsrichtung konzipiert und so wie ich dich einschätze interessiert sie dich bestimmt.

Um dir davon zu erzählen müsste ich wieder Kontakt zu dir aufnehmen. Aber es wäre dann wichtig, dass du niemandem weiter erzählst, dass ich mich bei dir gemeldet habe, wo ich jetzt wohne, welchen Namen ich jetzt benutze und auf welchem Weg ich erreichbar bin.

Unser Kontakt war nie so eng, dass ich dir von meinem Sicherheitsproblem erzählen wollte. Und daran hat sich auch mit zeitlichem Abstand und Kontaktlosigkeit nichts geändert. Wenn ich es dir aber nicht sage, besteht die Gefahr, dass du aus Versehen meine Identität ausplauderst. Und das Problem ist, dass du mindestens eine Person kennst, die davon auf keinen Fall erfahren darf.

Ich erinnere mich nicht, ob du weißt, dass ich mit dieser Person eine besondere Verbindung habe. Ich erinnere mich nur, dass ihr zusammen studiert habt und dass du mich und diese Person gleichzeitig zu Partys eingeladen hast.

Mir ist das zu riskant dir locker-flockig von der Veranstaltungsreihe zu erzählen ohne mein Sicherheitsproblem zu benennen und dich um Diskretion zu bitten.

Und mir ist das (für unsere nicht sehr enge und nun schon länger nicht mehr bestehende Beziehung) zu vertraut, dir von meinem Sicherheitsproblem zu erzählen und dich um Stillschweigen zu bitten.

Außer der Veranstaltungsreihe, von der ich dir gern erzählen würde, fände ich es auch sowieso toll, mal zu hören, wie es dir geht und was du machst. Ich kenne nicht viele Menschen, die eine Partnerschaft mit einer trans Person haben, und auch in dieser Hinsicht fände ich es spannend mit dir sporadisch in Kontakt zu sein.

Ich habe in Erwägung gezogen, dir eine kurze Nachricht zu schreiben und zu fragen, wie es dir so geht. Dabei würde ich dir nebenbei meine (schon lange nicht mehr) neue Telefonnummer geben. Ich müsste dir also gleichzeitig sagen, wer dir diese Nachricht schreibt. Dabei müsste ich meinen alten Namen benutzen, damit du mich erkennst. Ich würde mich fremd fühlen, wenn ich meinen alten Namen so benutzen würde, als wäre es mein aktueller. Um das Fremdheitsgefühl zu vermeiden könnte ich sagen „Ich hieß früher mal Klaus-Dieter und jetzt Peter-Albert“. Das Nennen meines aktuellen Namens macht mir aber Angst, wenn ich dich nicht gleichzeitig darum bitte, niemandem weiter zu sagen, dass ich mich bei dir gemeldet habe und wie ich jetzt heiße. Und das ohne Erklärung zu sagen ist mir zu gefährlich. Insgesamt eine verkorkste Situation.

Ich bin noch nicht sicher, ob ich überhaupt zu dir Kontakt aufnehmen möchte. Und ich bin traurig darüber, dass ich dieses Sicherheitsproblem habe, das mir einen unkomplizierten Kontakt mit dir verwehrt.

Zwischenraum

Es hat sich eine Lücke ergeben zwischen der Werktags-Geschäftigkeit und der Wochenend-Geschäftigkeit. Ich habe resümiert und festgestellt, dass ich bereits alles geschafft habe, was ich mir für heute vorgenommen hatte. Und dass ich diese Woche überhaupt viel geschafft habe und trotzdem gerade so genug Pausen gemacht habe. Darüber freue ich mich einen kurzen Augenblick. Dann bemerke ich, dass da eine Lücke ist zwischen den Geschäftigkeiten. Und spontan werde ich traurig. Weil mir einfällt, dass meine Geschäftigkeit vorgeschoben ist, damit ich mich den ungelösten Problemen nicht stellen muss. Und weil ich merke dass ich allein beim Gedanken an die ungelösten Probleme Angst bekomme, mich überfordert zu fühlen, wenn ich versuche die Probleme zu lösen.

Ich entscheide mich die Lücke zwischen den Geschäftigkeiten mit einem ausgedehnten Spaziergang zu füllen.

Draußen ist Frühling. Ein April wie in meiner Kindheit. Es ist kälter als in den letzten Jahren.

Ich gehe den schmalen Pfad entlang auf dem ich meistens allein bin. Diesmal sitzen Menschen auf der Bank, die ich eigentlich besetzen wollte. Kurz fühle ich mich vom Leben betrogen, weil MEINE Bank plötzlich nicht mir gehört und ich nichts dagegen tun kann was mit meinen Werten vereinbar ist. Mir fällt ein, dass es ja eigentlich ein großer Zufall ist, dass die Bank bisher immer frei war, wenn ich vorbei gekommen bin. Und dass sie selbstverständlich nicht mein Eigentum ist. Und dass meine Entrüstung unangemessen ist.

Ich denke an die Menschen, mit denen ich kooperieren wollte und die eine Kooperation mit mir abgelehnt haben. In dieser einen Angelegenheit haben bisher ausnahmslos alle, mit denen ich mir die Kooperation vorstellen konnte, abgelehnt.

Ich denke an die Psychoedukation zu Depression, an der ich teilgenommen habe. Dort wurde unter anderem von Generalisierung gesprochen. Und von Bewertungen, die die negativen Teilaspekte übermäßig stark in den Mittelpunkt rücken.

Ich merke, dass ich bei der Suche nach einem Kooperationspartner auch die erfahrenen Ablehnungen übermäßig stark negativ bewerte. Ich frage mich, wie ich das ändern kann. Und ich frage mich, ob ich das überhaupt ändern will. Ich frage mich, ob das nicht einfach alles zu viel für mich ist und ich es besser lassen sollte. Und ob meine negative Bewertung meiner bisherigen Erfahrungen nicht vielleicht ein Ausdruck davon ist, dass ich mir zu wenig Zeit nehme für meine Zweifel, die ich an dem Projekt habe. Und ob sie sich auf diesem Weg vielleicht ausdrücken.

Dann bin ich wieder zu Hause. Spontan fällt mir ein, ich könne ein aufwändiges Essen kochen. Und ich merke: ich stürze mich schon wieder in Geschäftigkeit.

Klappkarte

Neulich habe ich nach der Karte gesucht, die meine Mutter damals geschrieben und an die Verwandtschaft verschickt hat, als mein großer Bruder seine Namens- und Personenstandsänderung hatte. Ich wollte nochmal nachschauen, in welchem Jahr das war. Eigentlich wollte ich das schon länger wissen. Aber ich habe mich nicht getraut die Karte zu suchen, weil ich zu dieser Karte einen ambivalenten Bezug habe und weil ich beim Gedanken daran schwer händelbare Emotionen bekomme.
Wenn ich plattgebügelte Erzählungen über Transition höre oder lese, klingen sie immer wieder ähnlich. Das hat den Nachteil, dass die Ecken und Kanten an den Rand gedrängt oder ignoriert werden zu Gunsten eines linear erzählbaren und leicht verstehbaren Handlungsstrangs. Dabei sind die Ecken und Kanten wesentlich spannender. Die Karte meiner Mutter ist so eine Ecke, die irgendwie nicht so recht in das Mainstream-Bild von Transition passen will.
Mir wird übel, wenn ich daran denke. Aus ihrer Weltsicht heraus betrachtet hat sie alles richtig gemacht: sie hat ein (von ihr als familiär bedeutsam gedeutetes) Ereignis formell und transparent in der Verwandtschaft mitgeteilt. Darauf war sie bestimmt total stolz. Vor allem, weil die Familie ziemlich konservativ und religiös ist. In ihren Augen hat meine Mutter sich da bestimmt sehr für ihr Kind eingesetzt und es gegen mögliche Anfeindungen vorbeugend in Schutz genommen.
Das wünschen sich bestimmt viele von ihren Eltern, wenn sie sich als trans outen. Und bestimmt gelingt das nur bei wenigen. Mir fällt es schwer zu sagen, wie es mir mit dieser Karte wirklich geht, weil ich denke „ich sollte mich freuen“ und gleichzeitig meine Mutter für diese Karte hasse. Ich frage mich, ob es vielleicht eine Zumutung ist für diejenigen, die sich Support von ihren Eltern wünschen oder gewünscht haben ohne ihn zu erhalten, wenn ich den negativen Teil meiner Ambivalenz ausführe. Trotzdem möchte ich es tun, gerade weil ich mich damit bisher immer sehr zurück gehalten habe.
Meine Mutter hatte keine andere Möglichkeit als sich der Tatsache zu stellen, dass mein großer Bruder trans ist. Schließlich hat er seine amtlichen Dokumente ändern lassen. Das lässt sich nicht ignorieren oder wegdiskutieren. Das lässt sich nicht als Verwirrung oder Phase bezeichnen. Sie MUSSTE sich dazu positionieren. Bis zu dem Zeitpunkt hat sie seine geschlechtliche Besonderheit immer ignoriert. Sie hat sich nie dazu geäußert. Sie hat sich noch nicht einmal Mühe gegeben die Jungenhaftigkeit meines Bruders zu verschleiern. Es war für sie ein Tabu, über das nicht mal ansatzweise gesprochen werden durfte. Als sie durch die Namens- und Personenstandsänderung nicht mehr anders konnte als den Tatsachen ins Auge zu blicken und sich dazu zu positionieren, hat sie in dem von ihr geschriebenen Text der Klappkarte so getan, als hätte sie schon immer gewusst, dass mein großer Bruder trans ist. Und als würde sie jetzt allen anderen das Missgendern verbieten, weil sie ja die Wahrheit für sich gepachtet hat und weiß wie die Welt in (einer als geheim angenommenen) „Wirklichkeit“ funktioniert. An die Wand gedrängt konnte sie die Wahrheit nicht mehr ignorieren und hat dann so getan, als ob sie mit der Wahrheit kein Problem hätte und sie schon immer gewusst hätte.
Widerlich.
Und das erinnert mich so sehr an ihren Umgang mit der sexualisierten Gewalt in meiner Familie. Da hat sie auch alles dafür getan, dass nach Außen kein Mensch etwas davon mitbekommt.
Ich finde es okay, dass ich meine Mutter hasse. Nach allem, was sie mir angetan hat. Und ihre Scheinheiligkeit gehört zu den Seiten von ihr, die meinen Leidensdruck als Kind verstärkt haben. (Ehrlich gesagt finde ich diesen Absatz zu kryptisch, habe aber keine Lust auf Ausführungen, weil es mir in diesem Text um die Klappkarte geht und nicht ums große Ganze der gewaltvollen Beziehung.)