aktiv warten

Zur Zeit warte ich auf etwas. Alles, was zu tun war, habe ich getan. Sehr selten kommt ein Moment, wo ich wieder etwas tun kann. Hauptsächlich muss ich warten. Ohne dabei etwas zu tun. Ich werde wahrscheinlich 2-3 Jahre Gesamtwartezeit haben. Einen Teil davon habe ich schon hinter mir. Aber wahrscheinlich liegt der größere Teil noch vor mir.
Warten ist ätzend. Warten ist so passiv. Es fällt mir schwer, nichts tun zu können.
Ich habe heraus gefunden, dass ich mit meiner passiven Rolle besser umgehen kann, wenn ich gut informiert bin über das, was andere Menschen während dessen tun. Zum Beispiel beim Zahnarzt: da kann ich mich viel besser behandeln lassen, wenn ich immer genau informiert werde, was als nächstes getan wird.
Und ich habe heraus gefunden, dass ich mit einer passiven Rolle besser umgehen kann, wenn ich weiß, wie lange ich diese Rolle noch einnehmen soll. Und wenn ich zwischendurch Orientierungsmarkierungen habe. Zum Beispiel die Zwischenhalte beim Zugfahren.
Mit diesem Wissen über mich versuche ich mir das aktuelle Warten leichter zu machen. Ich habe in mich hinein gehorcht um heraus zu finden, was mir daran so schwer fällt. Und ich habe beobachtet, worauf ich meinen Hauptfokus richte, wenn ich mich damit auseinander setze, was das Warten in mir drin auslöst. Und ich habe mich gefragt, was es mir leichter machen kann, das aktuelle Warten auszuhalten.
Mir ist aufgefallen, dass die Zeit für mich spielt. Je länger das Warten dauert, umso wahrscheinlicher wird es, dass das Ergebnis für mich positiv ist. Deshalb habe ich mir ein Symbol überlegt, das dafür stehen soll, dass die Wartezeit etwas Positives ist, weil jeder Tag des Wartens mich dem erhofften Ergebnis näher bringt. Ich habe mir eine große Vase aus Glas und Dekosteine besorgt. Und jeden Tag lege ich einen weiteren Stein in die Vase. Je voller die Vase wird, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass alles gut wird.
Dieses Symbol ändert nichts daran, dass das Warten an sich immer noch etwas Passives ist. Das will ich gar nicht durch Euphemismen verschleiern. Aber irgendwie ist es gut, dass ich aktiv etwas tun kann, das mit dem Warten zu tun hat. Ich habe mir sozusagen einen Fahrplan erstellt, der Zwischenhalte enthält. Das ist ein spielerisches Vorgehen.

Überraschung

Vorhin beim Abendessen haben mich die beiden Kinder, die mit mir am Tisch saßen, überrascht. Sie sind 6 und 9 Jahre alt. Und wir verbringen meistens 1x pro Woche einen Abend zusammen.

Das ältere Kind hat mir mitgeteilt, dass es keine Kinder haben möchte, sondern später „das mal so wie du“ machen möchte. Es hat eine Weile gedauert, bis ich heraus gefunden habe, was dieses Kind so wie ich machen möchte. Und ich war überrascht. Dieses Kind möchte genau wie ich eine (vermeintlich) gleichgeschlechtliche Beziehung und keine Kinder haben.

Vor allem war ich erstaunt darüber, dass das Kind denkt, dass ich keine Kinder haben möchte. Ich dachte, ich hätte schon gesagt, dass ich Kinder haben möchte. Aber das ist wohl untergegangen. Und ich war erstaunt, dass das Kind einen Zusammenhang zwischen gleichgeschlechtlicher Beziehung und Kinderlosigkeit hergestellt hat.

Die Gelegenheit habe ich gleich mal genutzt um mit den Kindern darüber zu reden, woher die Babys kommen: aus dem Bauch natürlich. Und dass sie entstehen, wenn eine Eizelle und eine Samenzelle zusammen treffen.

Dabei habe ich einiges weggelassen: dass es auch unerfüllten Kinderwunsch gibt, und Fehlgeburten, und Totgeburten, dass das entscheidende Zusammentreffen der Zellen in einem Körper oder in einem Labor geschehen kann, dass für ein Zusammentreffen im Körper mehr als nur eine Samenzelle nötig ist, und bei einigen Arten der Befruchtung im Labor auch, dass Ei- und Samenzellen sich in einem jeweils bestimmten Zustand befinden müssen. Und wahrscheinlich noch einiges mehr.

Aber ich habe meine Worte ganz selbstverständlich so gewählt, dass ich keine Geschlechtszuschreibungen für die Personen verwendet habe, von denen die Zellen stammen.

Und ich habe ein Stück gekochte Möhre und eine Erbse symbolisch als Eizelle und Samenzelle verwendet, sie aufeinander zu bewegt und dann versucht die Erbse in der Möhre zu versenken, was zu einem ziemlichen Gematsche geführt hat. Aber immerhin konnte ich die Magie der Sache – nämlich das Einswerden von zwei Zellen – verdeutlichen.

Dann kam die Frage auf, von welchen Menschen denn jetzt die Eizelle und die Samenzelle stammen.

Ich dachte mir, wenn wir schon mal dabei sind, dann bin ich gleich mal ziemlich ehrlich. Und ich habe das ältere Kind, das die Frage gestellt hat, zurück gefragt, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Das Kind war irritiert. Deshalb habe ich für das Kind geantwortet und das Kind hat meine Antwort als richtig bestätigt. Dann habe ich gefragt, woher das Kind das weiß. Und gleich selbst geantwortet: weil das Kind es einfach weiß. (Ich konkretisiere: das Kind kennt seine Geschlechtsidentität, weil es sie einfach kennt – und aus keinem anderen Grund.) Und ich habe dann gesagt, dass die meisten Menschen wissen, ob sie ein Mädchen oder ein Junge oder ein Mann oder eine Frau sind. (Natürlich gibt es noch mehr Geschlechtsidentitäten als nur weiblich und männlich, aber das wollte ich nicht auch noch thematisieren.) Und dass es Kinder gibt, die wie ein Junge aussehen, aber genau wissen, dass sie ein Mädchen sind. Und Kinder, die wie ein Mädchen aussehen, aber genau wissen, dass sie ein Junge sind. Dann bin ich wieder auf die Frage zurück gekommen, von wem jetzt die Eizelle und von wem jetzt die Samenzelle stammt: Das ist ganz unterschiedlich. Je nach dem. Ich habe in meinem Bauch Eizellen, habe ich gesagt. Und das Kind, das gefragt hat, hat vermutlich auch Eizellen im Bauch, habe ich gesagt. Und das andere Kind hat vermutlich Samenzellen, habe ich gesagt. (An der Stelle war ich unpräzise. Ich habe gesagt, dass die Samenzellen auch im Bauch sind, was nicht stimmt, jedenfalls bei den meisten Menschen nicht, aber ich wollte es für ein Einstiegs-Gespräch echt nicht übertreiben.)

Anschließend wollte das jüngere Kind uns allen sein Buch über den menschlichen Körper zeigen. Und das ältere Kind unglaublich viel kuscheln. Das haben wir beides gemacht. Und ich wollte unbedingt nach einem Buch recherchieren, dass die Entstehung des menschlichen Lebens in Wort und Bild für Kinder erklärt ohne dabei geschlechtszuschreibende Begriffe zu benutzen. Ich weiß, dass es sowas gibt, hab mir aber den Titel nicht notiert. Örgs.

So. Und jetzt noch mal für Erwachsene:

Ich habe keinen Bock auf Baby-Entstehungs-Geschichten, die auf heterosexuelle Liebesbeziehungen Bezug nehmen und alle anderen Möglichkeiten ausblenden. Kinder sind nicht dumm. Und es muss ihnen auch nicht nur die halbe Wahrheit erzählt werden. Weil die ganze Wahrheit ja angeblich viel zu schwer zu verstehen ist. Oder einfach nur nicht in das romantische Frau-Mann-Sex-Schwangerschaft-Geburt – Bild rein passt.

Auch wenn (oder gerade weil!) es dazu große Wissenslücken bei sehr vielen Menschen gibt, lohnt es sich, einen ausführlichen Blick auf das Thema zu werfen. Buchtipp: „Mama, Papa, Kind?“ von Jochen König.

Ja, nicht nur cis-geschlechtliche Menschen können Kinder bekommen. Es gibt z. B. Transmänner, die Kinder haben und diese selbst geboren haben. Und es gibt Transfrauen, die mit ihrem Sperma ihre Kinder gezeugt haben. Entweder zu einem Zeitpunkt, als sie noch gar nicht als trans geoutet waren, oder zu einem Zeitpunkt, als sie bereits geoutet waren. „Trans“ heißt nicht automatisch „zeugungsunfähig“. Und auch einige intergeschlechtliche Menschen können Kinder zeugen. Nicht alle, aber immerhin einige. Da lässt sich nichts Verallgemeinerndes sagen. Und natürlich können auch Singles Kinder bekommen. Oder gleichgeschlechtliche Paare. Für schwule Paare oder Single-Männer gibt es (im Ausland) die Möglichkeit über eine Eizellspende und eine Leihmutterschaft Vater zu werden. Lesbische Paare oder Single-Frauen können mit Samenspende Kinder bekommen. Und auch in Poly-Beziehungen kann es Kinder geben. Und in Beziehungen, in denen eine Person trans oder inter oder whatever ist. Es gibt so viele Möglichkeiten …

 

Zwiebelschalen

Ich kenne eine Person, die oft unter Anspannung leidet. Also, sie ist nicht einfach nur angespannt, sondern daraus entsteht tatsächlich ein massiver Leidensdruck, verbunden mit allerlei unschönen Dingen. Sie hat bei sich zu Hause einen Zettel hängen, wo unter anderem die Frage „Will ich angespannt sein?“ drauf steht. Bis ich diesen Zettel gelesen habe, dachte ich immer, dass sie die Anspannung grundsätzlich eigentlich reduzieren oder los werden will. Als ich den Zettel gelesen habe, kam mir der Gedanke, dass sie es vielleicht (manchmal oder immer) auch gut oder zumindest akzeptabel findet, angespannt zu sein. Diese Vorstellung war neu für mich. Jedenfalls in dem Zusammenhang.
Aber mit meiner Traurigkeit ist es eigentlich auch so. Klar ist es oft kräftezehrend für mich traurig zu sein. Und belastend. Und nervig. Und scheinbar endlos. Und noch so einiges mehr. Aber heißt das auch, dass ich meine Traurigkeit los werden will?
Manchmal schon. Dann frage ich mich, ob ich meinen Arzt mal nach einem Antidepressivum fragen möchte. Ich denke dabei, dass ich es mir damit leichter machen kann. Und das halte ich für selbstfürsorglich. Und manchmal auch für gerechtfertigt, weil ich ja außer der anhaltenden Traurigkeit noch mehr Symptome habe, die sich als Depression deuten lassen.
Gestern habe ich in den Spiegel geschaut und mich dabei nicht angesehen. Und da ist mir etwas eingefallen:
Es gab mal eine Zeit, in der ich sehr wütend war. Die Wut ist immer wieder hoch gekommen und raus gekommen. Auch bei scheinbaren Nichtigkeiten. Das habe ich (auf Anregung meines Therapeuten) damals so gedeutet, dass es sich um angestaute Wut handelt, die wenig oder gar nichts mit der aktuellen Situation zu tun hat. Und dass sie einfach deshalb zu der Zeit so übermächtig war, weil ich es endlich (!) geschafft habe, dieses Gefühl auszuhalten und auszudrücken, das ich all die Zeit davor unterdrücken musste, weil ich nicht in der Lage war meine Wut zu händeln.
Inzwischen kann ich mit meiner eigenen Wut gut umgehen. Ich kann sie spüren. Ich kann sie einordnen. Ich kann sie ausdrücken. Aber Traurigkeit konnte ich bis vor einigen Monaten noch nicht aushalten. Also war ich einfach so gut wie nie traurig. Bevor die Traurigkeit sich in mir drin richtig zeigen konnte, habe ich sie schon „weg gemacht“. Weil ich es nicht geschafft habe, dieses Gefühl auszuhalten.
Seit einigen Monaten ist die Traurigkeit da. Sie ist inzwischen mein ständiger Begleiter geworden. Ich würde sagen: sie ist mir in die Knochen gekrochen. Ich bin fast immer traurig. Ich weine fast jeden Tag.
Vielleicht ist das jetzt so wie mit der Wut damals.
Und vielleicht ist das auch so wie mit der Anspannung: Die Traurigkeit belastet mich zwar sehr, aber das heißt noch lange nicht, dass ich etwas gegen sie unternehmen muss. Ich kann sie auch einfach zulassen.

zu Ende weinen

In den letzten Monaten bin ich sehr gehemmt, wenn es darum geht, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen oder aufrecht zu erhalten. Ich habe den Eindruck, ich muss erst durch das Tal der Traurigkeit komplett durch gehen und sein Ende erreichen, bevor ich mich für andere Menschen öffnen kann.
Ich weiß, dass soziale Isolation in Risikofaktor für Depression ist. Und ich möchte Risikofaktoren für Depression aus dem Weg gehen.
Und ich weiß, dass es Quatsch ist – das mit dem „zu Ende weinen“. Es gibt in Wirklichkeit kein „Tal der Tränen“. Und in Wirklichkeit gibt es keinen Zeitpunkt X, an dem ich fertig bin mit Weinen. Tränen kommen und gehen. Aber sie hören nie ganz auf.
Und ich weiß, dass es Quatsch ist, dass ich erstmal „salonfähig“ werden muss um unter Leute gehen zu können. Ich bin auch im verweinten Zustand in Ordnung und darf Kontakte aufnehmen und pflegen.
Es fällt mir oft schwer über das zu sprechen, was mich traurig macht. Und es widerstrebt meinem Authentizitäts-Fimmel, meine Traurigkeit vor anderen Menschen zu verheimlichen.
Ich nutze die Momente, in denen die Traurigkeit weniger ist, um Mails oder Textnachrichten zu schreiben. Und ich bin wacker und treffe mich mit Menschen. In Echt. Live und in Farbe. Aber es fällt mir schwer.

Perspektiven

Liebes Du!

Es gab mal eine Zeit, da ging es dir schlecht. Du hast dich schlecht gefühlt, warst schlapp, traurig, niedergeschlagen, perspektivlos, überfordert, eingeschüchtert. Das ging einige Monate so. Du hast befürchtet, dass das nie wieder aufhört. Ich habe dir gesagt, dass ich glaube, dass das vorbei geht. Es ging vorbei.

Jetzt ist eine Zeit, da geht es mir schlecht. Ich fühle mich schlecht, bin schlapp, traurig, niedergeschlagen, perspektivlos, überfordert, eingeschüchtert. Das geht schon einige Monate so. Manchmal frage ich mich, wann das wieder aufhört. Du sagst mir immer wieder, dass du glaubst, dass das vorbei geht.

Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich mich und erkenne mich.

Wenn ich dich damals und mich jetzt anschaue, verstehe ich manchmal, dass da eine Ähnlichkeit besteht und nur meine Rolle eine andere ist. Aber ich erkenne mich nicht wieder. So als würde ich mich selbst nicht in dem Spiegel erkennen, in den ich blicke. Als wäre das Spiegelbild verzerrt und würde auf dem Kopf stehen.

Aber ich durchschaue, dass ich mich zwar nicht mit dem Rollentausch identifizieren kann, er aber trotzdem da ist.

Und dieser Gedanke hilft mir zu akzeptieren, dass du wahrscheinlich Recht hast, wenn du sagst, dass das vorbei geht.

Öde

Ich habe oft schlechte Laune. Ich bin von mir selbst genervt. Ich bin traurig. Ich weine. Das blöde dabei ist: das ist in letzter Zeit bei mir ein Dauerzustand.

Manchmal denke ich, ich gehe damit nicht nur mir selbst auf die Nerven, sondern auch den Menschen, die mit mir zu tun haben. Und dann denke ich, ich bin eine Zumutung. Und dann habe ich Schuldgefühle. Und dann möchte ich andere Menschen mit meiner schlechten Laune nicht belasten. Und dann vermeide ich den Kontakt zu anderen Menschen.

Manchmal frage ich mich, ob ich eine Depression habe. Und dann hoffe ich, dass das nicht so ist. Aber dann wiederum denke ich, es ist doch eigentlich egal, wie der Zustand heißt – er ist sowieso ätzend.

Ich kann meine Aufmerksamkeit auf meine Defizite richten. Und ich kann meine Aufmerksamkeit auf meine Stärken richten. Und ich kann mich für das eine oder das andere entscheiden. Manchmal jedenfalls. Bei einer (schweren) Depression fühlt sich alles gleich öde an. Da sind die Abstufungen kaum oder gar nicht wahrnehmbar. Das finde ich ätzend. Darauf habe ich keine Lust.

Ich habe Lust auf schöne Dinge in meinem Leben. Aber zur Zeit ist es vor allem ätzend ich zu sein.

Ich schaffe es nicht, die ätzenden Dinge bei Seite zu schieben. Das finde ich doof.

Ich drehe mich gedanklich im Kreis.

Ich warte. Es gibt etwas Bestimmtes, das ich erwarte. Aber ich habe keine Ahnung, wann es eintreten wird. Das Warten hat mich mürbe gemacht. Aber ich kann den Vorgang nicht beschleunigen.

Neulich beim Tanzkurs

Ich besuche seit ein paar Wochen einen neuen Tanzkurs. Es ist ein Paartanz-Kurs. Dort wird Bachata unterrichtet, ein lateinamerikanischer romantischer Tanz, bei dem sich die Tanzenden ziemlich nah kommen können, aber nicht unbedingt müssen.
In der letzten Unterrichtsstunde haben sich die Unterrichtenden Zeit genommen um über das Nähe-Distanz-Problem bei diesem Tanz zu sprechen. Der Ausgangspunkt der Erläuterung war dabei, dass die Frau* manchmal die bestehende Nähe als unangenehm empfinden kann. Die Tanzlehrerin hat Tipps gegeben, wie die Frau* sich mehr Abstand verschaffen kann. Und dass sie das darf. Und dass es aber auch völlig in Ordnung ist mit einer mehr oder weniger fremden Person sehr nah zu tanzen, wenn die Chemie stimmt und es sich gut anfühlt. Und dass die Nähe nicht … ist. Was genau, hat sie nicht gesagt. Und auch sonst hat das niemand in dem Moment gesagt. Ich hätte an ihrer Stelle gern gesagt „Die Nähe beim Tanzen sagt nichts darüber aus, ob man mit der anderen Person Sex oder eine romantische Beziehung hat oder haben möchte.“ Ich habe aber geschwiegen.
Ich hatte den Eindruck, für die sprechende Person war das unsagbar, auch wenn sie das gemeint hat. Das weiß ich natürlich nicht, aber es kommt mir stimmig vor. Und ich fand es verdammt schade, dass sie das nicht gesagt hat und nicht sagen konnte.
Außerdem fand ich sehr schade, dass der Erläuterung die Annahme zu Grunde lag, dass Männer* mehr Nähe wollen als Frauen*. Und dass Frauen* dafür zuständig sind, im Zweifelsfall die Nähe zu verweigern. Das ist so eindimensional gedacht. Und darin lässt sich ein Beispiel für das überall dominierende Bild von Geschlechterrollen im Bereich Nähe/Sexualität/Partnerschaft/Bindung sehen.
Aufgelöst wurde die Situation, indem eine Person, die ich als heterosexuellen cis-Mann lese, sich darüber lustig gemacht hat, dass ihr das angeblich ständig passiert, dass alle Frauen* mit ihm unglaublich nah tanzen wollen, viel näher als ihm angenehm ist, und dass er diesen Annäherungsversuchen völlig hilflos ausgeliefert ist.
Dafür hatten die Unterrichtenden auch einen Tipp. Aber die Nähe-Distanz-Problematik war mit diesem Einwand ganz klar ins Lächerliche gezogen worden.
Warum hat diese Person das gemacht? Wollte sie sich vor einer Kollektivverdächtigung als potentiell übergriffige Person gegenüber Frauen* schützen?
Was macht es mit einer Person, wenn sie sich als Teil einer Personengruppe sieht, die als potentiell gefährlich gilt?
Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn ihre Mitglieder in potentielle Opfer und potentielle Täter eingeteilt werden? Und wie ist es möglich, sich mit Gewalt auseinander zu setzen und dabei sensibel zu sein für die Verletzlichkeit aller Beteiligten?