Struktur

Meistens folgt mein Alltag geregelten Bahnen. Jetzt ist vieles anders. Die Pandemie hat sehr viel verändert. Im Moment habe ich keine regelmäßigen Termine, keine Wochenstruktur, bin seit Wochen nicht mehr in meiner eigenen Wohnung gewesen und draußen ist sowieso alles anders als sonst.
Ich habe mich noch nicht richtig daran gewöhnt. In mir drin gab es den Impuls mir eine Struktur zu geben. Ich schaffe es gut, an einem regelmäßigen Tagesablauf fest zu halten. Den Wecker stellen, aufstehen, regelmäßige Mahlzeiten einzunehmen und zur gewohnten Zeit schlafen gehen.
Ich würde auch gern regelmäßig Sport machen, aber mein Körper findet das gerade keine gute Idee. Also muss ich mich zurück halten.
Und sonst so? Theoretisch hätte ich jetzt genug Zeit um ein Buch zu schreiben. Oder etwas anderes zeitaufwändiges zu tun. Ab und zu nehme ich an einer Videokonferenz teil. Sonst gibt es nichts zu tun, was über die Notwendigkeiten des Alltags hinaus geht. Und genau an solchen Punkten merke ich, dass ich mir Struktur wünsche. Selbst geschaffene Struktur.
Das ist nicht wichtig. Es geht auch ohne. Leben funktioniert ja auch ohne Ziele und Pläne.
Seltsam eigentlich, dass in mir drin der Ruf nach Struktur so stark ist.

Neulich beim Abendessen

Kind 1 zu Kind 2: „Was machst du noch mal gerade in Heimat- und Sachkunde?“
Kind 2 fragt mich, ob ich fertig bin mit essen und ob es auf meinen Schoß kann. Ich sage zweimal ja. Kind 2 klettert auf meinen Schoß und schmiegt sich an mich an.
Kind 1 lässt nicht locker: „Wie heißt das noch mal? Das ist ein kompliziertes Wort.“
Kind 2: „Sexualität.“
Ich bin verwundert und versuche Blickkontakt zu Kind 2 aufzubauen, aber es dreht sich von mir weg. Ich frage mich innerlich, ob das Unterrichtsthema wirklich so heißt. Bei mir hieß es noch Sexualkunde. Und ich frage mich, ob das wirklich schon in dem Alter auf dem Lehrplan steht. Stelle aber im Nachhinein fest, dass das bei mir auch in dem Alter war.
Kind 1 möchte wissen, worum es dabei geht. Kind 2 zählt auf: Pubertät (das kommt in der Aufzählung zuerst – zur Zeit ein wichtiges Thema bei diesem Kind), Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, Schwangerschaft, Hormone. Ich möchte wissen, ob es auch im Verliebtsein geht. Ja, das Kind bestätigt.
Kind 2 behauptet, dass es jetzt in der Pubertät ist. Und dass die Pubertät von 10-18 Jahren geht. Das Kind ist jetzt 9 Jahre alt. Ich behaupte, dass die Pubertät bei allen zu einem anderen Zeitpunkt anfängt. Ich behaupte, dass das bei manchen erst mit 14 ist. Und bei anderen schon früher. Kind 2 besteht darauf, dass auch 9-jährige in der Pubertät sein können. Ich lasse mich darauf ein, dass das möglich ist. Kind 2 behauptet jetzt einen Pubertäts-Pickel zu haben. Er ist einen halben Quadratmillimeter groß und juckt. Das Kind behauptet, dass das Jucken des Pickels ein untrügliches Anzeichen der Pubertät ist. In den letzten Monaten haben wir jeden einzelnen Pickel dieses Kindes ausführlich unter die Lupe genommen. Und bisher haben sie nicht gejuckt. Kind 2 ist sich sicher – DAS ist die Pubertät. Ich bin skeptisch.
Ich möchte aus dem Thema „Pubertät“ Druck raus nehmen. Ich sage, dass das einfach eine Zeit im Leben eines Menschen ist. Genau wie die Zeit als Fötus im Bauch, die Zeit als Baby, als Kleinkind, als Kind und in verschiedenen Phasen des Erwachsen-Seins.
Jetzt möchte Kind 1 wissen, ob ich einen Freund habe. Ich sage: „Nein, ich habe eine Freundin.“ Dabei betone ich die letzte Silbe. Kind 1 schaut so, als ob es gerade nicht weiß, ob diese Antwort zu der Frage passt. Ich ergänze: „Wir sind verliebt.“ Vor Kindern benutze ich die Formulierung „Verliebtsein“ um auszudrücken, dass die zwischenmenschliche Beziehung eine Partnerschaft ist. Kind 2 bestätigt, dass ich einen Freundin habe und ergänzt den Namen. Kind 3 mischt sich ein und erzählt, dass es meine Freundin schon gesehen hat. Kind 3 hat sich bisher aus dem Gespräch heraus gehalten und statt dessen versucht möglichst viel Brot mit Leberkäse zu essen während die anderen Personen am Tisch mit Reden beschäftigt sind und ihm während dessen den Leberkäse nicht streitig machen können.
Kind 1 möchte wissen, ob meine Freundin nett ist. Ich sage ja. Und dass ich sonst ja nicht in sie verliebt wäre. Kind 1 überlegt, findet das Argument aber irgendwie überzeugend.
Kind 2 erklärt, dass es nie verliebt sein möchte. Ich sage, dass das okay ist. Und dass sich manche Menschen nie verlieben. Ich überlege kurz, ob ich etwas zu Aromantik oder Asexualität oder beidem sagen möchte, stelle aber fest, dass ich mir selbst dann widersprechen würde mit meiner Formulierung „Verliebtsein“, die in meiner Sprache gegenüber Kindern einen Komplex aus verschiedenen Dingen ausdrücken soll. Ich entscheide mich, dass die Formulierung „manche Menschen verlieben sich nie – in ihrem ganzen Leben nicht“ völlig ausreicht. Kind 3 erklärt, dass es schon mal verliebt war. Ich möchte wissen in wen. Kind 3 bleibt bei seiner Deutung, nennt aber keinen Namen. Ich hake nicht weiter nach. Kind 1 und Kind 2 sind sich einig, dass sie noch nie verliebt waren. Kind 2 will mir nicht so recht glauben, dass es okay ist, sich nie zu verlieben. Dabei belassen wir es.
Kind 2 und ich waren schon vor dem Gespräch fertig mit Essen. Kind 1 ist es inzwischen auch. Ich sage beiden, dass sie aufstehen können und sich die Hände waschen sollen. Kind 3 isst noch. Ich fange an den Tisch abzuräumen und signalisiere Kind 3, dass ich weiterhin darauf bestehe, dass der Leberkäse nur in Kombination mit dem Brot gegessen werden darf.

Ängste

Einmal habe ich einem Freund von mir erzählt, dass ich mit meiner Beziehungsperson beschlossen habe, dass wir unsere Beziehung öffnen. Er war überrascht. Und er hatte Fragen und Anmerkungen. Ich habe gemerkt, dass er das verstehen wollte. Er hat gesagt: „Aber dann musst du deiner Freundin ja viel mehr vertrauen.“ Viel mehr als in einer geschlossenen Beziehung. Ich habe geantwortet, dass das nicht stimmt. Er hat überlegt. Dann hat er meine Aussage bestätigt.
Vertrauen gehört zu jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Und zu einer Partnerschaft erst recht. In Bezug auf das Vertrauen ist es egal, ob wir uns sexuelle Exklusivität versprechen oder ob wir uns versprechen ehrlich zu sein in Bezug auf unsere (tatsächlichen oder potentiellen) sexuellen Beziehungen zu anderen Personen. Wir müssen uns in beiden Fällen vertrauen. Und es ist auch nicht mehr oder weniger Vertrauen erforderlich. In beiden Fällen ist sehr sehr viel Vertrauen gefragt.
Und noch etwas ist in beiden Fällen gleich: Es besteht die Möglichkeit, dass eine Person lügt – oder auch beide. Und das ist scheiße. Und das ist auch nicht scheißer, wenn es vorher ein Exklusivitäts-Versprechen gegeben hat. Oder weniger scheiße, wenn es vorher ein Ehrlichkeits-Versprechen gegeben hat. In einer von Vertrauen getragenen Beziehung zu lügen ist immer scheiße. Für alle.
Und noch eine Sache ist gleich, egal ob eine Beziehung von Exklusivität geprägt ist oder von Ehrlichkeit in Bezug auf die Nichtexklusivität: es kann zu einer Trennung kommen. Muss nicht, aber kann. Und auch die Trennungsgründe können in beiden Fällen im Grunde genommen die gleichen sein. Es kann in beiden Fällen zu einer Trennung kommen, weil in der Beziehung Problem bestehen, oder weil die Wege sich auseinander entwickeln, oder weil eine andere Person eine Rolle spielt oder aus ganz anderen Gründen. Eine Poly-Beziehung bietet gegenüber einer Mono-Beziehung sogar den Vorteil, dass es nicht zu einer Trennung kommen muss, wenn eine weitere Person eine Rolle spielt. Weil dann keine Entscheidung zwischen zwei sich ausschließenden Optionen erforderlich ist. Aber trotzdem kann es auch in einer Poly-Beziehung zu einer Trennung kommen, wenn eine andere Person eine maßgebliche Rolle spielt. Ausgeschlossen ist das nicht.
Ich bin total froh darüber, mich für dieses Model entschieden zu haben. Dadurch haben sich (im Vergleich zu meinen bisherigen monoamoren Beziehungen) ganz neue Möglichkeiten aufgetan. Ja, ich weiß, das liest sich so, als hätte ich unglaublich oft mit unglaublich vielen verschiedenen Personen Sex. Nein, so ist das nicht. In der Praxis hat sich für mich durch diese Entscheidung fast nichts geändert. Ich habe einmal eine andere Person geküsst – und das war dann auch schon die „spektakulärste“ Begegnung überhaupt. (Es war ganz furchtbar. Und ich wusste dann auch gleich wieder, warum ich schon vor langer Zeit beschlossen hatte, sowas nicht zu tun.)
Es hat sich aber etwas anderes grundlegend geändert, was ich nicht mehr missen möchte: ich erlaube mir jetzt in ganz neue Richtungen zu denken. Und dadurch konnte ich lernen noch mal ganz anders mit der Angst meiner Beziehungsperson umzugehen, dass ich mich von ihr trennen könnte. Bevor wir uns für eine Beziehungsöffnung entschieden haben, war die Angst da. Und sie ist weder größer noch kleiner geworden durch unsere Entscheidung. Vorher habe ich aber immer gedacht: „Das ist doch Quatsch – das mache ich nicht.“ Vor der Entscheidung für eine Beziehungsöffnung konnte ich in der Frage überhaupt nicht komplex denken. Ich habe immer nur diesen einen Satz gedacht. Und ich habe Argumente vorgebracht, warum ich das so sehe. Mein Fokus war dabei darauf, mir und ihr klar zu machen, dass es keine Grundlage für die Angst gibt. Das ist eindimensional gedacht. Seit wir uns für die Beziehungsöffnung entschieden haben, kann ich in der Frage mehr Perspektiven einbeziehen. Ich konnte erleben, in welchen Situationen die Angst stärker geworden ist. Ich konnte herausfiltern, was in den Situationen die Angst gefüttert hat. Ich konnte meiner Beziehungsperson gegenüber inhaltlich Stellung beziehen zu den Angstauslösern. Wenn ich mich nicht auf die Beziehungsöffnung eingelassen hätte, hätte ich das gar nicht so differenziert heraus finden können, weil mein Denken so eingeschränkt war. Und ich konnte heraus finden, warum meine Beziehungsperson das Modell einer Poly-Beziehung sehr gut und für sie passend findet – und gleichzeitig ganz viel Angst hat. Und dass die Angst nichts mit der Wahl des Beziehungsmodells zu tun hat, sondern in jedem Fall da ist. Und zwar riesig groß.
Ich finde es ungeheuer erleichternd zu wissen, dass ich nichts tun kann, um diese Angst kleiner werden zu lassen. Ich habe echt alles versucht, was mir eingefallen ist. Ehrlichkeit, Transparenz, Versprechen, meinen Wunsch nach Bindung und Nähe äußern, meine Worte immer wiederholen, meine Formulierungen anders wählen, in unterschiedlichen Situationen die gleichen Sachverhalte immer wieder ausdrücken, romantische Dinge tun, meine Versprechen einhalten. Nichts macht die Angst kleiner. Ich fühle mich ohnmächtig, weil ich da nichts tun kann. Aber irgendwie auch erleichtert, weil ich langsam erkenne, dass ich nichts falsch gemacht habe. Wenn ich eh nichts an der Angst meiner Beziehungsperson ändern kann, egal was ich tue, dann brauche ich mir auch keine Vorwürfe machen, wenn die Angst wieder oder immer noch da ist.
Ich kann nur da sein, zuhören, ernst nehmen, Nähe geben. Und wütend sein auf die Menschen, die ihr die Angst eingetrichtert haben.
Die Angst ist einfach da. Ich kann sie nur akzeptieren. Und ich bin froh, dass ich mich auf ein Beziehungsmodell eingelassen habe, das dazu geführt hat, dass ich jetzt besser mit dieser Angst umgehen kann.

ernsthaft

Manchmal bin ich irgendwo, wo es eine Vorstellungsrunde gibt. Wenn ich an der Reihe bin, soll ich etwas über mich sagen. Gestern saß ich mal wieder in einer Vorstellungsrunde. Eine Person am Tisch war neu, alle anderen kannten sich gegenseitig.
Ich finde diese Vorstellungsrunden immer so mäßig sinnvoll. Die neue Person wird da mit Informationen überschüttet, von denen sie sich (wenn überhaupt) nur einen kleinen Teil merken kann (und will). Und die anderen Personen kennen sich ja gegenseitig schon. Und außerdem interessieren sie sich vielleicht gar nicht für die Selbstdarstellung der anderen.
In meinen Augen hat es keinen Sinn, wenn ich da aufzähle, welche Referenzen ich habe. Meine Referenzen haben nur sehr wenig mit der Sache zu tun, wegen der wir uns da treffen. Klar habe ich voll die coolen Skills und voll die coolen Kontakte und bei voll den coolen Aktionen mitgemacht. Aber das muss ich den anderen ja nicht unter die Nase reiben. Ich habe mich also mal wieder darauf beschränkt zu sagen „Ich heiße … und schreibe das Protokoll“. Die Reaktion war allgemeines Gelächter. Ich habe nämlich die ungeschriebene Regel missachtet, dass ich mich als besonders tolle Nummer darzustellen habe. Auf so eine Regel habe ich keine Lust. Wenn die anderen Anwesenden das so handhaben, ist es deren Sache. Ich schließe mich da nicht an.
In so einer Atmosphäre finde ich es schwierig ernsthaft über Pronomen zu sprechen. Ich kann das. Ich kann in einer Vorstellungsrunde etwas Ernsthaftes dazu sagen, welche Sprachformen ich für mich bevorzuge. Das kann ich sowohl in einem kurzen Satz als auch mit einer 7-8 Sätze dauernden Erklärung tun. Aber in einer Atmosphäre, die von Selbstbeweihräucherung geprägt ist, habe ich keine Lust mich zu diesem Thema zu äußern. Dann vermeide ich das lieber.
Nichts sagen. Das drückt per se keine Zustimmung aus. Und keine Ablehnung. Es enthält keine Positionierung. Dahinter können verschiedene Standpunkte stehen.

zerrissen

* Triggerwarnung: Gewalt *

 

Liebes du!
Manchmal fällt es mir schwer, deine Entscheidungen mit zu tragen. Vielleicht ist meine Herangehensweise zu eindimensional. Vielleicht berücksichtigt deine Entscheidung Aspekte, die ich übersehe oder übersehen will oder einfach anders bewerte als du. Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Und im Grunde genommen finde ich es ja auch gut, dass du deine Entscheidungen nach deinen Kriterien und auf deine Art triffst. Trotzdem fällt es mir gerade mal wieder schwer eine deiner Entscheidungen mit zu tragen.
Du hast einen Kontakt, den ich ganz schrecklich finde. Immer wieder liegst du in meinem Arm und weinst, weil es mal wieder Probleme in diesem Kontakt gibt. Aus meiner Sicht wäre es das Beste, wenn du den Kontakt abbrichst. Aus deiner Sicht ist es gut, dass du den Kontakt hast. Du sagst, die Person schuldet dir etwas. Und du sagst, du willst das, was die Person dir schuldet, bekommen. Und du sagst, dass das nur geht, wenn du mit ihr in Kontakt bleibst. Ich sehe das anders. Das weißt du. Aber letztlich ist es deine Entscheidung. Und ich muss mit den Konsequenzen deiner Entscheidung leben. Gerade fällt mir das schwer.
Bis jetzt hatte ich erst zwei mal kurz Kontakt zu dieser Person. Wir haben uns höflich die Hand gegeben und nur die nötigsten Worte gewechselt. Nach zwei Minuten hat sich die Person wieder in ihr Auto gesetzt und ist weg gefahren. Ich hatte die Hoffnung, dass sich meine direkten Kontakte mit dieser Person auch in Zukunft auf solche kurzen und seltenen Begegnungen beschränken würden. Jetzt möchtest du aber, dass ich mit dir und dieser Person und deren Beziehungsperson essen gehe. Und dass ich dabei höflich bin und keine Kritik übe.
Was du von mir da erwartest, hast du mir nicht auf einmal gesagt, sondern so nach und nach. Es fing an mit „essen gehen“. Setzte sich fort mit „mit Messer und Gabel essen ohne Kleckern“ und „dabei akzeptieren, dass diese Person so ist, wie sie ist“. Inzwischen weiß ich, dass du möchtest, dass ich so tue, als wäre zwischenmenschlich alles in Ordnung.
Das ist es aber nicht. Es ist gar nichts in Ordnung. Ich weiß, dass du dich dafür entschieden hast, dieser Person gegenüber so zu tun, als wäre etwas in Ordnung. Und dann brichst du doch wieder in Tränen aus und äußerst Kritik am Verhalten dieser Person. Vor ihr und ihrer Beziehungsperson. Oder vor mir. Oder auch wenn du allein bist.
Ich finde das alles ganz furchtbar. Diese Person ist und war dir gegenüber gewalttätig. So nenne ich das. Du nennst das nicht so. Du versuchst so zu tun, als wäre das alles nicht so schlimm. Damit du die Fassung bewahren kannst. Du hältst es nicht aus, deinen Blick auf das Schlimme in eurer zwischenmenschlichen Beziehung zu richten.
Das kann ich meistens akzeptieren. Bis jetzt lief es ja immer nach dem Muster: Vor der Person wahrst du so gut es geht den Anschein, dass alles in Ordnung ist. Mit mir besprichst du, wie sehr dich das alles belastet. So war ich bisher immer nur indirekt von eurer Interaktion betroffen. Und einmal im Jahr zwei Minuten lang höflich Hand schütteln und ein paar wenige Worte wechseln hat mich zwar ganz schön was gekostet, aber ich habe es hin bekommen. Eigentlich wollte ich es immer dabei belassen. Jetzt möchtest du mehr.
Das ist schwierig für mich. Ich habe einen Authentizitäts-Fimmel. Ich habe den Drang, den Finger in die Wunde zu legen, wenn ich Gewalt sehe.
Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Du hast für dich einen faulen Kompromiss gefunden. Mich erinnert das an die faulen Kompromisse, die ich früher gemacht habe. Damals hatte ich auch noch Kontakt zu Personen, die mir gegenüber massiv gewalttätig waren. Du sagst, bei dir war das alles gar nicht so schlimm. Und dass man das ja gar nicht vergleichen kann. Und dass du es gut findest, dass ich die Kontakte abgebrochen habe. Und dass das bei dir aber etwas ganz anderes ist. Und dass du ja auch schon einen Kontakt abgebrochen hast. Und dass diese Person, um die es hier geht, ja gar nicht so schlimme Sachen gemacht hat. Ich finde es unwichtig, ob eine Sache angeblich schlimmer war und eine andere angeblich nicht so schlimm. Ich finde, du hast das Recht mit Respekt behandelt zu werden. Und das hat diese Person nie getan und tut es immer noch nicht. Sie hat dich als Kind vernachlässigt. Ich finde, dass Vernachlässigung eine Form von Gewalt ist. Außerdem wusste sie sehr genau, dass du von einer anderen Person noch viel mehr Gewalt erfahren hast. Und sie hat nichts dagegen getan. Damit hat sie sich in meinen Augen mitschuldig gemacht. Du urteilst da nicht so streng wie ich. Das macht es dir möglich mit dieser Person in Kontakt zu bleiben. Aber es zerreißt dich. Jedes einzelne Mal.
Ich bin mir nicht sicher, wie ich mit deiner Bitte umgehen möchte, vor dieser Person höflich den Anschein des Guten zu wahren. Das zerreißt mich. Ich will mich nicht zerreißen lassen.

Schäm dich

Eigentlich finde ich es ja gut, dass das Gefühlsleben anderer Personen einer Dynamik unterliegt, die ich nicht steuern kann. Außer manchmal. Da würde ich da gern eingreifen und „machen“, dass eine Person ein bestimmtes Gefühl hat oder nicht hat. Funktioniert leider nicht.
Gestern habe ich in einer Person ein Gefühl ausgelöst, über das ich mich sehr gefreut habe: Scham.
Ich war auf einer Party und dort war auch diese Person. Sie kam zu später Stunde und war offensichtlich nicht mehr nüchtern. Sie hat mehrere Frauen ziemlich penetrant angetanzt und mir an den Hintern gefasst. Ist es eigentlich überflüssig, wenn ich jetzt erwähne, dass diese Person ein cis-Mann ist?
Ich habe überlegt, wie ich mit dieser Situation umgehen möchte. Klar, das kenne ich schon in- und auswendig. Aber trotzdem habe ich keine pauschalisiertes Verhaltensmuster für diese Erlebnisse.
Während ich noch unschlüssig war, hat diese Person eine leere Bierflasche runter geworfen. Die Flasche ist dabei in viele Scherben zersplittert. Da ist mir eine Idee gekommen. Ich bin zur Bar gegangen, habe mir einen Handfeger und ein Kehrblech geben lassen, bin zu der Person gegangen, habe ihr die beiden Dinge in die Hand gedrückt, auf die Scherben gezeigt und ihr ermunternd auf die Schulter geklopft. Die Person war etwas hilflos. Und sehr perplex. Ich glaube, dass meine Handlung für diese Person ganz unerwartet kam. Sie hat sich also auf den Boden gehockt und in einem aufwendigen Vorgang die Scherben mit dem Handfeger auf das Kehrblech befördert. Das hat eine ganze Weile gedauert. Genauer gesagt: die volle Länge von zwei Songs. (Zwischendurch habe ich der Person schon gewünscht, dass sie zumindest im nüchternen Zustand in der Lage ist, Scherben in einer wesentlich kürzeren Zeit zusammen zu kehren.) Als die Person fertig war mit dem Auffegen, stand sie noch eine Weile mit dem Kehrblech in der Hand unschlüssig da. Sie hat sich dann dafür entschieden, das Kehrblech mit den Scherben auf den Boden zu stellen und daneben stehen zu bleiben. Ich glaube, spätestens da hat sie sich geschämt. Es ist kaum eine Minute vergangen, da hat sie schon die nächste Bierflasche runter geworfen. Daraufhin hat die Person das Lokal freiwillig verlassen. Ich dachte mir „Na gut, dann bringe ich halt zu Ende, was ich da initiiert habe“, nahm das Kehrblech und fegte fix die restlichen Scherben zusammen und gab das prall gefüllte Kehrblech am Tresen ab.
Vielleicht irre ich mich ja, aber ich habe das als Scham gedeutet, was da in dieser Person vor sich ging. Und ich finde es auch völlig in Ordnung, dass ich diese Person beschämt habe. Wer sich auf einer feministischen Party als Macker outet, darf sich dafür ruhig schämen.

balancieren

Liebes du!

Heute Abend gehe ich ohne dich zu einer Party. Ich mache das immer ohne dich. Du möchtest nicht mitkommen, du hast keine Lust. Aber eigentlich möchtest du auch nicht, dass ich allein gehe. Am liebsten wäre es dir, ich würde mit dir zu Hause bleiben. Wenn wir darüber reden, ist es dann auch oft so, dass ich bei dir zu Hause bleibe. Heute aber nicht. Heute habe ich gesagt: ich gehe allein hin.

Du hast Angst. Ich habe dich lieb und möchte nicht, dass du Angst hast oder dass es dir aus anderen Gründen schlecht geht. Wenn ich nie wieder auf Partys gehen würde, hättest du die damit verbundene Angst nicht mehr. Aber das ist keine gute Lösung. Ich bin deshalb immer wieder hin und her gerissen. Auf der einen Seite möchte ich nicht, dass du leidest, auf der anderen Seite möchte ich tanzen gehen.

Wir haben Vereinbarungen. Ich halte mich immer an unsere Vereinbarungen. Immer! Und du legst die Vereinbarungen mit mir gemeinsam fest. Eine Zeit lang dachte ich, die Vereinbarungen würden deine Angst abmildern. Das war ein Irrtum. Ich dachte auch eine Zeit lang, deine Angst würde weniger, je öfter du erlebst, dass ich mich an die Vereinbarungen halte. Das war auch ein Irrtum. Deine Angst bleibt.

Ich kann nichts tun, was dir deine Angst nimmt. Vielleicht muss ich das irgendwann mal akzeptieren. Mir fällt das noch schwer.

Wir haben schon oft über diese Angst gesprochen: welches Szenario sich in deinem Kopf abspielt; warum du glaubst, dass dieses Szenario ausgerechnet dich trifft; dass ich das für Quatsch halte; warum ich das für Quatsch halte; woher diese Angst bei dir kommt; dass sie nichts mit der aktuellen Situation zu tun hat; dass ich dich dieser Angst nicht aussetzen möchte; dass ich deine Angst ernst nehme; dass du mir sagst, ob du die Angst gerade aushalten kannst oder ich lieber zu Hause bleiben soll; was dir an dem Abend, wo ich weg gehe, helfen kann die Angst auszuhalten; wie viele Nachrichten ich dir an dem Tag bzw Abend schicken soll, damit es für dich leichter ist; was ich dir schreiben soll und was lieber nicht.

Ich wünschte, ich könnte etwas tun um die Situation zu verändern. Ich habe schon alles ausprobiert, was mir eingefallen ist. Dabei habe ich im Laufe der Zeit festgestellt, dass ich deine Angst besser erfassen kann und besser verstehe, mit welcher Dynamik die Angst daher kommt. Ich kann mich also besser auf das einstellen, was da passiert. Aber ich kann das Drama nicht abwenden. Ich wünschte, ich könnte das Drama abwenden.

Das macht mich hilflos.

Und du bist auch hilflos.

Ich bin total froh, dass wir uns gegenseitig Freiräume gönnen. Diese Entscheidung hat dazu geführt, dass wir anders über unsere Ängste reden. Wir nehmen uns viel mehr Zeit dafür. Vorher habe ich deine Ängste in zwei Kategorien unterteilt: berechtigte Ängste und unberechtigte Ängste. Bei „unberechtigten“ Ängsten habe ich versucht dir klar zu machen, dass sie nicht berechtigt sind und du sie deshalb ablegen kannst (und sollst). Bei „berechtigten“ Ängsten habe ich versucht alles zu tun, damit deine Befürchtung nicht eintritt. Das ist eine sehr eindimensionale Herangehensweise. Seit wir uns für mehr Freiräume entschieden haben, haben sich ganz neue Möglichkeiten zum Umgang mit Ängsten aufgetan. Darüber freue ich mich. Dadurch weicht sich meine innere Haltung „Ich bin dafür zuständig, dass du keine Angst haben brauchst“ etwas auf. Und gleichzeitig macht es mir bewusster, wie gut es für uns beide ist deine Angst in den Blick zu nehmen – auch wenn sie davon kein minibisschen kleiner wird.