Im Stehen pinkeln

Wir waren gerade auf dem Spielplatz, ein paar Meter vom Haus entfernt. Kind 1 teilte mir mit, dass es pinkeln muss. Ich war dafür, dass wir zusammen nach Hause gehen um zu pinkeln. Das Kind war dafür an einem Busch zu pinkeln. Ich wusste schon, dass das Kind glaubt, nur mit Hilfe an einem Busch pinkeln zu können. Ich möchte, dass das Kind selbständiger wird. Deshalb habe ich mich auf das Pinkeln am Busch eingelassen, obwohl das Haus so nah war.

Ich habe zu Kind 1 gesagt: „Dann kannst du ja alleine am Busch pinkeln gehen.“

Kind 1: „Nein, das geht nicht, du musst mich halten.“

Ich: „Kannst du nicht im Stehen pinkeln?“

Kind 1: „Nein, das geht nicht!“

Da mischt sich Kind 2 ein: „Aber ich kann im Stehen pinkeln!“

Kind 1 zu Kind 2: „Du kannst im Stehen pinkeln, weil du eine Puschi hast. Deshalb bist du ein Mädchen. Ich nicht.“

Ich wundere mich darüber, dass Kind 1 glaubt, eine Person mit Vulva kann im Stehen besser pinkeln als eine Person mit Penis. Das behalte ich aber für mich.

Ich zu Kind 1: „Aber nicht alle, die eine Puschi haben, sind ein Mädchen. Es gibt auch Jungen mit Puschi.“

In der Zwischenzeit sind wir am Busch angekommen und Kind 1 nutzt die Gelegenheit um das Thema zu wechseln. Da ich ganz offensichtlich schwer von Begriff bin, was das Pinkeln am Busch mit und ohne Hochhalten betrifft, erklärt mir das Kind vorsichtshalber noch mal, wo ich das Kind anfassen und in welche Richtung ich es halten soll. In letzter Zeit hatte das Kind einen ordentlichen Wachstumsschub und ist ganz schön schwer geworden. Es wird Zeit, dass dieses Kind draußen-pinkeln-ohne-Hochhalten lernt, finde ich.

Übrigens können einige Personen mit Vulva auch im Stehen unfallfrei pinkeln. Es gibt Berichte darüber, dass isch das üben lässtl. Einige können das ganz ohne Hilfsmittel. Andere benutzen eine Urinella (= ein spezialisierter Trichter).

Fahrradladen

Vor ein paar Tagen war ich in meinem Lieblings-Fahrradladen um einen neuen Schlauch zu kaufen. Ich war schon etwas angepisst, weil mir der alte Schlauch kaputt gegangen ist und ich an dem Tag eigentlich schon genug zu tun hatte, aber das Fahrrad dringend gebraucht habe. Also bin ich mit meiner leicht angepissten Stimmung in den Fahrradladen gegangen. Der Laden ist vor einer Weile umgezogen. Seitdem habe ich noch keinen neuen Schlauch gebraucht. Ich wusste deshalb nicht, wo ich in dem großen Laden nach Schläuchen schauen muss.

Als ich in den Laden rein bin, bin ich zufälligerweise direkt an einer Mitarbeiterin vorbei gekommen. Und weil ich keine Lust auf Suchen hatte, habe ich sie gefragt, in welchem Regal die Schläuche sind. Statt zu antworten ist sie in Richtung des Regals los gelaufen und hat sich im Gehen erkundigt, welchen Schlauchtyp ich genau brauche. Sie hat ihn mir dann raus gesucht, zur Kasse gebracht und abgerechnet. Zum Regal bin ich ihr nicht gefolgt. Und als ich an der Kasse gesagt habe, dass ich eigentlich keinen Kaufbeleg brauche, hat sie ihn mir trotzdem ausgedruckt und gegeben.

In dem Laden war ich schon oft. Und ich kaufe dort eigentlich gern ein. Alle anderen Mitarbeiter*innen sind total nett und sachlich. Nur diese eine Mitarbeiterin behandelt mich so seltsam. Ich wollte gar nicht, dass sie mir einen Schlauch raus sucht. Das hätte ich auch gern selbst gemacht. Ich habe sie nur gefragt, wo das entsprechende Regal ist. Mir ist es so vorgekommen, als ob sie mir nicht zutraut, mich in der Umfangreichen Auswahl an Fahrradschläuchen zu orientieren. Dabei kann ich das gut. Ich kenne die Ventiltypen, die Raddurchmesser und einige Sondertypen von Fahrradschläuchen gut. Ich weiß, dass ich einen 28‘‘-Schlauch mit Dunlop-Ventil kaufen möchte. Und dass es die praktisch von jedem Hersteller gibt. Und dass ich den günstigsten haben möchte. Auf den Packungen der Schläuche kann ich gut erkennen, ob ich gerade den richtigen oder den falschen Schlauch vor mir habe. Ich brauche also gar keine Unterstützung bei der Schlauchauswahl.

Es gab schon mal so eine Situation in dem Fahrradladen, wo diese Mitarbeiterin mir nicht zugetraut hat, dass ich wirklich weiß, was ich kaufen möchte. Statt dessen wollte sie mir ein total überteuertes Produkt aufschwatzen, das für meinen Zweck völlig ungeeignet war. Ich konnte sie dann zum Glück überzeugen, dass ich einfach nur ein sprühbares Lösungsmittel haben wollte. Und ja, ich war mir ganz sicher, dass ich damit eine Nabenschaltung reinigen wollte. Und zwar innen. (Bitte fragt mich nicht, wieso die Staubschutzkappe der Nabenschaltung nicht wirklich vor eindringendem Dreck geschützt hat. Ich weiß es nicht, es ging ja auch nicht um mein Fahrrad.) Aber irgendwie hat mir diese Mitarbeiterin des Fahrradladens nicht ernsthaft abgenommen, dass ich wirklich eine Nabenschaltung im Inneren reinigen möchte. Sie hat sich direkt vor mir mit einer Kollegin unterhalten und ihr dabei erklärt, dass ich doch bestimmt Pfeifenputzer kaufen möchte um die Nabe äußerlich vor Staub zu schützen und dass man das heutzutage eigentlich nicht mehr macht. Das weiß ich selbst.

Ich habe mich jedenfalls schon 2x von der selben Mitarbeiterin nicht ernst genommen gefühlt. Alle anderen Mitarbeiter*innen in dem Fahrradladen sind immer sachlich, beantworten mir meine Fragen und verkaufen mir genau das, was ich haben möchte.

Diese eine Mitarbeiterin regt mich auf. Und ich frage mich, ob sie mit allen Kund*innen so umgeht. Und wenn nein, warum.

Tempo und so

Ich habe einiges zu tun. Ein paar Anrufe sind dringend zu erledigen. Die Küche habe ich jetzt schon aufgeräumt, das Geschirr abgewaschen und den Müll raus gebracht. Arbeiten möchte ich auch noch. Und nachher gibt es einen digitalen Vortrag, auf den ich mich schon sehr freue.

Mit Druck umgehen. Tätigkeiten in eine Reihenfolge bringen. Prioritäten setzen. Dinge von der To-Do-Liste streichen und auf die Not-To-Do-Liste setzen. Oder auf die Nächste-Woche-Vielleicht-To-Do-Liste. Auf meinen Körper hören.

Manchmal ist das schwierig.

Eigentlich hatte ich schon einen guten Weg gefunden um mit dieser Herausforderung umzugehen. Aber dann kommt in mir drin wieder dieser Drang mehr machen zu wollen. Weil es so viele schöne Dinge im Leben gibt. Oder es passiert etwas um mich herum. Und dann muss ich darauf reagieren und es ist egal, ob ich das will.

Dann ist er wieder da: der Druck handeln zu müssen und aktiv zu sein, obwohl ich eigentlich Ruhe bräuchte.

Vielleicht gibt es dafür kein Patentrezept. Aber ich bin nach wie vor immer wieder unzufrieden damit, dass ich so wenig belastbar bin.

Und dann macht auch noch mein Körper ganz seltsame Sachen. Deshalb muss ich mal zu einem Facharzt. Und ich mache mir wie immer Sorgen, dass es etwas wirklich Ernstes sein könnte. Ist es wahrscheinlich gar nicht. Vielleicht aber doch.

Der Vortrag heute lässt mich an früher denken. Es gab mal einen Punkt in meinem Leben, da hätte ich etwas ganz ähnliches tun können wie die Person gerade macht, die heute den Vortrag hält. Damals habe ich mich dagegen entschieden, weil ich nicht die Kraft dafür hatte. Das war eine strategische Entscheidung. Aus Sicht meiner Kapazitäten war es auch eine gute Entscheidung. Heute weiß ich aber: ich hätte mich auch dafür entscheiden können, wenn ich mir einfach mehr Zeit für die Aufgabe gelassen hätte. Heute kann ich mit meiner Kapazität anders umgehen und überblicke Aufgaben besser. Damals konnte ich das leider noch nicht. Aus damaliger Sicht war es gut, dass ich mich dagegen entschieden habe und eine intensive Auseinandersetzung mit dem verlockenden Thema auf später verschoben habe. Jetzt ist „später“ und ich kann mich mit dem verlockenden Thema so viel auseinander setzen, wie ich möchte. Das genieße ich.

Und gleichzeitig bin ich auch traurig, dass meine Behinderung mich immer wieder hindert, Dinge zu tun. Oder mich zwingt, Dinge anders zu tun, als ich möchte. Damals, als ich mich gegen eine Auseinandersetzung mit dem verlockenden Thema entschieden habe. Und heute, wo ich nur einen Bruchteil der Arbeitsleistung bringe, die ich gern bringen würde.

mal wieder: warten

Vorhin habe ich beim Laufen Salsa und Chacha gehört. Und ich vermisse das Tanzen. Irgendwie habe ich die Hoffnung, dass spätestens im September oder Oktober wieder Tanzkurse möglich sind. Aber jetzt ist der R-Wert doch wieder über die magische Eins geklettert. Ich bin unvorsichtig geworden. Und offensichtlich viele andere Menschen auch.
Ich habe keine Lust mehr auf regelmäßiges ausführliches Händewaschen. Und auf Gesichtsmaske. Klar, ich halte mich an die Vorschriften. Jedenfalls überall, wo es sichtbar ist. Wo es nicht auffällt, unterwandere ich sie aber gern. Händewaschen? Dafür nehme ich mir nicht mehr jedes Mal die vorgegebenen 20 Sekunden. Neulich war ich über eine Stunde mit mehreren Menschen in einem geschlossenen unbelüfteten Raum. Hätte es nicht gewittert, wären wir draußen gewesen. Aber auch da haben wir keine 1,5 m Abstand gehalten.
Es ist gut, dass es all die Schutzmaßnahmen zur Virus-Ausbreitung gibt. Ich stehe eigentlich voll dahinter. Aber ich habe einfach keine Lust mehr zu warten bis die Tanzkurse wieder los gehen. Und bis das Kino öffnet. Demnächst verschenke ich einen Kino-Gutschein. In der Hoffnung, dass er dieses Jahr noch zum Einsatz kommt. Mal sehen.
Mir tun alle Leid, die dieses Jahr wichtige und herausfordernde Dinge tun. Sowas wie: einen Schulabschluss machen, einen Führerschein erwerben, eingeschult werden, sich selbständig machen, ein Kind bekommen oder einen Fernumzug machen. Bei mir wurde zwar auch einiges in den digitalen Bereich verlagert um Kontakte und die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu begrenzen. Aber das ist alles nicht besonders aufregend bei mir. Viel spannender ist es zB für Studierende, deren Semesterablauf völlig durcheinander geraten ist und bei denen die Studienanforderungen dieses Semester viel zu hoch sind, weil die Dozent*innen den veränderten Aufwand falsch einschätzen.
Auch, wenn ich auf hohem Niveau jammere, vermisse ich das Tanzen.

Andocken

Neulich habe ich an einem Workshop teilgenommen. Natürlich online. Dabei gab es die Aufgabe, Elemente oder Teile der eigenen Identität auf einem Blatt aufzuschreiben. Ich habe dabei unter anderem auch Wörter aufgeschrieben, die zu dem Inhalt des Workshops gepasst habe. Diese Aspekte würde ich aber normalerweise nicht mit benennen, weil sie mir nicht wichtig sind, obwohl sie Teil meines Lebens sind.
Spannend war es, Dinge aufzuschreiben, die mich wirklich bewegen. Da habe ich aufgeschrieben, dass ich erwachsen bin. Das ist aus meiner Sicht ein wichtiger Teil meiner Identität. Das hat wohl auch damit zu tun, dass ich gern Zeit mit Kindern verbringe und mich als nicht-Kind erlebe. Und ich habe aufgeschrieben, dass ich innerlich stark bin. Das finde ich auch sehr wichtig, weil es (einer gängigen Lesart zufolge) ungewöhnlich ist für Personen mit meinen Erfahrungen. Und dann lag mir auch am Herzen aufzuschreiben, dass ich Klavier spiele.
Heute habe ich wieder Klavier gespielt. Genauer gesagt habe ich Klavier geübt. Wenn ich das mache, teile ich meine Klavier-Zeit in drei Teile: zuerst spiele ich mich ein (damit meine Finger in der Lage sind die Anforderungen zu erfüllen) dann „übe“ ich (das bedeutet: ich arbeite mehr oder weniger intensiv daran ein Stück zu verstehen oder zu spielen indem ich immer wieder die selben Stellen ausprobiere, bis ich zufrieden bin) und am Ende „spiele“ ich noch (das bedeutet: ich nehme ein oder mehrere Stücke, die ich schon früher geübt habe und spiele sie von vorn bis hinten durch).
Der zweite Teil war heute richtig produktiv. Ich war danach sehr zufrieden, weil ich an einer Stelle verstanden habe, warum und wie die Komponistin in die Dominant-Tonart moduliert und wie sie anschließend in die Tonika zurück springt. Außerdem habe ich am Fingersatz der linken Hand richtig gut gearbeitet. Dabei konnte ich auch die Phrasierungen gut berücksichtigen. Ich war also rundum zufrieden, als ich fertig war mit Üben.
Danach habe ich noch Klavier gespielt. Ich habe „Primavera“ von Ludovico Einaudi gespielt. Dabei habe ich ganz deutlich gemerkt, dass Klavierspielen ein Teil meiner Identität ist. Wenn ich Klavier spiele, bin ich ganz ich. Dann bin ich nicht mir selbst fremd oder nur kompromismäßig mit mir verbunden. Ich bin ganz ich. Und ich bin die Musik. Ich bin die Koordination der beiden Hände. Ich bin die Koordination der Finger untereinander. Ich bin das Notenbild. Ich bin der Klang. Ich bin die Dynamik. Ich bin der Spannungsaufbau. Ich bin der Übergang zur Melodie. Ich bin die Akzentuierung. Ich bin die Betonung. Ich bin der Minimalismus der Musik. Ich bin das Innehalten.
Dabei verliere ich mich nicht. Dabei bin ich gleichzeitig ich UND die Musik.
Das erlebe ich bei anderen Aspekten meiner Identität nicht.
Heute hat mich jemand gefragt, was „nichtbinär“ bedeutet. Also ich sehe mich so nicht, auch wenn ich die Idee spannend finde. Aber wenn ich so etwas gefragt werde, taucht in mir auch gleich spontan die Frage an mich selbst auf, wie ich mich sehe. Und dann merke ich, wie ich ins Schleudern komme. Ein bestimmtes Gender ist oft Teil der Identität einer Person. Ich vermute, dass es Menschen gibt, die sich ihres Genders so zweifelsfrei bewusst sind, dass sie sich damit so richtig stark identifizieren können. Ich kann mich mit Klavierspielen identifizieren. Das fällt mir leicht. Bemerkenswert, oder?

kein zurück

Mir macht das Angst. Manchmal befürchte ich, wenn ich einen Schritt zu viel in diese Richtung gehe, geht es nie wieder zurück. Vielleicht ist das so. Vielleicht auch nicht. Wahrscheinlich ist meine Angst maßlos übertrieben. Trotzdem ist sie da.
Ich brauche viel Zeit für jeden einzelnen Schritt. Dann macht mir das nicht ganz so viel Angst.
Und ich brauche die Gewissheit, dass andere Personen, die einen ähnlichen Weg gehen, das auch nicht so locker-flockig tun. Dann fühle ich mich normal mit meiner Angst.
Ich wurde heute eingeladen, einen weiteren Schritt zu tun. Spontan ist die Angst wieder groß geworden. Erst letzte Woche habe ich von mir aus einen Schritt gemacht. Jetzt schon wieder einen? Das geht mir eindeutig zu schnell.
Ich weiß, dass ich zögern darf. Ich könnte zum Beispiel jetzt sagen, dass ich die Einladung zwar annehmen möchte, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt. Oder ich könnte die Einladung erstmal nicht beantworten und später dann sagen, dass ich sie annehmen möchte.
Diese Einladung möchte ich nämlich annehmen, da bin ich mir ganz sicher. Aber ohne dass meine Angst davor, dass es kein zurück gibt, so übermäßig groß ist.
Vielleicht wird meine Angst ja auch dadurch kleiner, dass ich mir jetzt klar gemacht habe, was mir im Umgang mit meiner Angst hilft, und welche Handlungsoptionen ich habe um an diese Hilfen zu kommen.
Generell möchte ich gern wissen, ob andere Personen rückblickend den Eindruck haben, dass es bei ihnen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr zurück ging. Das kann ich nur heraus finden, wenn ich geeignete Personen frage. Dafür ist eine Kontaktaufnahme und ein Kontaktausbau förderlich.
Einatmen. Ausatmen. Ich glaube, ich nehme die Einladung einfach mal an.

Bedeutsamkeit

Ich habe mir vorgenommen, die materiellen Dinge, die ich besitze, systematisch durch zu sortieren und mich von möglichst vielen zu trennen. Heute hatte ich schon ein paar Dinge in der Hand. Bei manchen wusste ich gar nicht, dass ich sie habe. Eigentlich ein gutes Zeichen, um sie auszusortieren. Erstmal habe ich noch alles behalten. Ich bin mir noch nicht sicher, nach welchen Kriterien ich vorgehen will.
Eins ist klar: ich habe mir keine Obergrenze gesetzt. Es gibt ja Menschen, die sich fest vornehmen nur 200 Gegenstände zu behalten. Oder 50. Das mache ich nicht.
Aber irgendwie ist das doch eine seltsame Sache. Es gab mal eine Zeit, da hatte ich ein gutes Gefühl dabei, aus der blauen Kaffeetasse zu trinken. Ich habe lieber aus dieser Tasse getrunken als aus allen anderen. Irgendwann habe ich sie mal in einer Umsonst-Kiste gefunden und mitgenommen. Dann stand sie lange genauso unbedeutsam wie die anderen Tassen in meinem Schrank. Und irgendwann ist sie zu meiner Lieblings-Kaffeetasse geworden. Inzwischen hat sie den Status wieder verloren. Erklären kann ich das nicht. Es gibt da eine temporäre Bedeutsamkeit. Und ich finde es auch völlig in Ordnung, Dingen so eine Bedeutsamkeit zu geben und die unbewusst oder ungewählt aufgetauchte Bedeutsamkeit zuzulassen.
Ich habe mich gefragt, ob ich die Gegenstände behalten will, die mir etwas bedeuten. Oder die Gegenstände, die mir nützlich sind. Oder die Gegenstände, von denen ich glaube, dass andere Menschen von mir erwarten, dass ich sie dauerhaft aufbewahre. Oder die Gegenstände, bei denen ich befürchte, dass ich es irgendwann mal bereuen werde, mich von ihnen getrennt zu haben.
Habe ich es jemals bereut, mich von einem Gegenstand getrennt zu haben? Ich tendiere ja dazu, sehr vorsichtig zu sein mit Handlungen, von denen ich vermute, dass ich sie irgendwann mal bereuen könnte. Aber ist dieses zögerliche Loslassen von Gegenständen der Grund, dass ich nichts vermisse von den Gegenständen, die früher mal in meinem Besitz waren? Ich habe schon mehrmals Phasen im Leben gehabt, in denen ich mehr oder weniger stark aussortiert habe. Der Großteil der Gegenstände, die mir irgendwann mal gehört haben, ist inzwischen wo anders. Es ist also keine neue Erfahrung, die ich da mache.
Manchmal merke ich mir Ideen anderer Personen ohne mir den Wortlaut oder den Namen der Person zu merken. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass etwas nicht dann perfekt ist, wenn sich nichts mehr hinzu fügen lässt, sondern dann, wenn sich nichts mehr wegnehmen lässt. Diese Idee hat bei mir dazu geführt, dass ich manchmal große Lust habe, mich von Gegenständen zu trennen. So wie jetzt.
Ich frage mich, ob ich Dinge um mich herum brauche, die ich mit Bedeutsamkeit aufgeladen habe, um mich zu Hause fühlen zu können. Zum Beispiel die Kommode, auf der ich mal eine Ecke mit Klebeband abgeklebt hatte, damit ich daran denke, auf dieser Ecke nichts abzulegen. Die Ecke musste frei bleiben, damit das Kind, das damals oft bei mir war, darauf hoch klettern und seine Jacke an der Garderobe anhängen konnte. Diese Kommode habe ich jetzt aussortiert. Sie ist noch da. Aber es wird sich bestimmt eine Person finden, die die Kommode übernimmt. Dieser Gegenstand ist mit Bedeutsamkeit aufgeladen. Genau wie viele andere Gegenstände um mich herum. Brauche ich solche bedeutsamen Gegenstände um mich zu Hause zu fühlen?
Neulich war ich bei einer Video-Geburtstagsfeier. Da habe ich im Hintergrund einer Person ihr Sofa gesehen, auf dem ich auch schon mal gesessen habe. Und im Hintergrund anderer Personen deren Küche, in der ich schon mehrmals war. Bei einer anderen Person habe ich versucht den Raum zu erraten, aber ich glaube, sie war nicht in ihrer eigenen Wohnung. Das Sofa und die Küche haben für mich auch eine Bedeutsamkeit. So als ob ich eine Ameise wäre, die ihre Duftspur im Vorübergehen daran angehaftet hat. So wie manche Menschen (hoffentlich scherzhaft) sagen: „Was ich angeleckt habe, gehört mir“.
Brauchen Menschen Vertrautheit für ihr psychisches Wohlbefinden?
Wie viel Vertrautheit brauchen Menschen für ihr psychisches Wohlbefinden?
Wie schaffe ich mir Vertrautheitserlebnisse?
Brauche ich bedeutsame Gegenstände/Orte/Personen/Handlungen/Rituale um Vertrautheit zu erleben?
Ich glaube nicht, dass ich weniger Vertrautheit erlebe, wenn ich mich von vertrauten oder bedeutsamen Gegenständen trenne … so lange noch welche übrig bleiben.
Aber wenn ich mein Aussortieren nicht an Bedeutsamkeit oder Vertrautheit der Gegenstände orientiere, woran dann? Nützlichkeit finde ich auch kein gutes Kriterium.
Irgendwie überschlägt sich in meinem Leben gerade einiges. Ich finde es schön, dass ich die Zeit finde, mich mit solchen Fragen zu beschäftigen. Aber eigentlich muss ich gerade mal wieder etwas loslassen. Und das macht mich traurig. Dieser Traurigkeit möchte ich Raum geben. Eine mögliche Methode ist aus meiner Sicht dabei, einen bewussten Prozess des Aussortierens materieller Dinge zu durchlaufen.

ausdiskutiert

Seit einiger Zeit treffe ich mich mit einer Gruppe von Menschen und irgendwie habe ich mich dazu bereit erklärt bei einer politischen Aktion von denen mitzumachen. Es geht dabei darum, die Interessen einer Personengruppe zu vertreten. Viele Menschen ordnen mich in diese Personengruppe ein, obwohl ich selbst das nicht tue und auch nie getan habe. Dass andere Menschen mich da einordnen, hängt einfach damit zusammen, dass sie nur begrenzt viel über mich wissen. Im Alltag finde ich das auch völlig in Ordnung. Da finde ich eine sehr vereinfachte Sichtweise und Umgangsform meistens praktikabel. Aber wenn es darum geht, einen klaren Standpunkt zu beziehen, die eigene Sichtweise präzise zu benennen und die eigene Identität bewusst nach außen zu zeigen (mit allen Risiken), dann kann ich nicht einfach so tun, als ob ich zu dieser Personengruppe gehören würde.

Ich bin in dieser Thematik schon sehr oft angeeckt. Deshalb unterscheide ich für mich auch zwischen alltagspraktischen Lebensbereichen, in denen ich gut mit Kompromissen leben kann, und den Bereichen, in denen ich authentisch sein möchte. Manchmal nehme ich das als Balanceakt wahr. Menschen, die mir wichtig sind, müssen damit klar kommen, dass ich so eine äußere Schutzhülle habe, die ich ständig überall zeige, und einen Teil, der weiter innen liegt, und den ich nur dann zeige, wenn mir danach zu Mute ist. Das liest sich vielleicht so, als wäre ich innerlich zerrissen und würde darunter womöglich leiden. So sehe ich das aber gar nicht. Ich halte das für einen ganz normalen Kompromiss. Ich glaube, mehr oder weniger tun das alle Menschen auf ihre ganz eigene Art. Vielleicht sind sich nicht alle dessen bewusst. Und vielleicht ist es so, dass die Personen, die sich dessen bewusst sind, darunter auch leiden. Und vielleicht entsteht deshalb der Eindruck, dass innere Pluralität oder ein Widerspruch zwischen Innen und Außen auch mit einem Leidensdruck verbunden ist … verbunden sein muss. Der Eindruck täuscht.

Gestern gab es mal wieder eine Videokonferenz mit der Gruppe, von der ich am Anfang des Textes geschrieben habe. Und diesmal habe ich (am Ende des Gesprächs, aber trotzdem meiner Meinung nach ausreichend ausführlich) angesprochen, wer genau zu der Personengruppe dazu gezählt wird, deren Interessen vertreten werden sollen. Ich habe dabei den Finger in die Wunde gelegt. Ich habe gesagt, dass ich zur „Kerngruppe“ nicht dazu gehöre. Diese Kerngruppe zeichnet sich durch drei Merkmale aus. Von diesen drei Merkmalen besitze ich nur eins. Wir waren uns schnell einig, dass es nicht erforderlich ist, alle Merkmale der „Kerngruppe“ zu besitzen und Teil der (offensichtlich etwas weiter gefassten) Personengruppe sein zu dürfen, um die es geht. Diesen Punkt hatten wir schon mal in einem früheren Gespräch erreicht. Damit war ich nur mäßig zufrieden.

Deshalb habe ich das Thema gestern noch mal aufgerollt und tiefer in der Wunde nachgebohrt. Ich habe mich dabei auf eines der drei Merkmale der „Kerngruppe“ konzentriert. Dieses Merkmal besitze ich nicht. Aber ich glaube, die anderen möchten das nicht wahr haben. Alle Anzeichen an mir, die zu erkennen geben, dass ich das Merkmal nicht besitze, ignorieren oder verspotten sie.

Das bringt mich in einen Konflikt. Entweder mein Bedürfnis nach Authentizität oder mein Bedürfnis nach Annahme ist befriedigt. Und ich kann durch mein Verhalten steuern, welches der beiden Bedürfnisse unbefriedigt bleibt. Auf Dauer ist das sehr unbefriedigend für mich. Deshalb habe ich das Thema gestern so forciert.

Ich habe heraus gefunden, dass die anderen dieses Merkmal, auf das ich mich in dem Gespräch konzentriert habe und das ich selbst nicht besitze, viel wichtiger finden als die beiden übrigen Merkmale der „Kerngruppe“. Sie sagen: eine Person, die nicht alle Merkmale der „Kerngruppe“ besitzt, darf trotzdem Teil der Community sein (wenn sie das möchte), so lange sie nur dieses eine bestimmte Merkmal besitzt (das ich nicht besitze).

Kurz: sie zählen mich nicht dazu.

Schöne Scheiße aber auch.

Im Alltag tue ich meistens so, als hätte ich dieses Merkmal. Das mache ich um von den Privilegien zu profitieren, die ich hätte, wenn ich dieses Merkmal besitzen würde. Fast immer kann ich mit vollem Erfolg so tun, als hätte ich dieses Merkmal. Es gibt Personen, die dieses Privileg, das mit dem Merkmal verbunden ist, doof finden. Und das sind auch die Personen, vor denen ich gut zeigen kann, dass ich das Merkmal nicht habe. So wie HIV-Positive lieber das Wissen über ihre Virusinfektion für sich behalten, wenn sie berechtigterweise vermuten, dass sie von anderen Personen ausgegrenzt werden.

In dem Gespräch gestern habe ich es vermieden zu sagen, dass ich mich nicht mehr an politischen Aktionen der Gruppe beteiligen werde. Aber ich habe mich in dem Gespräch dazu entschlossen, das in Zukunft zu unterlassen.

 

Bei diesem Text hatte ich mir fest vorgenommen nicht zu benennen, um welchen Inhalt es geht. Ich wollte ausprobieren, ob ich die Interaktion und den Konflikt auch ohne Benennung des Inhalts beschreiben kann. Es geht. Hier kommt die Auflösung:

Ich finde es furchtbar, dass es lesbische Communitys gibt, die trans*-Personen ausstoßen. Eine Person ist lesbisch, wenn sie (1) sich als Frau sieht, (2) auf Personen steht, die sich selbst als Frau sehen, und (3) nicht auf andere Personen steht. Streng genommen gibt es also nur sehr sehr wenige „richtige“ Lesben, weil viele Personen, die sich als lesbisch verorten, mindestens ein Merkmal nicht erfüllen. Und ich finde das auch in Ordnung so. Und ich finde es furchtbar, wenn Transmänner, die vor ihrem Outing Teil einer lesbischen Community waren, dann plötzlich aus der Community ausgestoßen werden. Ich finde es schlimm, dass dieses Vorgehen dazu führt, dass sich trans*-Personen nicht outen können/wollen, weil sie die Unterstützung ihrer Community nicht verlieren wollen. Ich möchte keine politischen Aktionen planen mit Menschen, die sogar innerhalb ihrer Community Personen die freie Entfaltung verwehren.

 

rastlos

Seit dem Kontaktabbruch zu meiner Familie hat mich Ostern noch nie so sehr beschäftigt wie dieses Jahr. Ich bin unruhig und unausstehlich. Ständig will ich irgendwas machen. Nichts bestimmtes, nur halt irgendwas.

Diesmal ist etwas anders als sonst: ich habe ein Osternest per Paket geschickt bekommen. Ich vermute, dass das meine Unruhe ausgelöst hat. Früher, als ich noch Kontakt zu meiner Familie hatte, habe ich auch immer ein Osternest bekommen. Und es ist jetzt zum ersten Mal passiert, dass mir Menschen, die nicht mit mir verwandt sind, ein Osternest geschenkt haben. So als würde ich zu ihrer Familie gehören. Erst habe ich mich gefreut über die nette Geste. Gleichzeitig war mir aber auch mulmig. Ich möchte nicht Teil dieser Familie sein. Nicht wirklich. Aber ein bisschen schon. Ein ganz ganz kleines bisschen.

Mir macht das Konzept „Familie“ oft Angst, weil ich damit so schlechte Erfahrungen gemacht habe. Ich habe Angst, in einen Strudel hinein zu geraten, aus dem ich nicht mehr heraus komme. Sicherlich ist das bei diesen Menschen und in meiner jetzigen Situation unbegründet. Ich kann mich jederzeit distanzieren. Und das mache ich auch, so oft mir danach zumute ist. Trotzdem bin ich hin und her gerissen und möchte ein bisschen Nähe. Nicht leicht.

Das macht mich innerlich sehr unruhig. Ich weiß gar nicht richtig, wohin mit mir. Schon am Morgen habe ich schon keinen Bock mehr. Auf mich, auf den Tag, auf Konkretes.

 

Normalität

Sonst ignoriere ich Ostern eigentlich. Ich behandle das normalerweise wie einen ganz normalen freien Tag, der aber inhaltlich keine besondere Bedeutung hat und mit keinen Ritualen verbunden ist.
Ich merke, dass ich mich an Ostern hinter der Normalität verstecke, damit ich nicht darüber nachdenken muss, dass Ostern früher ja mal ein Fest war, das ich mit meiner Familie verbracht habe. Und darüber, dass das jetzt anders ist. Und darüber, dass das Gründe hat.
Dieses Jahr kann ich mich nicht so gut hinter der Normalität verstecken, weil die Pandemie dazu geführt hat, dass mein Alltag seit einem Monat ganz anders ist als sonst. Ich bin seit einem Monat an einem anderen Ort als normalerweise, habe keine regelmäßigen Termine, ab und zu eine Videokonferenz, und nähe fleißig Gesichtsmasken. Inzwischen habe ich mich an den neuen Alltag gewöhnt. Aber jetzt ist Ostern und ich bin unruhig. Ich merke, dass ich jetzt gern eine seit langer Zeit bekannte alltägliche Routine hätte, die es mir leicht macht, Ostern zu ignorieren. Die habe ich jetzt aber nicht.
Und sonst so? Ich war gestern mal kurz in meiner Wohnung und habe ein paar Sachen geholt. Es war seltsam dort zu sein. Dort, wo alles so vertraut und doch schon etwas fremd geworden ist im letzten Monat. Ich habe mal wieder festgestellt, wie wenig mir die meistens Dinge bedeuten, die ich besitze. Wenn ich meine komplette Kücheneinrichtung von jetzt auf gleich abgeben würde, würde mir meine Lieblingskaffeetasse gar nicht fehlen. Gestern hatte ich sie in der Hand und habe gemerkt, dass ich sehr gut auch ohne sie klar komme. Ich glaube, es ist mal wieder an der Zeit, meinen materiellen Besitz durchzusortieren und einiges abzugeben. Ich habe mal wieder viel zu viel Zeug. Das kann ich allerdings erst nach der Pandemie machen, wenn ich wieder öfter zu Hause bin.