beobachten

Ich finde es ja grundsätzlich doof, wenn von queeren Personen erwartet wird, dass sie sich outen. Deshalb boykottiere ich das. Statt mich aktiv zu outen beobachte ich, wie andere Menschen sich verhalten, wenn sie nebenbei die Dinge mitbekommen, die manche anderen Personen aktiv in einem (eventuell geplanten) Gespräch mitteilen.

Meistens vergesse ich, dass ich mir ja eigentlich vorgenommen habe, das zu beobachten. Dann plätschern die Reaktionen anderer Menschen einfach an mir vorbei ohne dass ich sie wirklich registriere. Und wenn ich das feststelle, nehme ich mir wieder vor stärker zu beobachten.

Irgendwie fühle ich mich nicht zuständig dafür, die Irritationen anderer Menschen aufzufangen. Oder ihnen irgendwas zu erklären.

Ich habe mit einer Person gesprochen, die ich bis dahin noch nicht kannte. Später ist mir aufgefallen, dass ich ihr Pronomen nicht kenne. Und dass ich meins auch nicht gesagt habe. Ich werde das nachholen. Sie wird mit anderen Menschen über unser Gespräch (und vermutlich auch über mich) sprechen. Bei einer der Personen, mit denen sie da sprechen wird, weiß ich gar nicht, ob sie mein aktuelles Pronomen kennt. Ich beobachte schon eine Weile ihr Verhalten mir gegenüber. Bin ja mal gespannt, ob sie (wie manche andere Menschen) irgendwann mal irgendwelche Fragen an mich hat, die mit meinem Geschlecht zusammen hängen. Vermutlich aber nicht. Es ist alles so einfach und selbstverständlich.

allein im Wald

Ich bin wieder traurig. Menschen zu treffen, die Dinge tun, die ich auch tun möchte, aber aus bestimmten Gründen auf einen unklaren zukünftigen Zeitpunkt vertagt habe, macht mich im Nachhinein traurig. Ich bin vor allem deshalb traurig, weil es die aufschiebenden Gründe in meinem Leben gibt. Es geht nicht alles gleichzeitig. Ich verstehe das, und bin trotzdem traurig.

Damit die Traurigkeit mich nicht unter sich begräbt habe ich gute Strategien. Aktuell greife ich auf die Strategie zurück, bei der ich die Traurigkeit unterdrücke, was nur mäßig funktioniert. Und auf die Strategie, bei der ich nur eine Winzigkeit der Traurigkeit fühle.

Im Wald riecht es nach Pilzen. Ich kann verschiedene Arten sehen, erkenne aber keine, von der ich sicher weiß, dass sie essbar ist. Die Sonne scheint durch das Laub. Der Boden ist feucht und am Hang rutsche ich aus. Ich klopfe den Waldboden von meinen Handflächen und meiner Kleidung. Es riecht nach Erde. Diese Mischung aus Zersetzungsprozess, Schimmel, Feuchtigkeit und Biomasse. Ich bin allein im Wald. Die Müdigkeit kann ich nicht weg atmen. Die Rückenschmerzen kann ich nicht weg bewegen. Ich bin noch ganz demütig, weil ich neulich erst krank war und mich elend gefühlt habe und es mir jetzt wieder besser geht. Ich kann mich nicht entscheiden, welchem Weg ich folgen möchte. Ich gehe nach links. Ein Tier macht Geräusche. Ich frage mich, ob es ein Specht ist. Und wenn ja, warum er so langsam klopft. Der Regen hat Laub und Erdboden bewegt. Vor den Steinen am Hang haben sich kleine Laubhaufen gesammelt, weil sie am weiter schwimmen gehindert wurden.

Die Traurigkeit ist immer noch da. Und die große Wut darauf, dass es in meinem Leben besonders große Herausforderungen gibt und ich den ganzen Mist ausbaden muss statt meine Kraft und Zeit in solche Dinge zu stecken, wie es die anderen Menschen tun.

Ich frage mich, ob ich sagen möchte: ihr seid privilegiert. Das traue ich mich nicht zu sagen. Was weiß ich schon? Statt dessen esse ich lieber Schokolade. Ein Verhalten, das auch nichts ändert.

keinen Dank für die Blumen

Ich gehe mit einem kleinen Bündel Grünfutter in der Hand die Straße entlang.

Ein alter, weißer, unrasierter Mann sitzt breitbeinig an der Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite.

Mann: „Für wen ist denn der grüne Blumenstrauß?“

Ich habe jetzt schon keine Lust auf dieses Gespräch. Woher nimmt er sich das Recht lautstark fremde Menschen aus der Distanz anzuquatschen? Und warum glaubt er, dass ich verpflichtet bin ihm eine Auskunft zu erteilen, damit er sein angeknaxtes Weltbild (GRÜNER Blumenstrauß?!) wieder kitten kann?

Ich hebe das Grünfutter selbstverliebt vor meine Brust und sage ironisch: „Für mich ganz persönlich.“

Er ist nicht überzeugt. Ich lasse den Arm wieder sinken, ergänze: „Für mein Haustier natürlich“ und verdrehe innerlich die Augen.

Der Mann möchte wissen, ob es ein Hamster sei, ich bejahe, er nickt, sagt „Aha“ und blickt zur Seite. Die Interaktion endet.

Manchmal frage ich mich, ob das Patriarchat wirklich schon so fragil ist, dass es sich manche Menschen zur Aufgabe machen, es zu stabilisieren, damit wir auch in Zukunft noch Menschen in Gruppen mit unterschiedlich viel Macht qua Gruppenzugehörigkeit einteilen. Wenn es nicht so ernst wäre, würde ich das Ganze gern als Schmierenkomödie betrachten.

konservativ

Liebes du!

Du sagst, dass du zu einer Feier gehst, und dass es später werden kann. Noch bevor du Luft holen kannst, fügst du an, du möchtest nicht, dass ich mir jemanden zum Schmusen nach Hause einlade. Ich schaffe es nicht, dich ernst zu nehmen. Ich versuche mein Grinsen zu unterdrücken und bin mir ziemlich sicher, dass mir das misslingt.

Das Thema hatten wir in letzter Zeit zu oft, deshalb hake ich nach. Ich frage, ob es dir lieber wäre, wenn ich zu der Person zum Schmusen nach Hause gehen würde. Wäre es dir nicht. Du behauptest, dass diese fiktive Person gar keine Wohnung habe. Ich biete an, dass ich mich auch mit ihr zum Schmusen unter einer Brücke treffen könne. Spätestens jetzt lache ich. Du auch.

Ich spreche eine strukturelle Ebene an. Mir ist aufgefallen, dass du mich immer wieder präventiv davon abhalten möchtest sexuelle und/oder romantische Beziehungen zu anderen Menschen aufzunehmen, obwohl wir uns generell eigentlich einig sind, dass wir uns das gegenseitig zugestehen. Du schmollst kurz. Ich frage, ob du vor etwas Angst hast. Du sagst, du hättest Angst, dass ich mich von dir trenne, weil du so oft nicht zu Hause bist. Ich verschweige dir, dass ich finde, du bist sehr oft zu Hause. Manchmal wäre es mir lieber, du wärst öfter unterwegs, auch das behalte ich für mich. Statt dessen erinnere ich dich daran, dass ich dir schon wiederholt gesagt habe, dass mich das nicht stört, wenn du nicht zu Hause bist. Und dass ich keinen Grund sehe mich deshalb von dir zu trennen. Ich frage, warum du das denkst, obwohl wir darüber schon mehrfach gesprochen haben. Du mutmaßt, dass es daran liegt, dass du andere Menschen kennst, die dir gegenüber immer wieder sagen, wie wichtig es für ihre Partner ist, dass sie nicht zu lange von zu Hause weg bleiben. Ich frage mich, aber nicht dich, ob diese Menschen irgendwo in den 50er Jahren stecken geblieben sind. Wir fragen uns, ob diese Menschen Sex haben. Du beschließt diese Menschen danach zu fragen. Das Gesprächsthema endet. Ich bin gespannt, ob du sie fragst, ob sie Sex haben.

Wiedersehen

Liebes du!

Ich hatte dich schon vermisst. Wir haben uns lange nicht gesehen. Du bringst mich auf neue Gedanken, machst schöne Sachen mit mir und eröffnest mir neue Perspektiven. Du hast mich gefragt, was eine Bundestagswahl ist, warum du dabei nicht mitmachen darfst, was eine Staatsangehörigkeit ist, welche du hast und welche ich habe. Wer gewählt werden kann, warum ich nicht den wähle, an dem wir gerade vorbei gekommen sind. Ob der Bundestag den Bau neuer Skateplätze beschließen kann. Wer statt dessen dafür zuständig ist. Du hast mir erzählt, welche Farben die FFP2 Masken hatten, die du seit unserem letzten Treffen getragen hast. Du warst ganz erstaunt, dass es nicht nur lila, blau und grün, sondern sogar schwarz gibt. Du hast mir die Rotationsbewegung eines Rollers erklärt und dabei versucht den Drehwinkel mathematisch zu beschreiben. Ich habe bemerkt, dass du das Konzept der indirekten Proportionalität noch nicht kennst. Ich habe aber auch darauf verzichtet, dir dieses Konzept näher zu bringen, weil ich so fasziniert von deiner Erklärung war, in der Bruchrechnung, Rotationswinkel und deine individuellen Fähigkeiten beim Skaten ineinander über gingen. Auch deine Erklärungen, warum du ausgerechnet jetzt zum Schwimmunterricht gehen wirst, fand ich interessant. Zunächst warst du der Meinung, dass der Abbruch deines Schwimmunterrichts von 1,5 Jahren nichts mit dem Ausbruch der aktuellen Pandemie zu tun hat. Als du mehrere Argumente angebracht und sortiert hast, warst du dann doch der Meinung, dass es ausschließlich an der Pandemie liegen kann. Deine Art zu Denken und zu Leben bereichert mich. Schön, dass wir uns jetzt wieder öfter sehen!

unspektakulär

Mein Name, Pronomen, Auftreten, Sprechen und Verhalten bringen manchmal andere Menschen an die Grenzen ihre Vorstellungen von Geschlecht. Ich finde, das müssen sie aushalten können. Ich glaube, es gehört nicht in meinen Aufgabenbereich ihre Geschlechtsvorstellungskonfusionen zu entwirren oder mich ihren Vorstellungen anzupassen.

Eine besondere Rolle nehmen dabei Personen ein, die eine normative Vorstellung von Transition haben. Eine Vorstellung, als ob Transition eine Einbahnstraße ist. Mit klar vorgegebenen Abschnitten, die brav abzulaufen sind. Mit einem Anfang und Ende. Ohne Umwege. Ohne Abkürzungen. Ohne Zusätze. Ohne Auslassungen. Ohne Stillstand. Und ohne Umkehr.

Ehrlich gesagt kenne ich diese normativen Vorstellungen von Transition gut. Die freundlichen Massenmedien präsentieren sie rauf und runter, wenn es um geschlechtliche pseudo-Vielfalt geht. Und mir ist auch klar, dass außer mir noch andere Personen diese Vorstellungen in den Medien konsumiert haben. Ich frage mich nur, warum sie eine so leicht durchschaubare Illusion für wahr halten.

Es gibt nichts in der Welt, das einheitlich ist. Es gibt keine Menschen, die kollektiv das gleiche erleben. Wieso sollten ausgerechnet trans Personen eine homogene Gruppe darstellen, bei der von einem imaginierten Startpunkt bis zu einem imaginierten Zielpunkt alles praktisch gleich abläuft!

Ich finde, ich bin nicht dafür zuständig, andere Menschen darüber aufzuklären, dass das alles Quatsch ist. Vor allem nicht, wenn sie bei meiner Anwesenheit neugierige leuchtende Augen bekommen und ich mich frage, ob sie denken „die Person steht gerade gaaaanz am Anfang der einheitlichen Transitions-Einbahnstraße und ich habe die Ehre live mitzuerleben, wie sie diesen Weg geht“. Das Leuchten in den Augen verschwindet meiner Erfahrung nach im Laufe der Zeit wieder, wenn ihnen auffällt, dass sich bei mir nichts Spektakuläres verändert. Mein Name, Pronomen, Auftreten, Sprache und Verhalten bleiben einfach gleich. Tja, große Enttäuschung.

Neulich hat eine Person zwei Bücher geschenkt bekommen. Ich hatte aber nur mitbekommen, dass sie einer der Bücher von Margarete Stokowski (übrigens sind beide Bücher von ihr sehr lesenswert) geschenkt bekommen hat. Außerdem hat sie auch „Ich bin Linus“ von Linus Giese geschenkt bekommen, was mir aber entgangen war. In dem Buch erzählt der Autor von einigen Erlebnissen, die er gemacht hat, seit er sich als trans geoutet hat. Ich habe gesagt: „Du hat ein tolles Buch geschenkt bekommen.“ und meinte das von Stokowski. Daraufhin hat die Person mich gefragt, ob ich es denn schon gelesen hätte und hielt das Buch von Giese hoch. Erst in dem Moment habe ich verstanden, dass sie dachte, ich hätte dieses Buch gesehen und gemeint und wäre davon besonders angesprochen gewesen. Ich habe ihr dann gesagt, dass ich nur Auszüge aus dem Buch kenne. Daraufhin hat sie mir das Buch in die Hand gedrückt und mich mehr oder weniger genötigt es einzustecken und zu Hause zu lesen (oder so zu tun als ob). Ich hatte den Eindruck, sie duldet keinen Widerstand. Und da noch andere interessiert zuhörende Personen anwesend waren und ich den Vorgang nicht vor allen Anwesenden diskutieren wollte, habe ich mich dazu breit schlagen lassen das Buch mitzunehmen.

Eigentlich wollte ich das Buch gar nicht mitnehmen. Und ich frage mich, was die Person mir damit sagen wollte, dass sie mir das Buch aufgenötigt hat. Glaubt sie, ich brauche einen Anstoß von außen um mich mit Themen rund um Transition auseinander zu setzen? (Nein, brauche ich nicht. Ich tue es sowieso und schon sehr lange. Vielleicht ist ihr das noch nicht aufgefallen. Es hätte ihr aber auffallen können, denn ich habe es ihr gegenüber mehrfach explizit erwähnt.) Glaubt sie, sie tut mir einen Gefallen, wenn sie mir Informationsmaterial überreicht? (Nein. Ich kann gut selbst auswählen, welche Informationsquellen ich konsumieren möchte.) Glaubt sie, mir wäre es peinlich das Buch anzunehmen und sie müsse meine Schamgrenze mit Nachdruck überschreiten? (Nein, mir ist das nicht peinlich. Ich habe nur zur Zeit sowieso viel mehr Lesestoff zu Hause als ich in absehbarer Zeit auch nur annähernd lesen kann.) Manchmal verstehe ich andere Menschen nicht.

immer wieder

Ein Mensch, der da ist. Einfach da. Auch, wenn ich mich darüber wundere, es kaum glauben kann, denke, dass ich das nicht wert bin. Ich mich darüber wundere, dass ich selbst da bin. Dass es mich noch gibt. Immer noch. Obwohl manche Dinge in meinem Leben so gefährlich waren und mein Gehirn mir die Gefahr und die Gewalt immer wieder präsentiert, in einer Dauerschleife, Posttraumatische Belastungsstörung. Ein Gehirn im Kirsenmodus, obwohl ich so sicher bin, wie ich nur sein kann. Mein Körper hat Schmerzen. Das löst die Traumareaktion aus. Und dann muss ich wieder die Scherben zusammen kehren. Mich orientieren. Mir wieder bewusst machen, dass das nur eine Traumareaktion ist und keine lebensbedrohliche Situation. Mir wieder die Fäden zusammen suchen, die ich schon so oft zusammen gesucht habe, und die zusammen ein Netz bilden. Mir wieder bewusst machen, dass diese zwischenmenschliche Beziehung nicht von Gewalt geprägt ist. Und dass es kein unerklärliches Wunder ist, dass dieser Mensch da ist. Immer noch da. Obwohl ich mich so elend fühle. Ich habe zwar Gewalt in verschiedenen engen Beziehungen erlebt. Aber nicht in dieser. Diesmal hat meine Traumareaktion nichts mit der Beziehung zu tun. Sie wird weder davon verursacht noch davon angetriggert. Sie kommt von den Schmerzen. Und ich fühle mich genauso elend. Und in mir kommt der Gedanke auf, dass ich die Beziehung beenden muss um das Problem zu lösen. Und ich werde garstig. Und dann erschrecke ich über meine eigenen Gemeinheiten. Denke, ich bin jetzt selbst Schuld, wenn der Mensch weg geht. Mache mir Vorwürfe. Und stelle fest: der Mensch ist immer noch da. Und dann erscheint mir das wie ein Wunder. So wie mir meine eigene immer-noch-Existenz wie ein Wunder erscheint. Und dann bringe ich schon wieder alles durcheinander. Das Jetzt und das Früher. Die verschiedenen zwischenmenschlichen Beziehungen, die doch so grundlegend verschieden sind. Die Gefühle direkt nach Gewalterlebnissen und die Gefühle durch die Posttraumatische Belastungsstörung. Den Bedarf an akuter Selbstfürsorge und den Wunsch nach langfristigen Verbesserungen meiner Gesamtsituation. Mein Wunsch nach Selbstwirksamkeit auf Grund von innerer Stärke und mein Wunsch nie wieder von anderen Menschen verletzt zu werden. Der Alltag und die Routinen geben mir Halt. Gerade schaffe ich es nicht so gut, Alltag zu praktizieren. Ich kenne das. Ich kenne Strategien. Ich kann sie umsetzen. Ich weiß, dass es wieder besser wird. Und ich bin tierisch genervt davon, dass ich mich immer wieder aus diesen Löchern raus buddeln muss. Ich wünschte, ich wäre nicht chronisch krank. Ich wünschte, ich hätte das alles nie durch gemacht. Und ich müsste nicht so viel Zeit und Kraft für Selbstfürsorge investieren um irgendwie den Kopf über Wasser zu halten. Wut. Wut gibt mir Kraft. Wut spüren und sie nicht raus lassen können, nimmt mir Kraft. Traurigkeit. Traurigkeit kann mich überrollen wie ein Tsunami. Eine große Welle im Hafen. Dann werde ich verschluckt. Dann komme ich in die Traumareaktion. Ausgelöst von Traurigkeit. Das vermeide ich, indem ich mich nicht zu sehr auf Traurigkeit einlasse. Langfristig vermute ich, dass ich stabiler wäre, wenn ich Traurigkeit besser aushalten könnte und nicht so schnell davon in die Traumareaktion rein gezogen werde.

Es gibt keine Lösungen. Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung ist einfach ein Arschloch.

vorbereitet

Die Wohnung ist aufgeräumt und geputzt. Sogar die Küche sieht ordentlich aus. Mein Schreibtisch auch. Ich habe alles erledigt.

In den letzten zwei Wochen war ich sehr erschöpft. Ich habe mich irgendwie über den Tag geschleppt, vieles abgesagt, nicht gearbeitet, die Wohnung verdrecken lassen, kaum gekocht. Inzwischen habe ich wieder mehr Energie. Heute habe ich viel geschafft und war trotzdem nicht total platt. Das werte ich als Zeichen, dass die Erschöpfungs-Phase sich deutlich dem Ende zu neigt.

Ich möchte ab morgen wieder arbeiten. Mir gibt das das Gefühl, etwas wichtiges zu tun. In letzter Zeit bin ich sehr unzufrieden, unausgeglichen, tief traurig und habe aufgestaute Wut, die ich nicht raus lasse(n kann). Eine Krisensituation auf körperlicher, emotionaler und psychischer Ebene. Meine Hauptbewältigungsstratgie: ausruhen.

Jetzt bin ich wieder halbwegs ausgeruht. Ich brauche eine neue Bewältigungsstrategie. Ich denke daran, dass ich (a) mal wieder meine Wut raus lassen sollte und (b) mir abwechslungsreichere Sinneswahrnehmungen gönnen sollte. Und ich bin genervt davon, dass meine beiden wichtigsten Strategien zum Wut raus lassen gerade nicht funktionieren (Laufen gehen – wegen Schmerzen; stundenlang tanzen – wegen der Pandemie). Ich wünschte, ich hätte dafür gut funktionierende Strategien, die ich auch zur Zeit anwenden kann.

Ich freue mich darüber, dass ich wieder mehr Energie habe und mir durch Arbeiten bald wieder das tolle und befriedigende Gefühl geben kann. Hoffentlich klappt das!

Vereinnahmung und Ausschluss mit einem Stern

Ich: „Warum benutzt ihr im Titel eurer Gruppe die umstrittene Bezeichnung ‚Frauen*‘?

Person: „Wir wissen, dass das eine umstrittene Bezeichnung ist. Darüber haben wir auch schon viel gesprochen. Und es ist so, dass wir in unser Gruppe sehr verschiedene Frauen haben. Zum Beispiel auch Frauen, die sich nicht als Frauen sehen.“

Ich: kotz

Und hier eine ausführliche Kritik an der Bezeichnung „Frauen*“: Laufmoos-Blog

vereinnahmt

Eine Gruppe von Frauen. Ein Gespräch über den Umgang mit übergriffigem Verhalten. Eine Frau vertritt sehr vehement die Meinung, dass FLINTA grundsätzlich nicht so gut geeignet sind wie cis Männer, wenn es darum geht, sich gegen übergriffiges Verhalten zu wehren und eine übergriffige Person raus zu schmeißen. Kopfnicken in der Runde. Argumente und Erfahrungen, die das bestätigen, werden ausgetauscht.

Ich merke, die meisten Anwesenden sind sich da einig. Mir geht das völlig gegen den Strich. Ich merke aber auch, es gibt jetzt nicht den Raum um das zu besprechen. Irgendwie scheinen sie das zu brauchen: erstmal feststellen und gemeinsam anerkennen, dass sie qua Geschlecht benachteiligt sind, um eventuell danach einen Umgang mit der Benachteiligung zu finden (dieser zweite Schritt wurde in dem Gespräch allerdings nicht gegangen). Ich nenne das internalisierte Misogynie und möchte mich davon abgrenzen.

Mir ist aber auch klar, dass ich nicht in der Position bin, um weibliches Empowerment als etwas Selbstverständliches einzufordern, dass ganz ohne (vorheriges) Festnageln auf eine sexistische Grundlage möglich ist. Um in einer Frauengruppe so einen Standpunkt zu vertreten, habe ich eindeutig ein falsches Geschlecht. Aus diesem Grund habe ich es dann auch gelassen.

Manchmal frage ich mich, ob mein Feminismus zu radikal ist. Ob er nicht anschlussfähig ist für manche Menschen. Insbesondere für Menschen, bei denen ich mir so eine Anschlussfähigkeit manchmal wünsche. So wie bei dem Erlebnis.

Und dann ist da noch dieses FLINTA-Argument in dem Erlebnis gewesen. Die vehement misogyn sprechende Frau hat nicht über Frauen gesprochen, sondern über FLINTA. Gleichzeitig hat sie eine internalisiert misogyne Perspektive für selbstverständlich genommen. Diese Perspektive hat sie nicht nur auf Frauen sondern auch auf andere FLINTA bezogen. Dabei wird mir übel. Ich nenne das Vereinnahmung. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie (außer der ohnehin schon sehr kritikwürdigen Misogynie auch noch) nicht im Blick hat, dass FLINTA eine sehr heterogene Gruppe sind. Und Personen dieser Gruppe machen und machten auch sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Sexismus (und Cis-Sexismus). [Bei mir ist es z. B. so, dass ich keine weibliche Sozialisation hatte (auch wenn das manche Menschen vermuten oder glauben), und mich deshalb nicht von misogynen Zumutungen in Bezug auf mich distanzieren muss, weil ich sie nie (ernsthaft) als auf mich bezogen und möglicherweise gerechtfertigt angesehen habe. Ich muss also nichts von mir weisen, weil ich es eh nie als auf mich gerichtet oder als Teil von mir aufgefasst habe. Deshalb halte ich mich auch zurück, wenn andere Personen einen Prozess der Auseinandersetzung mit solchen Zumutungen durchlaufen.]

Ich finde es problematisch, wenn FLINTA als vulnerabel qua Geschlecht angesehen oder dargestellt werden. Da wird dann eine weiblich assoziierte Vorstellung eins zu eins auf FLINTA übertragen (statt sich kritisch mit der Vorstellung auseinander zu setzen). Und es wird ignoriert, dass FLINTA auch Männer sein können. Zum Beispiel inter cis Männer. Oder trans Männer (egal ob endo oder inter). Oder dass FLINTA männlich sozialisiert sein können und deshalb von Sexismus anders betroffen sind als nicht männlich sozialisierte Personen. Oder dass FLINTA (zu Unrecht) von anderen Menschen als endo cis Männer gelesen werden können und deshalb von Sexismus anders betroffen sind als nicht als endo cis männlich gelesene Personen.

Ich finde es doof, wenn ich und andere Personen unter dem Akronym FLINTA vereinnahmt werden für die Thematisierung von Sexismus, der so nicht auf mich und manche anderen Personen zutrifft.