Widerstand

Es könnte so einfach sein. Nie wieder Alpträume. Nie wieder Kopfschmerzen. Nie wieder Tinnitus. Nie wieder Panik. Nie wieder Erschöpfung. Nie wieder Müdigkeit. Nie wieder Dissoziation. Nie wieder Schlafmangel. Nie wieder kämpfen. Nie wieder das Positive sehen. Nie wieder nach vorn blicken. Nie wieder tapfer sein. Nie wieder durchhalten. Nie wieder mit Mist auseinandersetzen.
Manchmal. Da stehe ich vor einem Regal und ohne es zu steuern schweift mein Blick über die Messer in der Auslage und prüft, welches am geeignetsten ist. Oder ob das Hochhaus hoch genug ist. Ob die Brücke tief genug ist. Ob der Sog des Wehr stark genug ist. Ob die Kurve unübersichtlich genug ist, damit der Lokführer nicht bremsen kann.
Wir sprechen in der Therapie über „die große Sache“ im Leben. Und darüber, dass meine „große Sache“ meine Krankheit ist. Sie nimmt mich in Beschlag. Jeden Tag. Massiv. Und wir sprechen darüber, dass das nicht selbstbestimmt ist. Und dass ich nur einen sehr geringen Handlungsspielraum habe, um das zu ändern. Und dass das Parallelen zum Trauma sind.
In der letzten Therapiestunde haben wir über Leistung gesprochen. Und die Therapeutin hat vorgeschlagen den Gedanken zu prüfen, ob in meinem Leben „mich nicht umbringen“ eine ernstzunehmende und zu würdigende Leistung ist.
Mir widerstrebt das. Aber es stimmt.
Ich widerstehe der Versuchung. Das ist meine Leistung.

Heute bin ich Fahrrad gefahren und habe die Goldberg-Variationen von Bach gehört. Dann kam die zehnte Variation. Ich liebe diese Musik. Eine Stimme beginnt und spielt das Thema vor. Dann setzt die zweite Stimme ebenfalls mit dem Thema ein, dann die dritte, dann die vierte. Jede Stimme hat gleich viel Zeit bis die nächste dazu kommt. Wie bei einer Fuge. Das wird wiederholt. Dann kommt der zweite Teil, der so ähnlich aber doch anders ist. Wie bei einer Suite. Und auch der zweite Teil wird wiederholt. Alles hat seine Ordnung in der Musik. Typisch Barock. Und typisch Polyphonie. Da kenne ich mich aus. Meine Ohren sind diese Musik gewohnt. Gleich fühle ich mich zu Hause. Und heiter.
Und später habe ich auf einer Brücke gestanden und mir angeschaut wie die tief stehende Abendsonne die frühlingshaft-frisch-grünen Bäume mit ihrem rötlichen Licht anleuchtet. Und ich konnte mich gar nicht satt sehen.
Das ist das Leben. Einfach da sein. Und die Aufmerksamkeit auf das richten, was da ist. So war das schon immer. So wird das auch immer bleiben. Ich bin einfach ein Lebewesen und mache mit beim Leben.

Ich schaffe es nicht, diese beiden Ansätze zusammen zu bringen.

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Schluck mich, sprach die Kröte

Meine gesundheitliche Einschränkung ist so groß, dass ich jeden Tag davon betroffen bin. In guten Phasen bin ich dadurch nur wenig eingeschränkt, vergleichbar mit einer Erkältung. In schlechten Phasen bin ich dadurch stark eingeschränkt, zu Teil so sehr, dass ich 80-90% meiner Zeit respektive Kraft zum Symptommanagement brauche.
So ist es jetzt. So ist das schon seit vielen Jahren. Und so wird das vermutlich für immer bleiben.
Und wie geht es mir mit dieser Tatsache? Ich finde doof, dass das so ist. Ich will diese Tatsache nicht akzeptieren. Ich will mir einreden, dass es nicht so schlimm um mich bestellt ist.
Ich bin frustriert.
Und ich frage mich, ob ich meine Situation durch den Frust verschlechtere. Im Allgemeinen mindert Frust ja die Lebensqualität.
Ich würde so gern gut schlafen können und keine Alpträume mehr haben. Der Schlafmangel und die Träume sind zur Zeit meine Hauptleidensquelle.

traurig

Ich wurde gebeten, mich zu gedulden. Aber ich will mich nicht gedulden! Ich will jetzt! Ich habe mich schon geduldet. Meine Geduld reicht bis heute.
Eigentlich wollte ich nämlich schon früher. Und ich wurde zuerst gebeten, mich bis heute zu gedulden. Und ich bin darauf eingegangen. Vorgestern wurde ich dann gebeten, mich noch länger zu gedulden. Aber ich will nicht. Ich will jetzt! Jetzt war ausgemacht. Und verschieben ist doof.
Ich bin traurig, weil ich so lange warten muss, dass es sich anfühlt, als ob ich für immer warten muss.

Schreibblockade überwinden

Lieber Blog!
Ich bin systematisch geworden im Schreiben. Und da ich das System noch nicht zu Ende gebracht habe, habe ich mich nicht getraut, mal was anderes zu schreiben, was mich aktuell beschäftigt, aber mit dem System nichts zu tun hat. Aber egal. Im blog ist eh alles erlaubt.
Meine eine Feststelltaste klemmt. Und ich habe keine lust, mich viel mit korrekturen zu beschäftigen.
Krise ist angesagt bei mir. Schon seit wochen, und es wird immer schlimmer. Inzwischen sind meine kraftreserven ziemlich am ende.
Mein körper ist schwach. Ich bin unendlich erschöpft. Kopfschmerzen. Magen. Hals/Erkältung. Und dachschaden. Vor allem dachschaden.
Schon gewusst? Ich hatte noch keinen einzigen suizidversuch. In meinem ganzen leben nicht. Trotz umfassendem und dauerhaften dachschaden. Das ist der hauptgrund, warum ich glaube, dass ich mich auch diesmal nicht umbringen werde. Ich finde das unvernünftig. Meine erfahrung ist, dass ich mich zwischen den krisen immer freue, dass ich mich nicht umgebracht habe. Und im Laufe der Jahre wird die Zeit zwischen den Krisen immer länger und schöner. Deshalb ist es vernünftig, auf einen Suizid zu verzichten.
Jetzt klemmt die Feststelltaste auch nicht mehr.
Bei mir ist meine Pflegekatze. Sie tut mir gut, deshalb habe ich sie mir ausgeliehen. Sie ist schon ein paar Tage bei mir und bleibt für 2 Wochen. Sie leidet mit mir. Manchmal traut sie sich nicht, auf meinen Schoß zu springen. Dann steht sie vor dem Sofa und maunzt mich an.
Ich schaffe: essen (weil das wichtig ist um am Leben zu bleiben), duschen, Zähne putzen, Kleidung wechseln, lüften. Das sind die wichtigsten Dinge im Moment. Ich setze meine Kraft dafür ein, mich nicht umzubringen. Was mir dabei hilft, mache ich. Was mich dabei hindert, lasse ich. Alle Verpflichtungen habe ich abgesagt. Nur noch zur Therapie gehe ich.
Ich weiß nicht, ob andere Menschen verstehen, warum ich davon überzeugt bin, dass Alleinsein mir im Moment gut tut. Mich strengen Menschen einfach an. Immer. Und zur Zeit habe ich keine Kraft übrig, um mich mit Menschen zu beschäftigen.
Suizidgedanken sind ein gesellschaftliches Tabu, oder? Ich finde das sehr schade. Viele Menschen, die Suizidgedanken haben, äußern sie nicht. Ich bin in der Hinsicht zurückhaltend, weil ich andere Menschen nicht erschrecken möchte. Aber erschrecken tue ich andere Menschen ja auch, wenn ich über Gewalt schreibe. Anders ist das schon. Aber ebenfalls erschreckend.
Dabei gehören Suizidgedanken zum Leben dazu. Die meisten Menschen, die sich damit tragen, haben nie einen Suizidversuch. So wie ich. Mich begleitet das Thema schon seit Jahren immer wieder. Das ist so wie mit einem Gartennachbar, der einen lauten Rasenmäher hat und natürlich irgendwann mal mäht. Es nervt. Aber ich muss es akzeptieren. Und ich akzeptiere es auch. Das gehört eben zum Leben, so wie der Rasenmäher zum Wochenende in der Gartenkollonie. Aber ob andere Menschen damit auch so entspannt umgehen können wie ich?
Weil ich das bezweifle, rede ich nicht drüber. Außer in meiner Therapie. Und jetzt habe ich es hier auch getan. Und ich hoffe, das fühlt sich gleich ganz befreiend an.

Selbstschutz.

Themenbereiche:

  • Leben mit Tarnkappe
  • Geringe Wahlfreiheit
  • Möglicher Übergriff des Vaters auf mich
  • Krankenhaus
  • Keine Anzeige
  • Umzug in eine andere Stadt
  • Mögliche zufällige Begegnungen

 

Bedürfnisse:

  • Schutz vor körperlichem Schaden
  • Klarheit
  • Trost
  • Freiwilligkeit
  • Gerechtigkeit
  • WIRKSAMKEIT
  • seinen Platz finden
  • RUHE
  • Empathie
  • Geborgenheit
  • Zugehörigkeit
  • Ganzheit
  • Kontinuität
  • Gemeinschaft
  • Verhalten selbst bestimmen
  • Respekt