Vereinnahmung und Ausschluss mit einem Stern

Ich: „Warum benutzt ihr im Titel eurer Gruppe die umstrittene Bezeichnung ‚Frauen*‘?

Person: „Wir wissen, dass das eine umstrittene Bezeichnung ist. Darüber haben wir auch schon viel gesprochen. Und es ist so, dass wir in unser Gruppe sehr verschiedene Frauen haben. Zum Beispiel auch Frauen, die sich nicht als Frauen sehen.“

Ich: kotz

Und hier eine ausführliche Kritik an der Bezeichnung „Frauen*“: Laufmoos-Blog

vereinnahmt

Eine Gruppe von Frauen. Ein Gespräch über den Umgang mit übergriffigem Verhalten. Eine Frau vertritt sehr vehement die Meinung, dass FLINTA grundsätzlich nicht so gut geeignet sind wie cis Männer, wenn es darum geht, sich gegen übergriffiges Verhalten zu wehren und eine übergriffige Person raus zu schmeißen. Kopfnicken in der Runde. Argumente und Erfahrungen, die das bestätigen, werden ausgetauscht.

Ich merke, die meisten Anwesenden sind sich da einig. Mir geht das völlig gegen den Strich. Ich merke aber auch, es gibt jetzt nicht den Raum um das zu besprechen. Irgendwie scheinen sie das zu brauchen: erstmal feststellen und gemeinsam anerkennen, dass sie qua Geschlecht benachteiligt sind, um eventuell danach einen Umgang mit der Benachteiligung zu finden (dieser zweite Schritt wurde in dem Gespräch allerdings nicht gegangen). Ich nenne das internalisierte Misogynie und möchte mich davon abgrenzen.

Mir ist aber auch klar, dass ich nicht in der Position bin, um weibliches Empowerment als etwas Selbstverständliches einzufordern, dass ganz ohne (vorheriges) Festnageln auf eine sexistische Grundlage möglich ist. Um in einer Frauengruppe so einen Standpunkt zu vertreten, habe ich eindeutig ein falsches Geschlecht. Aus diesem Grund habe ich es dann auch gelassen.

Manchmal frage ich mich, ob mein Feminismus zu radikal ist. Ob er nicht anschlussfähig ist für manche Menschen. Insbesondere für Menschen, bei denen ich mir so eine Anschlussfähigkeit manchmal wünsche. So wie bei dem Erlebnis.

Und dann ist da noch dieses FLINTA-Argument in dem Erlebnis gewesen. Die vehement misogyn sprechende Frau hat nicht über Frauen gesprochen, sondern über FLINTA. Gleichzeitig hat sie eine internalisiert misogyne Perspektive für selbstverständlich genommen. Diese Perspektive hat sie nicht nur auf Frauen sondern auch auf andere FLINTA bezogen. Dabei wird mir übel. Ich nenne das Vereinnahmung. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie (außer der ohnehin schon sehr kritikwürdigen Misogynie auch noch) nicht im Blick hat, dass FLINTA eine sehr heterogene Gruppe sind. Und Personen dieser Gruppe machen und machten auch sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Sexismus (und Cis-Sexismus). [Bei mir ist es z. B. so, dass ich keine weibliche Sozialisation hatte (auch wenn das manche Menschen vermuten oder glauben), und mich deshalb nicht von misogynen Zumutungen in Bezug auf mich distanzieren muss, weil ich sie nie (ernsthaft) als auf mich bezogen und möglicherweise gerechtfertigt angesehen habe. Ich muss also nichts von mir weisen, weil ich es eh nie als auf mich gerichtet oder als Teil von mir aufgefasst habe. Deshalb halte ich mich auch zurück, wenn andere Personen einen Prozess der Auseinandersetzung mit solchen Zumutungen durchlaufen.]

Ich finde es problematisch, wenn FLINTA als vulnerabel qua Geschlecht angesehen oder dargestellt werden. Da wird dann eine weiblich assoziierte Vorstellung eins zu eins auf FLINTA übertragen (statt sich kritisch mit der Vorstellung auseinander zu setzen). Und es wird ignoriert, dass FLINTA auch Männer sein können. Zum Beispiel inter cis Männer. Oder trans Männer (egal ob endo oder inter). Oder dass FLINTA männlich sozialisiert sein können und deshalb von Sexismus anders betroffen sind als nicht männlich sozialisierte Personen. Oder dass FLINTA (zu Unrecht) von anderen Menschen als endo cis Männer gelesen werden können und deshalb von Sexismus anders betroffen sind als nicht als endo cis männlich gelesene Personen.

Ich finde es doof, wenn ich und andere Personen unter dem Akronym FLINTA vereinnahmt werden für die Thematisierung von Sexismus, der so nicht auf mich und manche anderen Personen zutrifft.

Sinn

Ich gehe laufen. Zwei Kinder schauen mich an, reden und lachen. Ich lächel zurück. Durch die Musik in meinen Ohren habe ich kein Wort verstanden. Ich merke, dass ich die Interaktion zwischen mir und den Kindern nicht verstehe.

Ich denke an den Text, den ich vorhin gelesen habe. Es ging darum, dass Menschen daran glauben, dass die Welt sinnvoll strukturiert sei. Und wenn sie keinen Sinn in etwas erkennen können, versuchen sie trotzdem dem Geschehen einen Sinn zu verleihen. Jedenfalls war das in dem Text so beschrieben.

Ich frage mich, ob es eine größere Herausforderung ist, die Sinnlosigkeit einer Sache auszuhalten und dabei der Suche nach einem Sinn zu widerstehen. Oder ob es eine größere Herausforderung ist, krampfhaft einer Sache einen Sinn zu verleihen, auch wenn dieser angebliche Sinn sich höchstens nach 5x um die Ecke denken erschließt.

Ich schüttel die Frage ab. Ich laufe weiter. Als ich wieder an der Stelle vorbei komme, sind die Kinder weg.

Ich sitze zu Hause und schreibe diesen Text. Ich denke daran, dass ich Lust habe mit der Autorin des obigen Textes mal genauer darüber zu sprechen. Ich frage mich, ob sie „verzweifelte Sinnsuche“ wirklich ernsthaft für den Grund hält, warum Menschen „internalisierte Schuldumkehr“ nach Gewalterfahrungen betreiben. Mich überzeugt diese Erklärung nicht. Ich habe Lust den Text noch mal zu lesen. Bestimmt habe ich die Komplexität nicht verstanden oder einen bedeutenden Teilaspekt überlesen.

Mir ist die Erklärung zu flach. Mir fehlt dabei der Aspekt, dass Menschen manchmal daran glauben, dass es „richtige“ und „falsche“ Dinge gibt. Und dass nur die „falschen“ Dinge einer Bewertung/Einordnung/Erklärung bedürfen, wohingegen die „richtigen“ Dinge für sich stehen (können). Mir fehlt der Gedanke, dass die Einordnung in „richtig“ und „falsch“ mit der Suche nach einem Sinn zusammen hängen kann, aber nicht muss. Mir fehlt außerdem der Gedanke, dass Sinnhaftigkeitserleben etwas sehr Komplexes ist, das nicht allein auf kognitiver Ebene stattfindet. Und mir fehlt der Gedanke, dass Menschen nicht automatisch auf der Suche nach Sinn für ihr Erleben sind. Vor allem Letzteres scheint mir besonders bedeutsam.

Was ist das eigentlich für eine Unterstellung: zu behaupten dass Menschen nach Sinn suchen?

Ich finde es gut, dass die Autorin erklärt, was internalisierte Schuldumkehr ist. Mir erschließt sich ihre vorgebrachte Begründung nur nicht.

Kellner

Liebes du!

Seit Wochen sprechen wir immer wieder darüber, dass es unterschiedliche weiterführende Schulen gibt, deren Besuch mit einem entsprechenden Schulabschluss verbunden ist. Und dass diese verschiedenen Schulabschlüsse zu unterschiedlichen nachschulischen Ausbildungsmöglichkeiten mit entsprechenden Berufschancen verbunden sind. Im nächsten Schuljahr steht bei dir die Entscheidung an, welche weiterführende Schule du besuchen wirst. Deine Erziehungsberechtigte und ich sind uns da einig: es wäre gut, wenn du ein Gymnasium besuchst. Ich bin dafür, weil ich glaube, dass du mit deiner Begabung später froh sein wirst, dass dir mit einem Abitur alle nachschulischen Bildungsmöglichkeiten offen stehen. Ich wünsche dir, dass du irgendwann mit einem Abitur in der Tasche selbstbestimmt eine Ausbildung, ein Studium oder auch gar nichts wählst. Im Moment habe ich den Eindruck, du hast noch keine Ahnung, was da alles dran hängt. Aber ich finde es auch für Menschen in deinem Alter völlig in Ordnung, wenn sie die Problematiken von Bildungsunterschieden, Einkommensunterschieden und Macht (noch) nicht verstehen.

Wir sprechen seit Wochen immer wieder über dieses Themenfeld. Und obwohl ich dir ein Abitur im ersten Bildungsweg wünsche, wünsche ich dir auch, dass du Ausbildungsberufe als eine gute Option ansiehst. Neulich hast du mich mal wieder gefragt, welche Berufe eine Person mit einem 10. Klasse Schulabschluss ergreifen kann. Ich habe ein wenig in meinem Gedächtnis gekramt, mich in der Umgebung umgeschaut und vorgeschlagen: Fensterbauer, Fahrkartenkontrolleur, Koch, Straßenbahnfahrer, Maler und Tapezierer, Fußbodenleger, Kellner, Bademeister. Du hast jeden Vorschlag für dich geprüft und festgestellt, dass du manche Berufe auf keinen Fall ergreifen willst, weil du glaubst, dass du dazu nicht in der Lage bist. Übrig geblieben sind die Optionen Maler und Kellner.

Ich freue mich darüber, dass du für dich nicht nur so Berufe wie Geologe und Astronom in Betracht ziehst. Denn über Berufe, die mit einem 13. Klasse Schulabschluss erlernt werden können haben wir uns schon vorher mehrfach unterhalten.

Für mich ist das ein Spannungsfeld. Auf der einen Seite fördere ich deine Kenntnisse der Sprache, die in allgemeinbildenden Schulen gesprochen wird und die nicht deine Erstsprache ist, damit du eine realistische Chance auf den Besuch eines Gymnasiums hast. Und ich gehe fest davon aus, dass du ein Gymnasium besuchen und ein Studium absolvieren wirst. Das glaube ich, weil du aus einer akademischen Familie kommst und Akademikerkinder besonders oft diesen Weg gehen. Und weil du den schulischen Anforderungen intellektuell sehr gut gewachsen bist. Auf der anderen Seite wünsche ich dir nicht nur die volle Freiheit bei der Wahl deines Berufes sondern auch vollen Respekt für alle Berufsgruppen (unabhängig von deren Ansehen und Einkommen).

Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, dir diesen Respekt zu vermitteln. Besonders deshalb, weil ich so darauf poche, dass du deine Sprachkenntnisse verbesserst. Mir fehlt da oft die Leichtigkeit. Davon hätte ich gern mehr.

(Ich gendere dich männlich, weil ich den Eindruck habe, dass du tatsächlich männlich bist. Und weil es warm ist und mein Gehirn im Energiesparmodus läuft. Das tut mir Leid, ich mache es heute hier aber trotzdem mal so.)

so cool wie

Wenn ich mit Kindern im Kindergartenalter zu tun habe, erzählen sie mir meistens früher oder später, dass sie wie eine Löwe, Tiger, Elefant oder ein anderes großes Tier sein wollen. Dann versetzen sie sich in diese Rolle hinein und leben sie (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) aus. Ich glaube, sie fühlen sich dann besonders stark, unverletzlich, wirkmächtig oder imposant.

Wenn ich auf dem Klavier Musik aus „Fluch der Karibik“ spiele, fühle ich mich so cool wie Gert van Hoef. Name noch nie gehört? Das ist ein recht junger niederländischer Organist, der sein Instrument ziemlich beeindruckend beherrscht. Klar, ich spiele wesentlich schlechter als er. Und ich spiele auch nicht Orgel sondern Klavier. Aber Kindergartenkinder sind ja auch keine Elefanten und versetzen sich trotzdem in die Rolle hinein.

Es ist eine echte Herausforderung feministisch zu sein und sich positive männliche Vorbilder zu suchen. Da hat Gert van Hoef einiges zu bieten. Er hat sich ganz offensichtlich in vielen tausend Übungsstunden und unter dem Einfluss verschiedener Lehrer*innen durch viel Versuch und Irrtum hindurch bewegt um an den Punkt zu kommen, wo er so ausdrucksstark und vielschichtig Orgel spielt (= Pluspunkt 1). Er ist sehr überzeugt von dem, was er da tut (= Pluspunkt 2). Er kann sein Tun selbstbewusst anderen Personen zeigen (= Pluspunkt 3).

Kommen wir zum kritischen Punkt: ich weiß nichts über ihn, das über seine Youtube-Videos und seine Homepage hinaus geht. Ich kann von ihm also nur die Seiten sehen, die ich toll finde und selbst gern auch an mir hätte (obwohl das realitätsfern ist). Ich weiß aber nicht, ob er zu Hause den Müll runter bringt, Stellung bezieht gegen Rassismus, sein Kind mit Respekt behandelt und eine demokratische Partei wählt. Da ich das alles nicht weiß, kann ich mein positives Bild, das ich von ihm aus verschiedenen Gründen habe (siehe Pluspunkt 1-3), auch auf all seine vielen anderen Lebensbereiche ausdehnen, die ich nicht kenne. Er ist also gerade wegen seiner Lückenhaftigkeit eine perfekte Projektionsfläche. Da bin ich nicht anders als kleine Kinder, die Elefanten sein wollen.

Irritation

Heute musste ich an einer Einlasskontrolle eine digitale Bescheinigung vorzeigen. Auf der Bescheinigung war ich mit einem Geschlecht benannt, das nicht mit meinem äußeren Erscheinungsbild übereinstimmt. Die Person, die die Einlasskontrolle macht, habe ich vorher schon öfter gesehen. Bisher musste ich aber noch nie durch diesen Einlass. Ich habe im Vorfeld die Person als transfeindlich eingeschätzt. Und als mir heute morgen klar wurde, dass es einen Widerspruch zwischen meiner Bescheinigung und meinem Aussehen gibt, hat mich das direkt gestresst. Also habe ich mir überlegt, wie ich reagieren möchte, wenn die Person am Einlass mir den Zutritt verweigert.

Meine Strategie war in die Offensive zu gehen. Ich wollte die Person als möglicherweise transfeindlich outen und sie mit den strukturellen Hürden für trans Personen konfrontieren, die sich unter anderem dadurch zeigen, dass sie „beweisen“ sollen, dass sie tatsächlich die Person sind, für die sie sich gerade ausgeben. Falls ich keinen Zutritt bekommen hätte, hätte ich mir Unterstützung von einer anderen Person geholt, die dort auch arbeitet und in der Vergangenheit mit meinem geschlechtlichen Widerspruch schon sehr cool umgegangen ist.

Ich hatte also sowohl einen erhöhten Stresspegel als auch eine gute Strategie, als ich zur Einlasskontrolle gegangen bin. Tatsächlich hat die Person am Einlass spontan erstmal mein Geschlecht, so wie es auf der Bescheinigung stand, laut vorgelesen. Und ich vermute, dass sie das nur bei mir und nicht bei den anderen Personen getan hat. Daraufhin hat sie mir mitgeteilt, dass mich diese Bescheinigung nicht zum Eintritt berechtigt. Ihre Begründung hat mich allerdings überrascht: angeblich hatte ich die falsche Art von Bescheinigung. Dass sie wegen meines Geschlechts irritiert war, hat sie mir verschwiegen. Ich habe meine Bescheinigung noch mal überprüft und gefragt, welche Bescheinigung ich denn statt dessen bräuchte. Das hat sie mir dann erklärt. Ich war mir sehr sicher, dass ich genau diese Bescheinigung vorgezeigt hatte. Also habe ich es noch mal versucht und die gleiche Bescheinigung erneut vorgelegt. Daraufhin hat die Person die Bescheinigung noch mal angeschaut und mir bestätigt, dass das die richtige Bescheinigung ist. Meinen Einwand, dass ich diese Bescheinigung vor wenigen Sekunden genau so schon mal vorgezeigt hatte, hat sie ignoriert. Ich bin dann rein gegangen.

Strukturelle Diskriminierung. Das ist zum Beispiel, wenn bestimmte Personengruppen stärker kontrolliert werden als andere.

Scheitern als Option

Ich möchte meine Ziele erreichen, meine Projekte realisieren, Dinge hinbekommen. Und ich bin es gewohnt erfolgreich zu sein. Heute erst habe ich erfolgreich den Geschirrspüler ausgeräumt, habe erfolgreich geduscht und erfolgreich die trockene Bettwäsche zusammen gelegt. Ganz zielstrebig und gleichzeitig routiniert. Ich erwarte, die Dinge auf die Reihe zu kriegen. Mit ist egal, dass ich kein perfektes Ergebnis erziele. Perfektion kostet nur unnötig viel Zeit und Nerven – ist meine Einstellung. Aber das Ziel möchte ich auf jeden Fall erreichen.

In der Therapie ist ein großes Thema bei mir gerade „Akzeptieren, was ich nicht ändern kann“. Also nicht alles, sondern etwas bestimmtes. Und ich bekomme es nicht hin. Das Ziel habe ich bisher verfehlt. Und ich bin ratlos, weil ich nicht weiß, wie ich es erreichen kann.

Neulich habe ich auf Youtube ein Video von einem Sportler gesehen, der sich bei einem sportlichen Projekt gefilmt hat. Und dabei hat er festgestellt, dass er sein Ziel nicht in der angestrebten Zeit erreichen wird. An der Stelle des Videos hat er sich hingesetzt und einen Monolog über das Scheitern und Abbrechen von Projekten gehalten. Okay, er hat gerade Ausdauersport gemacht und war deshalb entsprechend gelassen. Aber trotzdem hat mir gefallen, wie wenig er damit gehadert hat, dass er sein Ziel nicht in der angestrebten Zeit erreichen konnte. Während des Monologs war er fast entschlossen, das Projekt abzubrechen und mit einer besseren Vorbereitung noch mal an einem anderen Tag zu versuchen. Am Ende des Videos sind aber dann doch Bilder zu sehen, wie er am Ziel angekommen ist.

Ich gebe zu, ich habe das Video gezielt angeschaut, weil ich mich mit „akzeptieren“ auseinander setzen wollte. Eigentlich war mein Plan, mir von anderen Personen abzuschauen, wie sie es schaffen, Dinge zu akzeptieren, die sie nicht ändern können.

Mir ist dann aber durch das Video ein anderer Gedanke gekommen: Vielleicht scheitere ich ja auch bei meinem Projekt „akzeptieren, was ich nicht ändern kann“. Vielleicht erreiche ich das Ziel gar nicht. Diese Möglichkeit hatte ich noch gar nicht in Betracht gezogen. Bis jetzt war ich sehr auf das Akzeptanz-Ziel fixiert.

Grund zur Freude

Andere Menschen habe ja auch schon darüber geschrieben, wie es für sie ist, wenn (eine) ihre(r) Beziehungsperson(en) verliebt ist. Da die Gelegenheit gerade so günstig ist, möchte ich es auch tun.

Ich freue mich mit. Es ist für mich so aufregend zu erleben, wie meine Beziehungsperson sich freut, aufgeregt ist, von den Begegnungen erzählt, mich an ihren Gefühlen und Gedanken teilhaben lässt.

Dafür gibt es ein Wort. Es fällt mir nur gerade nicht ein.

Und dann ziehe ich auch Parallelen zu den bisherigen Verliebtheiten meiner Beziehungsperson. Als wir unsere Beziehung geöffnet haben, hatten wir einen ziemlich schlechten poly Start. Da konnte ich mich zuerst überhaupt nicht mitfreuen, weil ich gerade mit ganz anderen Aspekten unserer Beziehung beschäftigt war. Aber danach habe ich mich immer mitgefreut.

Das ist alles so aufregend. Ich bin nur eine Randfigur im Geschehen. Und trotzdem darf ich mitbekommen, wie sich die Interaktion zwischen den beiden entwickelt. Und mit welchen Hoch- und Tiefgefühlen die Interaktion für meine Beziehungsperson verbunden ist.

Mir ist völlig klar, dass ihre Verliebtheit unsere Beziehung nicht in Frage stellt. Ehrlich gesagt verbindet es uns sogar, wenn wir dann so viel über die Gefühle reden. Über ihre und meine. Über unsere Gedanken, Hoffnungen, Erwartungen, Befürchtungen. Das fühlt sich so vertraut an. Ich weiß schon gut, wie sie drauf ist, wenn sie verliebt ist. Und trotzdem ist es spannend, weil ich nicht weiß, wie sich die Interaktion weiter entwickeln wird.

Ich mag die Ehrlichkeit, mit der wir uns da begegnen. Dass ich meiner Beziehungsperson ganz direkt sagen kann, dass ich glaube, dass wir immer mal wieder ein vorübergehendes v haben werden. Und dass ich ihr eigentlich wünsche, dass sie außer mir auch mal für eine längere Zeit eine weitere Beziehungsperson haben kann. Ich wünsche ihr, dass sie noch besser lernt zu ihren Wünschen und Bedürfnissen zu stehen. Und dass sie es schafft, eine stabile und tragfähige Beziehung aufzubauen.

Wir können auch ehrlich darüber sprechen, dass wir beide vermuten, dass es in der aktuellen Interaktion wahrscheinlich bei dem Begehren auf Distanz bleiben wird und keine romantische und/oder sexuelle Beziehung zu Stande kommen wird. Es ist trotzdem aufregend. Aber auch schade.

Das Problem

Ich habe ein Problem. Es ist ein großes Problem. Und ein weitreichendes Problem. Es ist immer da.

Manchmal belastet es mich stärker als sonst. In letzter Zeit und jetzt gerade ist es wieder soweit. Ich bin traurig, frustriert, finde die Situation doof, muss immer wieder an das Problem denken und habe ziemlich heftige Rückenschmerzen, Verspannungen und sicher auch die eine oder andere Wirbelblockierung.

Das Problem ist einfach da. Ich habe es nicht verursacht. Und ich kann es nicht beseitigen. Ich muss damit leben.

Es ist hart.

Wenn mir eine andere Person davon erzählen würde, dass sie dieses Problem hat, würde mich das sehr betroffen, wütend und auch ratlos machen. Allerdings ist es nicht eine andere Person, die dieses Problem hat. Ich bin es.

Und da bin ich dann auch schon in einer gedanklichen Sackgasse angekommen.

In dieser Sackgasse war ich schon oft. Es fühlt sich so an, als wäre es eine Sackgasse in einer Sackgasse.

Meine Therapeutin hat mal bei einer anderen Sache (die doof ist, die ich nicht ändern kann und die ich aber auch nicht akzeptieren will und kann) gefragt, ob ich akzeptieren kann, dass ich das nicht akzeptieren kann. Das konnte ich.

Hier ist es ja auch so: das Problem ist doof (genauer gesagt: eine richtige Scheiße), ich kann es nicht ändern und ich kann und will es nicht akzeptieren. Ob ich bei diesem Problem akzeptieren kann, dass ich es nicht akzeptieren kann?

Ich bin traurig.

Es gibt die Theorie, dass Traurigkeit etwas mit Loslassen zu tun hat. Für mich ist traurig sein ja sowieso ein schwer aushaltbares Gefühl. Ich will das Problem aber gar nicht loslassen. Ich will, dass es nicht da ist und nie da gewesen ist. Und das funktioniert nicht. Und ich will auch nicht den Wunsch loslassen, dass das Problem nie dagewesen ist. Denn dann würde ich akzeptieren müssen, dass das Problem da ist.

Mir ist übel.

Ich habe den Eindruck, ich muss eine Bewältigungsarbeit leisten, die ich nicht leisten kann. Und die vielleicht auch kein anderer Mensch leisten kann? Gibt es Menschen, die es irgendwie geschafft haben, die Existenz dieses Problems irgendwie in das Bild von ihrem Leben zu integrieren?

Ich möchte Erbsen essen. Erbsen sind so ein beruhigendes Kindheits-Essen. Ein Essen, dass mir den Eindruck vermittelt, dass es etwas Okayes in all der Dramatik gibt.

Ich wünsche mir die Hoffnung, dass ich die Bewältigungsarbeit leisten kann. Irgendwie. Mich macht das ganz fertig, so wie es ist.

Und ich würde gern mal so richtig heulen. Das bekomme ich nicht hin. Eine Träne oder zwei kriege ich raus, aber mehr nicht. Dabei wäre es schön mal wieder die Erleichterung danach zu spüren.

dein Tempo

Liebes du!

Ich vertraue darauf, dass du weißt, was für dich gut ist, und dass du am besten das Tempo bestimmen kannst, in dem du dich deinen Herausforderungen stellen möchtest.

Trotzdem hat mich das ganz schön überrollt.

Ich habe mal gehört: Ein Konflikt ist, wenn eine Information nicht integriert werden kann.

Mir ist klar: es gibt eine Information, die wir nur gemeinsam integrieren können – und das fällt uns schwer. Es gibt dafür keinen vorgegebenen Lösungsweg. Ich kenne von anderen Menschen drei verschiedene Lösungswege. Einen davon möchtest du nicht (und ich weiß nicht, ob ich ihn möchte). Einen möchten wir beide nicht. Den dritten möchtest du (aber ich weiß nicht, ob ich ihn möchte).

Eigentlich hatte ich gar nicht vor, das Konfliktthema zu besprechen. Eigentlich wollte ich das Thema zur Zeit gar nicht anpacken. Mir ist zwar klar, dass wir IRGENDWANN uns damit auseinander setzen müssen. Aber jetzt?! Nein, danke.

Für dich ist das aber anders. Du wolltest es ansprechen. Vielleicht, weil du das nicht-drüber-sprechen nicht mehr ausgehalten hast?

Kann ich jetzt wieder an den Punkt zurück kehren, an dem ich innerlich behaupte, die Auseinandersetzung mit dem Thema können wir locker in die Zukunft verschieben? Mit dem schalen Beigeschmack, dass ich mir sonst eigentlich immer anmaße, schwierige Themen jederzeit ansprechen zu dürfen, auch wenn es dich überrollt? Welches Bild habe ich denn da eigentlich von meiner Rolle innerhalb unserer zwischenmenschlichen Beziehung?

Ich habe keine Lösung für den Konflikt. Ich kenne meinen eigenen Standpunkt nicht so genau. Deshalb kann ich ihn auch nicht ernsthaft vertreten. Ich ziehe zwei mögliche Standpunkte für mich in Erwägung. Und vor allem will ich Zeit gewinnen. Ich bin mir sicher, dass jetzt gerade nicht der Zeitpunkt ist, wo ich mich ein für alle mal festlegen möchte. Das macht dich unsicher. Ich verstehe das. Und ich möchte dich nicht verunsichern.

Vertrackte Situation.

Meine Unsicherheit. Deine Unsicherheit. Mein Sicherheitsbedürfnis. Dein Sicherheitsbedürfnis. Und jetzt: dein Wunsch nach einer Klärung, obwohl ich gar nicht so weit bin.