Ein neuer Schritt

Es gibt verschiedene Theorien zum Thema „Trauer“. Manche davon besagen, dass es eine Phase gibt, in der die trauernde Person den zu betrauernden Umstand leugnet. Zum Beispiel wenn die alte Frau nach dem Tod ihres Mannes den Tisch für zwei Personen deckt, obwohl sie seit kurzem allein lebt.

Ich wünsche mir etwas. Und ich hatte einen konkreten Plan zur Umsetzung dessen. Dafür habe ich mögliche Kooperationspartner gefragt, ob sie das mit mir machen möchten. Und sie haben Nein gesagt. Einer von beiden hat richtig Nein gesagt, der andere hat „Vielleicht, aber lieber nicht“ gesagt.

Ich wollte das Nein nicht wahr haben. Ich hatte gehofft, sie entscheiden sich noch mal um. Und ich habe demjenigen, der wirklich Nein gesagt hat, nicht geglaubt, dass er die Wahrheit sagt.

Das ist wie das Leugnen im Trauerfall. Das habe ich jetzt verstanden.

Es hat keinen Sinn, noch mal hin zu gehen und zu sagen „Ich glaube dir nicht, dass du Nein sagen wolltest. Du verschweigst mir doch etwas. In Wirklichkeit wolltest du etwas ganz anderes sagen, das spüre ich doch!“ Und es hat auch keinen Sinn, noch mal hin zu gehen und zu sagen „Ich glaube euch zwar, dass ihr im Moment Nein sagen wollt. Aber überlegt es euch doch noch mal. Vielleicht können wir die Rahmenbedingungen ja so verhandeln, dass ihr doch Ja sagt.“

 

Vor langer Zeit wurde ich systematisch angelogen. Meine Wahrheit wurde ignoriert. Und mir wurde etwas anderes als vermeintliche Wahrheit präsentiert. Ich musste das so akzeptieren. Und ich habe es so akzeptiert. Ich hatte keine Wahl. Die Gewalt, mit der ich dazu gezwungen wurde, hat mir keine Wahl gelassen.

Es ist heute schwer für mich damit umzugehen, wenn andere Menschen nicht authentisch sind. Ich habe besonders feine Antennen für Lügen, Betrügereien, Verschleierungen und Täuschungsmanöver.

 

Da hat sich etwas überlagert: Auf der einen Seite ist da mein Authentizitäts-Fimmel und der unbedingte Drang danach, schwerwiegende Themen anzusprechen und nicht unter den Teppich zu kehren. So lange, bis die ganze Wahrheit ausgesprochen ist. Und auf der anderen Seite mein Nicht-wahr-haben-Wollen des Neins, das mir entgegen gebracht wurde.

Ich habe das Nein für eine Lüge gehalten, weil ich es nicht wahr haben wollte (Trauer). Und die vermeintliche Lüge hat meinen Authentizitäts-Fimmel angesprochen, der dann einen großen Raum in meiner Gedankenwelt eingenommen hat.

Damit habe ich mir für einen Moment erspart, mich mit meiner Trauer auseinander setzen zu müssen.

Und ich bin froh, dass ich diese Überlagerung jetzt für mich auseinander sortiert habe.

 

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Eingeigelt

Hallo du!

Du hast etwas gesagt. Und ich habe dir zugehört. Deine Worte haben einen logischen Sinn ergeben. Aber ich habe dir nicht geglaubt. Es fällt mir schwer mich innerlich darauf einzulassen, dass du die Wahrheit gesagt hast.

Ich habe dich ein Jahr lang beobachtet. Deine Mimik, deine Worte, deine Handlungen. Das Leuchten in deinen Augen. Und ich habe das in mir drin gedeutet. Ich hatte dir vor Monaten eine Frage gestellt. Vor ein paar Wochen hast du sie mir beantwortet. Und deine Antwort steht im Widerspruch zu meiner Deutung deines Verhaltens. Nach meiner Deutung deines Verhaltens hatte ich mit einer anderen Antwort gerechnet.

Der Widerspruch ist jetzt da. Und es fällt mir schwer, deinen Worten zu glauben. Es fällt mir viel leichter, dem zu glauben, was ich aus deinen indirekten Äußerungen heraus gedeutet habe.

Trotzdem habe ich mir deine Antwort angehört und im Gespräch mit dir meine Zweifel am Wahrheitsgehalt deiner Antwort für mich behalten. Ich möchte dir Respekt entgegen bringen. Und in meiner Deutung von Respekt gehört auch dazu, dass du ein Recht darauf hast, etwas als „deine Wahrheit“ zu präsentieren – auch dann, wenn ich dir nicht glaube, dass du es für wahr hältst.

Es ist eine Distanz zwischen uns entstanden.

Ich bin verwirrt.

Es fällt mir schwer, mit deiner Antwort umzugehen. Es fällt mir schwer, mit dir umzugehen.

Und es überlagern sich mehrere Dinge:

  • Ich hatte auf eine andere Antwort von dir gehofft.
  • Ich hatte deine Äußerungen, Reaktionen und Antworten, die ich in den letzten Monaten von dir erlebt habe, so gedeutet, dass du so antwortest, wie ich gehofft habe.
  • Ich bin enttäuscht.
  • Ich bin verletzt.
  • Ich bin traurig.
  • Ich bin verwirrt.
  • Ich bin wütend, weil deine verbale und nonverbale Antworten widersprüchlich sind.
  • Ich möchte mit dir respektvoll umgehen.
  • Ich brauche erstmal Abstand.

Ich habe mich eingeigelt. Zeit für mich. Zeit, mich mit meinen Gefühlen zu beschäftigen.

Das ist keine Lösung. Das ist ein Weg.

Ich möchte dir einen Brief schreiben. Mit zusammenhängenden Sätzen und Gedankengängen. Ich möchte den Brief auf Papier schreiben und ihn verbrennen. Aber ich weiß noch nicht, was ich dir in dem Brief sagen will. Ich bin noch so unsortiert. Und unglaublich traurig.

Ich hatte gehofft, du würdest mit mir kooperieren. Aber du hast Nein gesagt. Ich hatte mir gewünscht, dass DU mein Kooperationspartner wirst. Mit dir habe ich mir das richtig gut vorstellen können. Du und die Person, mit der du in einer romantischen Beziehung stehst, waren mein Idealbild, das ich von den gewünschten Kooperationspartner hatte. Es fällt mir schwer, eine oder zwei andere Personen als Kooperationspartner zu denken. Sozusagen an EURER Stelle. Ich habe die Hoffnung immer mit EUCH verbunden. Nicht mit irgendwem.

– Das ist es, was ich dir in dem Brief schreiben möchte. Jedenfalls gehe ich davon im Moment aus.

Es ist schwer, ein anderes Gegenüber zu denken. Und zuzulassen.

Ich brauche Zeit, um über das Nein und die geplatzte Hoffnung hinweg zu kommen.

Einmal Hoffnung und zurück

Ich habe etwas vor. Etwas großes. Dafür brauche ich mindestens einen Kooperationspartner. Ich habe im Mai zwei Menschen gefragt, ob sie sich vorstellen können, dieses Projekt mit mir gemeinsam umzusetzen. Das hätte ihr Leben ganz schön verändert. Und es hätte eine Bindung zwischen uns hergestellt, die langfristig wäre. Und die tiefgreifend wäre. Und für die sie mir Vertrauen entgegenbringen müssten. Mehr als den meisten Menschen. Und mein Leben würde sich dadurch auch ganz schön verändern. Und ich würde mich langfristig und tiefgreifend an diese beiden Menschen binden. Und ich müsste ihnen mehr Vertrauen entgegen bringen als den meisten Menschen.
Es war gewagt von mir, sie danach zu fragen. Aber ich wollte sie unbedingt fragen, weil ich dieses große Projekt mir sehr wünsche. Ich war enorm aufgeregt, als ich sie gefragt habe.
Jetzt haben sie Nein gesagt.
Ich hatte bis zuletzt gehofft, dass sie Ja sagen. Ich habe all ihr Handeln und ihre Andeutungen so gedeutet, dass sie sich innerlich auf ein Ja vorbereiten. Es hat mich echt enttäuscht, dass sie Nein gesagt haben. Meine Hoffnung war so groß.
Und nun?
Erstmal Gefühle sortieren.
Dann Gedanken sortieren.
Dann einen neuen Plan schmieden.
Das ist vernünftig so. Aber in mir drin ist grad noch gar nichts sortiert. Ich bin traurig, verletzt, enttäuscht, wütend. Ich fühle mich mimimi. Es ist wie Liebeskummer. Ich möchte warmen Kakao haben.
Das ist so ein Moment, wo ich es hasse, ein Wesen mit Gefühlen zu sein. Ich wär gern rational und würde gern einfach zur Tagesordnung übergehen. Mich nicht mit meiner Verletzlichkeit beschäftigen. Meine Schwächen ignorieren.
Draußen regnet es. Und windig ist es auch. Aber ich bin drin. Ich war heute schon 2x draußen. Aber jetzt bleibe ich drinnen. Ich trinke Tee. Ich gehe in die Wanne. Ich schreibe. Weil ich ein Wesen mit Gefühlen bin. Und weil die Gefühle sich sortieren müssen. Und weil das Zeit braucht. Und Zuwendung zu den Gefühlen. Und weil ich sicher bin, dass Traurigkeit, Verletzung, Enttäuschung und Wut vorbei gehen. Jetzt sind sie noch da. Aber sie werden weg gehen, wenn ich mich ihnen widme.

Würde

Neulich saß ich im Zug. Der Zug war relativ leer. Es stieg eine Person ein und fragte mich, ob ich sie an der nächsten Haltestelle wecken könne. Und sie sagte dazu, dass sie Narkolepsie hätte und dass es sehr wahrscheinlich wäre, dass sie einschläft. Ich habe eingewilligt.
Dann war unser Gespräch beendet und ich hatte Zeit zu beobachten, was in mir vor sich geht. Ich habe bemerkt, dass sehr schnell in mir ein Bild aufstieg, bei dem ich zu der Person, die im Sitz eingeschlafen und mit dem Oberkörper zur Seite geneigt war, hin ging, sie ansprach und sie gleichzeitig am Arm rüttelte. Und ich dachte mir: „Stopp, so geht das nicht! Damit würde ich sie von oben herab und würdelos behandeln.“ Also habe ich mir überlegt, welche Alternativen ich habe. Ich habe mir überlegt, sie nur anzusprechen, aber nicht zu berühren. Notfalls lauter zu sprechen, damit sie mich hört. Und ich habe mir überlegt, sie bewusst zu Siezen, um damit Respekt auszudrücken.
Letztlich ist die Person auf den 10 Minuten Zugfahrt nicht eingeschlafen. Ich hatte kurz vor der Ankunft an ihrem Zielbahnhof geschaut, ob sie wach ist. Und da sie sich bewegt hat, bin ich nicht zu ihr hin gegangen. Sie hat mich dann noch mal angesprochen und sich für meine Bereitschaft zum Wecken bedankt, obwohl es gar nicht nötig war. Ich habe gesagt „Danke für das Vertrauen“.
Ich habe auch Probleme und Einschränkungen. Nach irgend so einer Definition bin ich behindert. Und ich habe keinen Bock wegen meinen Problemen, Einschränkungen oder meinem Status als behinderte Person weniger würdevoll behandelt zu werden als andere Menschen. Trotzdem ist es interessant für mich zu beobachten, dass die erste mögliche Reaktion, die mir im Umgang mit einer Einschränkung einer anderen Person in den Sinn kommt, sehr herabwürdigend ist. Und ich bin froh, dass ich die Gelegenheit habe, das zu reflektieren.

Eins Zwei Wiegeschritt

(Ein Brief)
Oft fühle ich mich dir ganz nah. Wie beim Paartanz. Wir sind uns nah, wir bewegen uns gemeinsam. Und es fühlt sich verdammt gut an. Ich fühle mich wie im richtigen Film. Wir stimmen uns ab und wir gehen unsere Schritte gemeinsam. Im Einklang mit dem, was du möchtest. Im Einklang mit dem, was ich möchte. Im Einklang mit der Situation. Das ist wunderschön. Und romantisch.
Ich stelle mir vor, den schönen Moment auszudehnen, so dass er größer und immer größer wird. Und eine Wirkung entfaltet, die über den Moment hinaus geht.
Das ist angenehm und harmonisch und gleichzeitig eine Interaktion mit dir.
Und dann gibt es noch das Andere. Die schwierigen Themen. Ich habe manchmal Angst eines der Reizthemen anzusprechen. Ich möchte mit dir das Harmonische erleben, nicht die Auseinandersetzung und erst recht nicht die Verletzung. Ich verletze dich immer mal wieder. Besonders indem ich eines der schwierigen Themen anspreche. Ich würde gern diesen Themen in unserer Beziehung gerecht werden und gleichzeitig behutsam mit mir und behutsam mit dir umgehen. Das probiere ich immer wieder. Und ich rede mit dir darüber.
Und manchmal gelingt es uns, wenn wir über unseren Umgang mit schwierigen Themen sprechen, uns ganz nah zu sein. Und uns gemeinsam zu bewegen. Im Einklang mit dem, was du möchtest. Und im Einklang mit dem, was ich möchte. Und im Einklang mit der Situation.
Dann freue ich mich, dass dieses wohlige Gefühl von Verbundenheit und gegenseitigem Respekt auch dann da ist, wenn wir darüber reden, wie wir mit schwierigen Themen umgehen. Das Gefühl hat sich ausgedehnt. Das habe ich festgestellt.

Ich und ein Du und das System. Oder so.

Wann und wie kontextualisiere ich eigentlich?
Heute habe ich angefangen ein Buch über sexualisierte Gewalt zu lesen. Mal wieder eins. Diesmal ein in Deutschland erschienenes Buch mit Beträgen verschiedener Autor*innen. Beim Lesen habe ich mich gefragt, was bei mir ähnlich und was bei mir anders ist. Und in welchem Kontext ich die Gewalt einordne, die ich erlebt habe.
Oft denke ich dabei in einem familiären Kontext. Weil meine Erlebnisse dort stattgefunden haben. Irgendwie berechtigt, dass ich die Beziehungen zwischen mir und meinen Familienmitgliedern beleuchte um zu verstehen, was da passiert ist. Und wie wäre es mit einem größeren Blick? Wie wäre es, wenn ich allgemein auf Familien, in denen sexualisierte Gewalt vorkommt, schaue? Davon gibt es massenhaft. Aber ich kenne sie nicht. Doch, zu einer Familie, in der sexualisierte Gewalt eine Rolle gespielt hat, habe ich eine Zeitlang Kontakt gehabt. Interessanterweise sogar zu mehreren Familienmitgliedern, den*die Täter*in eingeschlossen. Aber zu dem Zeitpunkt war ich noch nicht in der Lage mich mit den Übergriffen an mir auseinander zu setzen.
Was macht es mit mir, wenn ich mich „nur“ mit meinen Erlebnissen beschäftige? Welche Vorteile habe ich dabei?
Was macht es mit mir, wenn ich mich „auch“ mit den Perspektiven anderer Menschen beschäftige, die sexualisierte Gewalt in einem ähnlichen Kontext wie ich erlebt haben? Welche Vorteile habe ich dabei?
Was macht es mit mir, wenn ich mich „auch“ mit den Perspektiven anderer Menschen beschäftige, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, unabhängig von dem Kontext, in den sie eingebettet war? Welche Vorteile habe ich dabei?
Ich habe Angst davor, mich den Perspektiven anderer Menschen zu öffnen. Weil sie mich erschüttern könnten. Das möchte ich vermeiden.
Aber etwas in mir drin ist neugierig. Ich werde weiter lesen.

Empfänger

* Triggerwarnung *

Ich finde Menschen mutig, die über schwierige Themen öffentlich schreiben oder sprechen. Sexualisierte Gewalt, Genitalverstümmelung, häusliche Gewalt, Folter und andere Themen.
Themen, bei denen es schwer ist, Worte zu finden. Und bei denen der Erfahrungshintergrund der sprechenden oder schreibenden Person eine wichtige Rolle dabei spielt, wie diese Person darüber spricht … sprechen will … sprechen kann.
Es gibt Wörter, die in dem Zusammenhang verwendet werden können und da auch immer wieder verwendet werden. Diese Wörter bezeichnen bestimmte Teilaspekte. Teilaspekte von Erlebtem. Teilaspekte von Gedachtem. Und es ist ein großer Unterschied, ob es um Gedachtes oder um Erlebtes geht. Mein Erleben ist sehr direkt und schonungslos. Für das, was ich erlebt habe, habe ich oft keine Worte. Mein Denken ermöglicht es mir, mich mit verschiedenen Dingen auseinander zu setzen, unter anderem auch mit meinem Erlebten. Mein Denken ist indirekt und gefiltert. Nicht direkt und schonungslos. Mit meinem Denken kann ich mich meinem Erlebten annähern, und wieder von meinem Erlebten entfernen. Die Nähe oder Distanz in meinem Denken kann ich manchmal bewusst steuern, manchmal aber auch nicht. Aber sie ist möglich.
Und in meinem Denken kann ich Wörter für Erlebtes suchen. Mein Denken stellt mir Wörter bereit, die ich mit dem Erlebten verbinden kann. Wenn ich Wörter mit meinem Erlebten verbinde, bekommt das Erlebte für mich eine bestimmte Bedeutung.
Und wenn ich dann Wörter für das Erlebte gefunden habe, kann ich mit Hilfe meiner Gefühle überprüfen, ob die Wörter und deren Bedeutung für mich zu dem Erlebten passen oder nicht.
Mit den gefundenen Wörtern kann ich nicht nur in mir drin über Erlebtes nachdenken, sondern ich kann durch die Wörter das Erlebte auch mit anderen Menschen teilen. Wenn ich das will.
„Ich finde Menschen mutig, die über schwierige Themen öffentlich schreiben oder sprechen. Sexualisierte Gewalt, Genitalverstümmelung, häusliche Gewalt, Folter und andere Themen.“ – habe ich am Anfang dieses Texts geschrieben. Und ich möchte ergänzen:
Ich glaube, es macht einen großen Unterschied, ob diese Personen das tun, weil (oder nachdem) sie diese Erfahrung selbst gemacht haben oder nicht. Ich glaube, ich bin nicht allein damit, dass Erleben und Denken und Deuten und Wörter benutzen in mir drin zusammen hängen. Ich glaube, das ist bei anderen Menschen auch so. Und ich glaube, es ist ein Unterschied, ob eine Person über ein schwieriges Thema spricht, die in sich drin den Prozess durchlaufen ist, der das eigene Erleben mit passenden oder unpassenden Wörtern abgleicht, oder nicht.
Ich finde es gut, dass auch nicht-betroffene Menschen über schwierige Themen sprechen und schreiben. Aber bei der Perspektive, die sie dabei einnehmen, fehlt etwas: Sie haben nicht in sich drin die Sprachlosigkeit, die mit dem Erleben solcher Dinge verbunden ist, gespürt. Sie mussten in ihrem Inneren nicht an den Ort des blanken Entsetzens, der Leere, des Ungreifbaren, des Unsagbaren gehen. Und sie mussten nicht das dort Erlebte mit Wörtern in Verbindung bringen. Mit Wörtern, die ausdrücken sollen, was dort erlebt wurde. Mir Wörtern, die ausdrücken können, was dort erlebt wurde. Mit Wörtern, die ausdrücken, was dort erlebt wurde.
Wörter wie „sexualisierte Gewalt“ drücken immer nur einen Teilaspekt des Erlebten aus. Und lassen so viel aus, das auch gesagt werden will.
Deshalb finde ich es so unglaublich wichtig, dass Menschen, die diese Erfahrung selbst gemacht haben, darüber sprechen und schreiben. Weil sie ganz andere Teilaspekte zum Ausdruck bringen können. Und weil über diese anderen Teilaspekte noch viel weniger gesprochen wird als über die sachlichen Teilaspekte, die auch von Menschen benannt werden können, die nicht in ihrem Inneren den Ort des blanken Entsetzens aufsuchen mussten.
Und ich? Was sage und schreibe ich? Und wem sage und schreibe ich das?
Manchmal wünsche ich mir, ich würde mich in eine größere Öffentlichkeit vor wagen. Aber ich respektiere auch meine Gründe, warum ich es nicht tue. Bisher nicht tue. Vielleicht nie tue.
Ich danke allen Menschen, die über ihr Erlebtes sprechen und schreiben. Egal wo und wie. Das ist unglaublich wertvoll! Auch für mich.