Nachtlotterie

Bei mir gibt es unterschiedlich schlecht Nächte. Letzte Nacht war extrem schlecht.

Am liebsten würde ich ein paar Stunden Schlaf nachholen. Aber ich glaube, ich bin zu angespannt um zu schlafen. Am Tag gelingt mir das sowieso fast nie.

Vor ein paar Wochen habe ich in der Therapie über eine Hoffnung gesprochen: Die Hoffnung, dass ich mich ein kleines bisschen mehr mögen könnte trotz meiner Schlafstörung. Diese Hoffnung kommt bei mir manchmal auf. Es ist aber keine Gewissheit. Und bis jetzt ist sie auch keine Realität geworden.

Woran erkenne ich, wie sehr ich mich mag?

Wenn ich mir vornehme an dem Tag nichts zu tun, weil die Nacht so schlecht war, ist das Selbstfürsorge. Das habe ich gelernt. (Also ich habe gelernt, dass das Selbstfürsorge ist. Und ich habe gelernt, wie ich die Selbstfürsorge praktiziere.) Aber ich habe nicht den Eindruck dass meine Selbstfürsorge ein Beleg für Selbstannahme ist.

Stellung beziehen

Vor ein paar Jahren hatte ich mal die Gelegenheit, das Theaterstück „Prinzessin Tim“ zu sehen. Darin geht es um eine transweibliche junge Person, die ihre eigene Lebensweise und Weltvorstellungen gegen normative Einschränkungen durchsetzt. Das Theaterstück ist sehr bildhaft aufgebaut und richtet sich vor allem an eine Zielgruppe im Kindergartenalter.

Ich hatte den Eindruck, dass in dem Stück vor allem zwei Konflikte ausgehandelt werden:

(1) Ist es okay, trans* zu sein in einer cis-normativen Gesellschaft?

(2) Ist es möglich, sich selbst als trans* zu entdecken und gleichzeitig eine Bindung zu einer Person aufrecht zu erhalten, die cis-normativ denkt?

Vielleicht interpretiere ich da ja zu viel rein, aber ich habe den Eindruck, dass der Zusammenhang zwischen den beiden Konfliktfeldern eng ist. Es scheint mir so, als ob in einer cis-normativen Gesellschaft ein Outing als nicht-cis automatisch auch bestehende Bindungen in Frage stellt.

Wenn das wirklich so wäre, fände ich das doof.

Aus Protest verhalte ich mich so, als ob das Aufrechterhalten von Bindungen selbstverständlich ist beim Entdecken und Zeigen des eigenen trans*-Seins.

Gute Nacht

Manchmal schlafe ich gut. Das kommt zwar nur sehr selten vor. Aber in einer guten Nacht liege ich nur 30-60 Minuten wach, bevor ich einschlafe. Und ich habe nur einen Alptraum. So sehen bei mir gute Nächte aus. Und diese guten Nächte sind wirklich selten bei mir.

Zur Zeit bin ich mal wieder wütend, weil ich so schlecht schlafen kann und am Tag total unausgeruht und unkonzentriert bin. Die Schlafprobleme schmälern meine Lebensqualität ganz massiv. Und das macht mich traurig. Die Schlafprobleme haben einen Ursprung. Und das macht mich wütend. Sauwütend.

Traurig sein und wütend sein ist verschieden. Wenn beides da ist, muss ich mich entscheiden, welchem Gefühl ich mich zuerst zuwende. Am liebsten würde ich irgendwas machen, damit ich beide Gefühle leichter aushalten kann. Aber ich bin zu erschöpft. Ich brauche erstmal Schlaf und Erholung.

Irgendwann wird es wieder besser. Das weiß ich aus Erfahrung.

Für dieses Problem habe ich keine Lösung. Nur Lösungsansätze, die mehr oder weniger etwas bringen. Ich bin frustriert. Und ich frage mich, ob der Schlafmediziner, bei dem ich demnächst einen Termin habe, mir weiter helfen kann. Nach 30 Jahren schwerer Schlafstörung. Geht da überhaupt noch was? Bis jetzt haben alle klassischen Methoden versagt.

In meinem Gehirn sind früher Dinge passiert, die sich nicht rückgängig machen lassen. Es ist, wie es ist. Das muss ich aushalten.

Es gibt Menschen mit komplexer Posttraumatischer Belastungsstörung, bei denen auch eine Kombination der bekannten Behandlungsansätze nicht zu einer zufriedenstellenden Verbesserung der Lebensqualität führt.

Ich habe wirklich viel versucht. Viel ausgehalten. Bin durch viele dunkle lange Tunnel gegangen. Manche Dinge haben sich wirklich verbessert in meinem Leben. Und ich bin darüber sehr froh. Aber trotzdem ist das Thema „Schlaf“ kein bisschen besser geworden. Das frustriert mich. Und es zehrt mich aus.

Gute Nächte sind bei mir selten. Und auch die guten Nächte bedeuten, dass ich Abends lange wach liege und Nachts schlecht träume. Wer kann das auf Dauer aushalten? Und wer kann meine mittelschlechten und ganz schlechten Nächte aushalten? Ich habe keine Wahl.

Ich bin nicht Schuld an der Situation. Und muss sie trotzdem aushalten. Mein Handlungsspielraum im Umgang damit ist sehr begrenzt.

Meckern ist eine Option. Das mache ich gerade. Meckern tut mir gut. Das erleichtert mich ein minibisschen.

Meckern ist eine Tätigkeit, bei der die doofen Teilaspekte formuliert werden. Das Meckern ist NICHT dafür da, etwas zu verändern.

Meckern hilft mir, wenn ich weiß, dass ich nichts verändern kann. Nichts verändern zu können ist doof. Aber Meckern macht das Nichtverändernkönnen ein kleines bisschen aushaltbarer. Und dann habe ich wenigstens das Gefühl, etwas tun zu können.

verlernte Routine

Liebes du!

Du bist wie ich: neugierig, lebensfroh, verspielt, stur und süßigkeitenfixiert.

Und du bist anders als ich: du bist fast 30 Jahre jünger; hast eine andere Erstsprache; und lebst in einem Land, dessen Verkehrssprache du weniger verstehst als deine Erstsprache.

Immer, wenn wir uns begegnen, fällt mir auf, dass du dich in der Sprache, die wir gemeinsam sprechen, so ausdrückst, als ob du 4 Jahre jünger wärst. Diese Feststellung löst in mir verschiedenes aus.

Zum Einen bemerke ich in mir den Wunsch, deine Formulierungen aufzugreifen und anschließend abzuwandeln um dir damit implizit zu sagen, dass es möglicherweise Formulierungsalternativen zu deinen Ausdrucksformen geben könnte.

Zum Zweiten verspüre ich den Wunsch mit dir Sprachspiele zu spielen. Zb Wörter mit dem selben Anfangsbuchstaben finden.

Und schließlich habe ich auch den Drang dich zu korrigieren. Den versuche ich zu unterdrücken. Das gelingt mir aber nicht. Manchmal frage ich dich dann, ob ich dir das deutsche Wort für die Sache sagen soll. Du sagst dann immer „ja“ und ich sage dir dann das deutsche Wort.

Mit dieser Vorgehensweise bin ich nicht zufrieden. Meine Unzufriedenheit hängt damit zusammen, dass ich vermute, du traust dich nicht „nein“ zu sagen. Da bin ich mir aber nicht sicher.

Und dann denke ich: ich sollte dich mal fragen, was du dir von mir wünschst, wenn ich seltsame Wörter oder seltsame Formulierungen von dir höre. Wahrscheinlich kannst du es mir sagen und mein Rätselraten hat damit ein Ende.

Und dann denke ich: das ist jetzt nicht die erste Interaktion, in der ich in letzter Zeit nicht weiter wusste. Und mal wieder hat es ziemlich lange gedauert, bis ich auf die Idee gekommen bin, die betreffende Person zu fragen, wie sie die Situation sieht und welches Verhalten sie sich von mir wünscht.

Und dann denke ich: früher habe ich diese Methode viel öfter und viel selbstverständlich verwendet. Und frage mich: warum jetzt nicht mehr?

Denkbarriere

Liebes du!

Heute habe ich deine Eltern kennengelernt. Du hast mir schon vorher erzählt, dass sie erzkonservativ sind und du mit ihnen einen Dauerkonflikt hast.

Meine Beziehungsperson, deine Mutter und ich haben uns nett unterhalten. Alles war gut. Wir waren alle höflich. Es lief gut. Ich glaube, sie fand uns sympathisch.

Und dann kam der Moment, wo sie verstanden hat, dass wir ein Paar sind.

Sie musste schlucken, hat das Gesicht verzogen und sich weg gedreht. Ihre Plauderlaune und ihr Interesse waren mit einem Schlag weg. Sie war plötzlich uns gegenüber extrem einsilbig.

Später haben wir gekuschelt und uns geküsst. Da hat sie noch heftiger reagiert. Ihr ist das Gesicht eingeschlafen. Sie hat die Nähe deines Vaters gesucht, dem sie davor die ganze Zeit großzügig aus dem Weg gegangen ist.

Nachdem wir gegangen sind, hat sie dich gefragt, ob wir ein Paar sind. Sie konnte es kaum glauben.

Irgendwie fanden wir das amüsant. Auf der einen Seite.

Auf der anderen Seite erschreckend. Mir ist klar, dass diese Einstellungen einen Nährboden für Gewalt bilden.

Und dann fand ich es interessant einen Meta-Blick auf diesen Teufelskreis aus Ingroup, Vorurteilen, Abgrenzung, Exotizierung und Normativierung zu werfen. Wie viel Kraft muss eine Person aufwenden um all die vielen queeren Menschen zu übersehen und ihr cis-hetero-Norm-Denken zu überhöhen. Wie schafft es deine Mutter die beiden Informationen zusammen zu bringen, dass wir ganz normale nette Menschen sind, mit denen sie sich gut unterhalten kann, wir aber gleichzeitig zu einer Personengruppe gehören, die sie als ihr persönliches Feindbild einordnet? An welcher Stelle in ihrem Denken gibt es den Knick? Warum schafft sie es nicht das Menschliche und Ähnliche in ihrer vermeintlichen Feindgruppe zu sehen?

Theoretisch sind es die direkten zwischenmenschlichen (positiv besetzten) Begegnungen, die helfen, Vorurteile abzubauen. Aber ganz offensichtlich passiert das nicht automatisch.

Manchmal mache ich mir Sorgen um dich. Deine Eltern behandeln dich so, als ob du kein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben hättest. Sie entscheiden für dich, was du isst, wo du wohnst, mit wem du verkehren darfst. Du lehnst dich dagegen auf. Aber die Nähe zu deinen Eltern bedeutet dir sehr viel. Du hängst an ihnen. Du mit deiner queeren Identität und deinem queeren Begehren.

Manchmal frage ich mich, wie ich dich unterstützen kann. Und dann denke ich: du weißt, wie du mich erreichen kannst. Du wirst zu mir kommen, wenn du etwas von mir brauchst.

Immer wieder reden wir über Gender, Begehren, Sexualität, Umgang mit Gewalterfahrung und das komplizierte Verstricktsein mit deiner erzkonservativen Familie. Immer wieder. Du sprichst das regelmäßig an. Du hast Fragen an mich. Fragen zu Sexualität. Zu Partnerschaft. Zum Entdecken des eigenen Begehrens.

Und dann frage ich mich: siehst du in mir einen Fels in der Brandung? Gebe ich dir Kraft? Halt?

Und ich frage mich: gibt es Menschen, die den Eindruck haben, sie sind mein Fels in der Brandung? Und wie gehen diese Menschen mit dieser Vermutung um?

Du darfst weiterhin zu mir kommen. Mit deinen Fragen. Deinen Zweifeln. Deiner Angst. Deiner Hoffnung. Ich bin da.

*

Immer wieder komme ich in die Mühle des Schlafmangels.

Phase 1: ich schlafe und träume schlecht

Phase 2: ich bin am Tag unausgeruht

Phase 3: ich habe schlechte Laune

Phase 4: ich möchte nicht ich sein

Phase 5: ich habe Suizidgedanken

Ich bin verzweifelt, weil das so ist. Und weil ich wenig Einfluss darauf nehmen kann. Das passiert einfach mit mir.

Ich bin wütend.

Und ich bin traurig.

Und am Ende bin ich wieder verzweifelt.

In meinem Gehirn sind Dinge passiert, weil ich in der Kindheit Gewalt erlebt habe. Diese Dinge sind in meinem Gehirn dauerhaft verändert. Und sie führen dazu, dass ich jeden Abend sehr lange wach liege und fast jede Nacht Alpträume habe, meistens mehrere.

Mich zehrt das aus.

Es ist scheiße, mit so einer chronischen Krankheit zu leben.

Meistens biete ich meiner Schlafstörung die Stirn. Ich sage ihr jeden Tag, dass sie mich mal am Arsch lecken kann. Ich gehe trotz Schlafstörung jeden Abend zur selben Zeit ins Bett. Und ich stehe jeden Morgen auf, egal wie gerädert ich nach der Nacht bin. Ich dusche die furchtbare Nacht weg und spüle die Müdigkeit mit Kaffee ein bisschen aus mir raus.

Diese LMAA-Haltung gegenüber meiner Schlafstörung habe ich fest etabliert. Ich glaube, das ist der Grund, warum ich noch nicht völlig durchgedreht bin. Mir gibt diese Einstellung Kraft.

Aber auch diese Kraft ist begrenzt. Wenn ich tief rein rutsche in den Schlafmangel, kann ich auf die LMAA-Resource kaum noch zurück greifen. Dann setzt sich die Verzweiflung durch.

Darüber meckern, dass das so ist, ist eine Handlungsoption. Wenn ich meckere, tue ich etwas. Ich bin aktiv. Meckern verändert die Situation nicht. Aber Meckern gibt mir zumindest das Gefühl, dass ich etwas tun kann. Und das ist ein gutes Gefühl.

Mir ist kalt. Der Schlafmangel hat mal wieder dazu geführt, dass ich meine Körpertemperatur nicht aufrecht erhalten kann. Ich muss viel Selbstfürsorge betreiben. Hunger habe ich auch mehr als sonst.

Draußen regnet es. Ich bin froh, dass ich drin bleiben kann.

Irgendwann wird es besser. Ich kenne das alles schon. Ich weiß, dass der aktuelle Zustand nicht dauerhaft anhalten wird. Irgendwann schlafe ich wieder etwas besser.

Meine Gedanken durchlaufen immer wieder ähnliche Bahnen, wenn der Schlafmangel wieder so stark ist. Diesmal ist neu, dass ich verstanden habe, dass mir die LMAA-Haltung sehr viel Kraft im Alltag gibt und dass ich ihretwegen meistens ganz okay mit meiner Schlafstörung umgehen kann.

Schweben

Manchmal, wenn ich Abends wach liege, beobachte ich meine Gedanken. Vor Jahren habe ich mal festgestellt, dass meine Gedanken kurz vor dem Einschlafen sehr phantasievoll werden. Dann drängen sich mir unwiderstehlich Bilder auf, die es „in echt“ gar nicht gibt: Bäume im Wald, die sich voneinander weg bewegen; Fenster mit Augen; Boden, der sich wie ein Tsunami aufwölbt. Wenn solche Bilder in mir auftauchen und ich keine Lust und keine Kraft habe ihren Realismus anzuzweifeln, bin ich kurz davor einzuschlafen. Gestern habe ich das endlich mal wieder erlebt.

Schlafen

Ich habe seit meiner Kindheit eine schwere Schlafstörung. Jeden Abend liege ich sehr lange wach, bevor ich einschlafe. Sämtliche Tipps zur „Schlafhygiene“ habe ich schon umgesetzt, aber es wird nicht besser.

Irgendwie muss ich das akzeptieren. Das fällt mir schwer.

Ich habe schon verschiedene Medikamente ausprobiert. Zur Zeit nehme ich eins, das am Anfang tatsächlich eine Wirkung gezeigt hat. Ich habe es deshalb lange über den gründen Klee gelobt, weil ich so begeistert davon war. Inzwischen nehme ich es seit 1,5 Jahren. Die Dosis habe ich in der Zeit verdreifacht. Und es wirkt jetzt fast gar nicht mehr. Ernüchterung macht sich breit.

Diese Medikamente sehe ich schon ewig sehr kritisch. Und es hat Jahre gedauert, bis ich mich auf den Versuch eingelassen habe, ein Schlafmittel zu nehmen. Dann hat es noch mal Jahre gedauert, bis ich einen Wirkstoff gefunden habe, der bei mir überhaupt mal anschlägt. Inzwischen habe ich festgestellt, dass die Wirkung auch bei diesem Medikament massiv nachgelassen hat.

Und ich stelle fest: Es hat sich gelohnt, das Experiment „Schlafmittel“ zu machen. Dadurch weiß ich jetzt, dass es genau so ist, wie erwartet. Schlafmittel sind einfach keine Lösung.

Ich bin bereit noch mal einen anderen Wirkstoff auszuprobieren. Allerdings habe ich auch schon mehrere erfolglos probiert. Und zu Benzodiazepinen möchte ich nicht greifen. Es gibt noch ein paar Wirkstoffe, die ich noch nicht ausprobiert habe. Vielleicht finde ich ja noch mal einen, der bei mir wirkt.

Die Welt steckt voller Widersprüche.

nicht selbstverständlich

In letzter Zeit habe ich besonders wenig Lust auf weiße cis-Männer. Irgendwie bin ich von ihnen angenervt. Ich weiß, ich bin ungerecht, wenn ich da eine Personengruppe zusammenfasse und von einem Teil davon auf den Rest schließe. Ich kann es aber nur schwer abstellen.

Es regt mich einfach auf, dass es systematische Diskriminierung gibt. Und dass es Menschen gibt, die davon per se profitieren. Am meisten regt mich zur Zeit die Selbstverständlichkeit und Unreflektiertheit, mit der (in meiner Wahrnehmung ganz besonders) weiße cis-Männer das hinnehmen. Als ob das nicht menschengemacht wäre. Oder als ob sich das von Menschen nicht ändern ließe.

Es gab mal eine Zeit, wo ich das auch selbstverständlich fand. Und wo ich (wie so viele andere auch) darauf gehofft habe, dass ich „mich hoch arbeiten“ kann und durch Bildung/Leistung/wasauchimmer innerhalb einer existierenden Hierarchie der Anerkennung aufsteigen kann. Ich bin damals davon ausgegangen, dass die Existenz einer Anerkennungshierarchie selbstverständlich ist und dass ich mir Mühe geben muss um mich darin gut zu platzieren und bloß nicht abzurutschen. Denn Abrutschen ist immer die Gefahr!

Inzwischen distanziere ich mich davon. Und ich habe keine Lust mehr auf Menschen, die eine Anerkennungshierarchie selbstverständlich finden und sich Mühe geben darin aufzusteigen oder zumindest nicht abzurutschen. Und vielleicht verzerrt meine feministische Grundhaltung hier meinen Blick, aber irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass das besonders weiße cis-Männer sind.

Irre ich mich da? Bin ich betriebsblind? Oder macht das Erleben von Privilegien besonders anfällig dafür, ein Patriachat anzuerkennen und zu stützen?

*

Ich habe gerade die Aufgabe eine Person auszuwählen, die eine Wohnung mieten darf. Es gibt nur eine Wohnung und mehrere Anwärter*innen.

Schon bevor ich angefangen habe mich dieser Aufgabe zu stellen, hatte ich große Lust privilegierte Personen dabei zu benachteiligen. Das hat mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Schließlich ist die Bevorzugung von diskriminierten Personen auch keine Lösung.

Aber dann hatte ich zufällig gestern mehrere blöde Erlebnisse mit weißen alten cis-Männern. (Zwei davon waren im Straßenverkehr. Mir wollte jemand die Vorfahrt nehmen, was ja an sich schon frech und gefährlich ist, und dann ist er dabei auch noch in eine Richtung abgebogen, die an der Stelle verboten ist. Und es gab am selben Tag noch ein paar andere blöde Erlebnisse.) Und außerdem habe ich gerade ein dünnes Nervenkostüm und eine geringe Frustrationstoleranz.

Die Kombination aus blöden Erlebnissen mit weißen cis-Männern, meinem notorischen Feminismus und meiner geringen Frustrationstoleranz hat dann dazu geführt, dass ich (bevor ich mich mit den konkreten Wohnungsanwärter*innen auseinander gesetzt habe) beschlossen habe weiße cis-Männer zu benachteiligen.

Nachdem dieser Entschluss stand, habe ich die Interessent*innen einzeln kennengelernt. Ich hatte also schon eine vorgefertigte Meinung. Und siehe da: alle weißen cis-Männer waren mir spontan unsympathisch. Das überrascht mich nicht.

Ich frage mich aber, ob das eher etwas mit meiner Erwartungshaltung zu tun hat oder eher mit der Sozialisation, die ihnen viele konkrete Privilegiertheitserfahrungen bietet. Keine Ahnung.

mega traurig

Es gibt zwei Kinder, die ich in den letzten zwei Jahren regelmäßig gesehen habe und die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Bald wird unser Kontakt enden. Mich macht das unglaublich traurig. So traurig, dass es mich fast zerreißt.

Okay, ich habe gerade eine stressige Woche. Ich habe Schlafmangel. Und das sind zwei Faktoren, die mich sehr unausgeglichen machen. Das macht es für mich noch schwieriger. Wenn die Begleitumstände günstiger wären, könnte ich bestimmt auch mit der Traurigkeit besser umgehen.

Ich bin gerade ziemlich dissoziativ unterwegs. Und ich habe Probleme meine Körpertemperatur zu regulieren. Das ist eine Folge von Schlafmangel und Dissoziation. Außerdem habe ich Kopfschmerzen, bin unglaublich müde und kann mich kaum konzentrieren.

Die Traurigkeit kommt „nur noch“ oben drauf.

Irgendwie hat es mich unvorbereitet überfallen, dass die Traurigkeit so unaushaltbar ist. Ich kenne das zwar schon. Aber ich dachte eigentlich, ich könnte Traurigkeit schon besser aushalten. Jetzt ist sie da und ich habe das Gefühl, ich platze gleich vor Traurigkeit. Als ob die Traurigkeit mich auseinander reißen könnte wie eine Bombe.

Ich weiß, dass ich mir Ruhe gönnen muss. Und dass ich selbstfürsorglich sein muss. Und dass ich eine Weile brauche. Und dass es mir dann wieder besser geht.

Aber im Moment habe ich einfach nur den Wunsch zu schlafen und zu weinen. Abwechselnd, gleichzeitig, keine Ahnung.