mehr Struktur

Im Schrank ist es kühler als im Raum. Während ich die Töpfe einräume, halte ich meinen Arm extra lang hinein. Mein Gehirn macht bei Temperaturen über 30°C seltsame Sachen. Wenn ich etwas kühles trinke, fängt mein Gehirn gleich an, klarer und strukturierter zu denken.

Ich versuche mich zu konzentrieren. Versuche, einen Gedanken zu reproduzieren, den ich aus Büchern und Vorträgen kenne. Ich weiß, es ist ein wichtiger Gedanke. Und es ist wichtig dass ich ihn greifbar mache. Jetzt. Damit arbeiten ist wichtig. Aber er entwischt mir.

Etwas kühles trinken. Das Fenster schließen um die Verkehrsgeräusche auszusperren.

Wie war das noch mal? Sichtbarkeit ist ambivalent, weil stärkere Sichtbarkeit manchmal zu geringer werdender Sicherheit führt. Mehr Sichtbarkeit, weniger Sicherheit. Aber ist das auch in dem Kontext, um den es gerade geht so? Teilweise, weil die selben Mechanismen in dem Kontext auch aktiv sind. Sich das bewusst machen ist wichtig um die Mechanismen zu reduzieren. Damit es weniger Ambivalenz zwischen Sicherheit und Sichtbarkeit für bestimmte Menschen gibt. Und die Sichtbarkeit ist wichtig, um einen Ausstieg aus dem Marginalisierungsteufelskreis möglich zu machen.

Jetzt habe ich den Gedanken wieder beisammen.

ein Wir

Für den Nachmittag sind wieder Temperaturen von fast 40°C vorhergesagt. Also gehe ich gleich morgens einen kleine Runde durch den Park, um mich anschließend in der vergleichsweise kühlen Wohnung zu verbarrikadieren.

Eine ältere Person, die mit Hund unterwegs ist, spricht mich an und wir unterhalten uns kurz über die Hitze und unseren Umgang damit. Sie teilt mir mit: „Früher kannten wir sowas nicht.“ Mir ist zwar klar, dass das Klima sich verändert und Hitzewellen jetzt häufiger kommen. Aber ich bin mir nicht sicher, wie ihr „wir“ gemeint ist. Ich habe den Eindruck, sie schließt mich in dieses „wir“ mit ein und erhofft von mir, dass ich ihr zustimme, dass „wir“ solche Hitze früher nicht kannten. Da ich die fremde Person nett finde, ich selbst auch eine Zeit meines Lebens als „früher“ bezeichnen würde und der Meinung bin, dass es da noch nicht so oft so heiß war, stimme ich ihr zu.

Aber war ihr „wir“ auch so gemeint? Und basiert dieses „wir“ auf einer Unterscheidung zwischen einem „wir“ und einem „ihr“? Nach welchem Kriterium werden in dem Fall Menschen in zwei Gruppen eingeteilt? Spontan fällt mir die Kategorie Alter ein. Hat die Person mich als „alt genug“ eingelesen um mit mir gemeinsam auf eine so lange Lebensspanne zurück blicken zu können, die wir beide als ein „früher“ erleben? Diese Annahme erscheint mir in der Situation plausibel. Und ich bin stolz, dass ich von einer älteren Person als Teil ihres altersspezifischen „wir“ eingelesen werde. Meistens werde ich von anderen Menschen deutlich jünger geschätzt, als ich tatsächlich bin. Damit habe ich viel Routine, fühle mich dabei aber oft nicht ernst genommen, weil mir gleichzeitig Kompetenzen, Lebenserfahrung und Reife abgesprochen werden, die ich bei mir selbst jeden Tag sehe und erlebe.

Ist mein Wunsch altersgemäß ernst genommen und respektiert zu werden so groß, dass ich auf das „wir“ einer fremden Person projiziere, dass sie mich in eine gehobene Altersgruppe inkludiert?

unrealisiert

Es war ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für mich. Ich habe auf diesen Schritt hingearbeitet. Ich habe gehofft, dass er gegangen wird. Aber ich hatte es nicht in der Hand. Deshalb habe ich mir auch nicht erlaubt daran zu glauben, dass er gegangen werden wird.

Gestern wurde er gegangen. Ein Schriftstück. Ein Stempel. Eine Unterschrift. In den nächsten Wochen werde ich das Schriftstück per Post bekommen.

Dieses Schriftstück ist für mich die Eintrittskarte in noch mehr Sicherheit. Damit kann ich endlich einen lang ersehnten Antrag stellen. Und wenn der bewilligt wird, habe ich endlich die für mich persönlich maximal erreichbare Sicherheitsstufe. Endlich. Nach so vielen Jahren. Nach so vielen einzelnen Schritten. Und nach so viel Warten. Nach so viel Ungewissheit.

Ich habe mich noch nicht gekniffen. Und ich habe noch nicht ganz realisiert, dass es jetzt wirklich soweit ist. Ich möchte geduldig mit mir selbst sein und mir zugestehen, dass ich nach so langer Zeit des Wartens, des Bangens und der Anspannung nicht einfach einen Schalter umlegen kann.

teilverklärt

Die Petersilie vor dem Fenster ist so groß geworden, dass ich beschließe einen Teil davon einzufrieren. Die Petersilienstiele trockne ich für den Hamster. Die Blätter schneide ich klein und stecke sie in den Gefrierbeutel, in dem noch der Rest der Petersilie von letztem Jahr ist.

Meine Oma hat Petersilie immer mit einem Wiegemesser zerkleinert. Mein Minimalismus und ich finden Wiegemesser überflüssig. Deshalb drücke ich die Petersilie mit den Fingern fest zusammen und schneide mit dem Messer Scheiben von der komprimierten Petersilie ab. Immer, wenn ich Petersilie schneide, muss ich an meine Oma denken. An ihre späte Gelassenheit. An ihren fleißig gehegten Garten. An ihre Petersilienkartoffeln und ihr Lachen.

Loyalität. Traurigkeit. Innere Zerrissenheit.

Ich bin froh, dass ich jetzt traurig über die Vergangenheit sein kann. Traurig über die Gegenwart. Traurig über die vermutete Zukunft. Endlich bin ich traurig.

Bald ist das Basilikum auch soweit, dass ich einen Teil davon ernten muss. Woran werde ich dabei denken und traurig sein?

erinnert worden

Und wie ich dich hasse!

Das steht gar nicht zur Debatte

Trotzdem bin ich traurig

Traurig über das Nichtgewesene

Über das Verlorene

Über das Gestohlene

Über die Schwere

Über die Langwierigkeit

Über das Kämpfenmüssen

Über die Unabgeschlossenheit

Viel Traurigkeit

Zu viel für einen Moment?

Wer legt das denn fest?

Und was sind die Kriterien dafür?

spüren

Die Verspannung. Der Schmerz. Die Traurigkeit. Die Sehnsucht. Der Impuls weg zu laufen.

Spüren und aushalten.

Die Erleichterung, dass das spürbar ist.

Die Arme nach vorn oben ausstrecken. Den Oberkörper leicht vor neigen. Die rechte Schulter nach oben drehen. In die Richtung der Hände blicken.

Sehnsucht nach einem Gegenüber, das mich hält. Und bleibt.

Die Ahnung, dass da eine Tiefe möglich ist. Die Ungewissheit, ob das Gegenüber wirklich zu mir kommt und mich hält. Die Frage, ob ich diese Tiefe im Spüren auch ohne die Hilfe meines Gegenübers erreichen kann.

Die Hoffnung, dass das Spüren noch ganz oft möglich sein wird. Das Wissen, dass ich es aushalten werde.

neu und alt

Liebes Du!

Du bist neu in meinem Leben. Bist du die Person, die ich gesucht habe? Perfekt gibt es nicht. Aber ist das, was da ist, gut?

Meine Verletzlichkeit ist groß. Erst habe ich mich nur kognitiv auf dich eingelassen, in der Erwartung, dass du sehr bald wieder aus meinem Leben verschwinden wirst. Wenn ich auf der Stufe des Einlassens stehen geblieben wäre, könnten wir keine tragfähige Basis füreinander aufbauen. Das verstehe ich.

Mit meiner Verletzlichkeit liebevoll umgehen. Mich auf dich in einer Art einlassen, die das Aufbauen einer gemeinsamen Basis möglich macht, aber mich nicht zu verletzlich dabei machen. Kann ich das? Im Moment kommt es mir so vor, als ob ich mich mal wieder zu verletzlich gezeigt habe. Weil ich es kann. Und weil ich weiß, dass der Umgang meines Gegenübers mit meiner Verletzlichkeit für mich ein gutes Prüfkriterium ist, ob ich die Person wirklich bei mir haben möchte. Nah bei mir. Die Methode tut mir aber sehr weh. Meine Muskulatur ist extrem verspannt. Mein Rücken und meine Schultern tun weh. Seit Tagen schlafe ich wieder schlecht, obwohl ich durch die Therapie eigentlich einen guten Schlaf erreicht hatte. Diese Symptome möchte ich nicht.

Wenn ich dir voll vertrauen könnte, würden die Symptome verschwinden. Vermute ich. Aber ich kann dir nicht voll vertrauen. Das gehört zu der Phase des Kennenlernens, die wir gerade durchlaufen, einfach dazu. Ich wünschte, wir hätten die Phase schon hinter uns, weil sie mir so weh tut. Da sind diese traumatisierenden Erfahrungen meiner Kindheit. Und diese Unsicherheit und beginnende Nähe zwischen uns ruft das Trauma wieder wach. Und dann ist da die Angst, dass du mir gegenüber massiv gewalttätig wirst, ohne dass ich einen Hauch einer Chance habe.

Kognitiv durchschaue ich das alles: die unklare zwischenmenschliche Beziehung zwischen uns triggert mich. Die psychosomatischen Symptome und Zustände sind eine Kombination aus Intrusion (vor allem Freezing) und primitiven Lösungen. Vielleicht sollte ich dir das erklären? Mir selbst brauch ich es nicht erklären. Das Verstehen meiner Empfindungen und Reaktion ändert nichts an ihnen, weil sich Trauma nicht mit kognitiver Umstrukturierung behandeln lässt. Soweit, so klar.

Was also statt dessen? Liebevoll mit meiner Verletzlichkeit umgehen – ist der Ansatz, den ich jetzt verfolgen möchte. Mich so behandeln wie ich eine andere Person behandeln würde, die schwer verletzt wurde und deren Verletzlichkeit aktuell ihr Erleben stark beeinflusst.

Und du? Möchte ich dir das wirklich sagen, was mit mir los ist?

Mit jedem Tag mag ich dich mehr. Bilde ich mir das nur ein, oder passt zwischen uns wirklich enorm viel? Okay, es gibt da den einen großen Punkt, in dem wir nach aktuellem Stand der Dinge einen großen Unterschied haben. Meine Kompetenzen im Umgang mit Konflikten und Differenzen in engen Bindungen sind auch überlagert von meinen Erfahrungen mit traumatisierenden Beziehungen. Als Kind habe ich mit Gewalt gelernt: Wenn es große Konflikte und Differenzen innerhalb einer engen zwischenmenschlichen Beziehung gibt, dürfen diese nicht thematisiert werden. Stattdessen müssen die beteiligten Personen untereinander und vor allem gegenüber Außenstehenden so tun, als ob alles gut wäre.

Diese Erkenntnis ist für mich auch nicht neu. So richtig tragfähige Strategien für den Umgang mit dieser Vorbelastung habe ich nicht. Ich habe zwar welche, aber wenn es darauf ankommt, kann ich sie nicht automatisiert abspulen.

Du, das möchte ich dir zum aktuellen Zeitpunkt nicht sagen. Dafür bist du mir noch nicht nah und vertraut genug und ich vertraue dir noch zu wenig um mich mit dieser Seite von mir gut aufgehoben zu fühlen.

Vielleicht schreibe ich mir mal auf, was ich gerade brauche. Für mich. Nicht für dich. Und ich sage es dir auch nicht. Schließlich bin ich der wichtigste Mensch in meinem Leben.

Und danach erst gehe ich wieder in Kontakt mit dir.

Danke, dass du auf mein Kontaktgesuch eingegangen bist! Es ist voll spannend und aufregend, dich kennen zu lernen.

Waffeln mit Sahne

Gestern habe ich die vermutlich letzte Traumaexposition in diesem Klinikaufenthalt gemacht. In 2 Wochen fahre ich nach Hause. In letzter Zeit hatte ich Lust auf Bilanz ziehen. Wahrscheinlich weil ich gelernt habe, dass Menschen sowas besonders häufig vor oder nach dem Ende einer Phase tun.

Zuversicht haben ist gerade ein Thema bei mir. Ich muss erleben, dass eine Sache zumindest ansatzweise real wird, damit ich die Zuversicht entwickeln kann, dass sie noch intensiver, greifbarer, konkreter wird. Ich kann nicht darauf bauen, dass ich dieses Anfangserlebnis durch Zufall bekomme. Also muss ich die Grundlage dafür schaffen, dass dieses Anfangserlebnis zu Stande kommen kann. Und wenn es dann da ist, aktiviert das (hoffentlich) meine Zuversicht. Ich wünsche mir die Zuversicht, dass ich durch Therapiearbeit meine Verspannungen reduzieren kann. Bis jetzt bin ich da noch nicht zuversichtlich.

Bei anderen Dingen war ich früher auch nicht zuversichtlich. Inzwischen aber schon. Auch da hatte ich solche Anfangserlebnisse, die die Zuversicht genährt haben. Für mich sind das immer Schlüsselerlebnisse gewesen.

Ich genieße die Ruhe. Ich habe ein Einzelzimmer auf einem ziemlich ruhigen Flur. Letztes Wochenende war Ostern. Da waren besonders viele Personen zu Hause. Dadurch war es hier noch ruhiger. Das war sehr schön.

Gestern habe ich ausnahmsweise wieder ein Medikament zum Schlafen genommen, obwohl ich jetzt schon 2 Wochen nichts mehr genommen hatte. Dadurch konnte ich letzte Nacht durchschlafen. Das hat mir gut getan. Und es war auch eine Form von Ruhe-Erleben.

Als ich ein Kind war, war ich mal ein paar Tage in einem DDR-Kinderkrankenhaus. Dort gab es einen großen Schlafsaal für (geschätzt) 20 Kinder ab (geschätzt) 2 Jahren. Dort war mein Bedürfnis nach Ruhe tagsüber nie erfüllt. Nachts aber schon. Ich habe dann die Strategie entwickelt nachts wach zu liegen um die Ruhe genießen zu können. Das ist eine primitive Lösung. Der Nachteil dabei ist, dass ich bis heute nachts wach liege. Klar, ich kann in der Zeit die Ruhe genießen. Aber das ist heute nicht mehr nötig. Ich kann sie auch am Tag genießen. Ich könnte sie am Tag sogar umso mehr genießen, wenn ich nachts ausreichend viel schlafen würde. Dann wäre ich am Tag nämlich munterer und meine Genussfähigkeit wäre höher.

Damals gab es noch keine so große Auswahl an Lebensmitteln wie heute. Aber es gab Waffeln mit Schlagsahne. Die gibt es heute immer noch. Heute ist das nichts besonderes mehr. Im Laden gibt es so ungeheuer viele süße kalorienreiche Lebensmittel, dass Waffeln und Schlagsahne geradezu schlicht wirken. Aber in dem Alter, als ich damals im Krankenhaus war, war das für mich ein echter Festschmaus. Ich habe letzte Woche Waffeln und Sprühsahne gekauft und sie zusammen gegessen. Heute habe ich noch mal nachgelegt als Belohnung für die Therapie gestern. Und weil ich eine Grundlage dafür schaffen möchte, dass ich ein Anfangserlebnis habe, das mir die Zuversicht gibt, dass ich meine Verspannungen mit Hilfe von Therapie reduzieren kann.

verfluchter Tag

Mir ist übel. Meine Schultern und mein Rücken sind übelst verspannt und tun weh. Ich habe mich jetzt für ein Schmerzmittel entschieden.

Therapie ist anstrengend. Wenn ein Muster aufgelöst wird und sie heraus stellt, dass dahinter ein Muster versteckt ist, das viel schwerer auszuhalten ist. Und dann ist es da. Weil das aufgelöste Muster es nicht mehr verdeckt, lässt es sich auch nicht mehr ignorieren. Und runter regulieren lässt es sich (noch) nicht.

Ich möchte mir etwas Gutes tun. Wenn ich schon den Pause-Knopf nicht finde, möchte ich wenigstens gleichzeitig etwas machen, das mir gut tut. Aber was?

Essen ist grad schlecht wegen der Übelkeit. Raus gehen ist grad schlecht wegen den starken Verspannungen. Ich warte erstmal ab, bis das Schmerzmittel wirkt. Und mal sehen, ob Duschen gut tut. Vielleicht kann ich dann ja wenigstens mal kurz raus gehen und an den Kirschblüten riechen. Etwas angenehmes riechen wäre jetzt bestimmt schön.

In 40 Min muss ich an der Waschmaschine sein, sie neu befüllen und Wäsche aufhängen. So ein Termin löst in mir das Verhaltensmuster aus, dass ich mich drum herum strukturieren möchte. So dass ich zu dem Zeitpunkt auch wirklich an der Waschmaschine bin. Mir macht das Druck, wenn ich weiß, dass möglicherweise auch noch andere Menschen nach mir waschen wollen. Also habe ich vor rechtzeitig duschen zu gehen, damit meine Klamotten gleich in den zweiten Waschgang wandern können.

Ich würde gern etwas schönes machen. Etwas, das mir gut tut. Vielleicht tut Duschen ja gut. Das ist nur eine Spekulation. Nach dem Sport fühle ich mich unter der Dusche fast immer richtig gut. Ohne vorher Sport gemacht zu haben, kann ich dieses Gefühl nicht so gut beim Duschen abrufen. Aber ich könnte mich hinterher noch eincremen, vielleicht bringt das ja was. Oder wie wär es mit einem Tee?

Die Aussicht, dass die Schmerztablette demnächst wirken wird, macht es schon leichter meine Gedanken nach gut-tuenden Dingen suchen zu lassen.

Das ist einer der Tage, der mich an die Zeit erinnert, als es mir noch viel schlechter ging als jetzt. Ich möchte nicht ich sein. Nicht die Person, die das erlebt hat. Nicht die Person, die damit umgehen muss. Nicht die Person, die das bearbeiten muss. Ein Blick auf meine Haut sagt mir, selbstverletzendes Verhalten könnte jetzt eine Erleichterung sein. Wahrscheinlich nehme ich statt dessen nachher ein Beruhigungsmittel, wenn ich mit der Wäsche fertig bin und für heute nichts mehr schaffen muss.

vermissen

Liebes Du!
Ich vermisse dich immer noch, auch wenn wir uns jetzt schon viele Jahre nicht mehr gesehen haben. Deinen Humor, deine Willensstärke, deine Beharrlichkeit, deine Eigensinnigkeit, deine Experimentierfreude, deine Nähe zu mir, dein Vertrauen, deinen Mut, deinen Glauben an eine positive Zukunft. Ich kann deine Blicke nicht vergessen, die du mir zugeworfen hast, als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich wusste nicht, dass es ein Abschied für immer ist. Ob du das wusstest?
Du hast dich zuerst raus gezogen aus dem Kontext, der uns beide mal so fest zusammen geschweißt hatte. Bist in die große Stadt gezogen, wo damals gefühlt alle hingezogen sind, die trans sind. Hast dir eine räumlich Distanz geschaffen. Und eine zwischenmenschliche Distanz. Ich hatte damals gehofft, das wäre nur vorübergehend, du würdest zurück kommen. Irgendwann. Und dann könnten wir uns wieder nah sein. Niemals so nah wie früher. Aber anders nah. Die Nähe, bei der wir uns wortlos verstehen. Die Solidarität, wo du für mich die Kohlen aus dem Feuer holst und ich für dich. Du bist nicht wieder gekommen.
Dann haben sich bei mir viele Dinge verändert. Und auch ich bin raus gegangen aus dem Kontext, der uns mal zusammen geschweißt hatte. Damit habe ich mich endgültig der Möglichkeit beraubt, dir wieder zu begegnen und dir wieder nah zu sein. Ich vermisse dich immer noch. Vor allem die Nähe zwischen uns vermisse ich. Ich wollte nie diese Distanz zu dir haben. Erst hast du sie geschaffen, dann habe ich sie endgültig besiegelt. Aber es war von meiner Seite nie eine Entscheidung gegen die Nähe zu dir oder gegen die Hoffnung auf erneute Nähe zu dir. Meine Gründe hatten mit anderen Menschen zu tun, nicht mit dir. Aber auch wenn ich gewollt hätte, ich hätte den Kontakt zu dir nicht aufrecht erhalten können. Es ging nicht.
Ich verstehe das alles. Ich vermisse dich trotzdem. Die Nähe zwischen uns ist für immer verloren. Das ist für mich schwer auszuhalten.
Ich würde gern mit dir darüber reden, wie es für dich war, dich aus diesem Kontext zurück zu ziehen. Ob du diese Entscheidung bewusst gefällt hast oder ob es sich mehr ergeben hat. Ich würde dir gern davon erzählen, wie ich zu dieser Entscheidung gekommen bin und wie ich sie umgesetzt habe. Ich würde gern mit dir über ganz viele trans Themen reden. Über die Gerinnungsstörung. Über deinen Weg durch die Vornamens- und Personenstandsänderung, damals … vor der Reform des TSG von 2011. Über deine Auseinandersetzungen mit der Krankenkasse wegen einer nicht klassischen medizinischen Transition, wie sie im Lehrbuch steht. Darüber wie du zu dieser einen Person stehst, die in diesem Kontext so krude mit deinem Transsein umgegangen ist. Ich würde dich gern fragen, ob du mich verstehst, meine Entscheidungen, meine Umwege. Ich würde gern von dir hören, ob du mit mir nachsichtig bist. Mit meinen Fehlern. Ob du das Gefühl hast, dass ich dich und unsere Nähe zueinander verraten habe, als ich versucht habe ein normatives Leben zu führen. Ich kann dich nicht fragen. Wir haben keinen Kontakt mehr und werden nie wieder welchen haben. Das ist traurig.
Bist du glücklich? Bist du zufrieden mit dem Leben, das du jetzt hast?
Für mich ist die Beziehung zu dir nicht abgeschlossen. Ich habe dich verloren. Und dabei habe ich einen wichtigen Teil meines Lebens verloren. Innerlich bin ich immer noch auf der Suche danach. Ich verstehe, wie aussichtslos das ist. Aber ich kann mit dir nicht abschließen. Ich vermisse dich. Vielleicht für immer.
Vielleicht kann ich irgendwann akzeptieren, dass dieses Vermissen bleiben wird. Es fällt mir noch schwer.