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Irgendwie geht es im Leben immer voran. Und ich kann von dem Punkt aus, an dem ich gerade stehe, zurück schauen auf Punkte, an denen ich schon gestanden habe.

Jetzt gerade bin ich an einem Punkt, an dem ich sehr viele Tippfehler mache. Mal sehen, wieviel davon die Autokorrektur findet.

Ich bin ziemlich stabil geworden. So gut wie jetzt ging es mir noch nie. Ich bin nicht „normal“ oder „belastbar“ geworden oder auch nur ansatzweise in die Nähe dessen gekommen. Aber irgendwie bin ich stabil. Stabiler als je zuvor. Und ich hatte in den letzten Tagen mehrere Anlässe, noch mal genauer auf die Zeit in meinem Leben zu schauen, in der ich wesentlich instabiler war. Das war etwas erschreckend und sehr befremdlich. Ich weiß, dass das Teil von mir war und Teil von mir sein kann. Aber das ist nur ein Wissen. Es fühlt sich nicht so an. Es fühlt sich fremd an.

Und ich habe in letzter Zeit wiederholt die Gelegenheit gehabt zu erleben, wie es ist, wenn ein Mensch in meiner Nähe instabil ist. Mir hat das Angst gemacht. Mir macht das immernoch Angst. Ich möchte diesen Mensch nicht verlieren. Allgemein nicht. Und vor allem nicht dadurch, dass dieser Mensch sich umbringt.

Ich kann vieles gut nachvollziehen, das diesem Mensch durch den Kopf geht. Ich erinnere mich daran, dass einiges bei mir so ähnlich war. Und ich habe erzählt, was mir geholfen hat, mich mehr im Leben zu verankern:

Manchmal bin ich spazieren gegangen und habe mir die Bäume angeschaut. Alte Bäume, älter als ich. Bäume können alt werden und dabei viel erleben. Klar haben sie kein Bewusstsein wie ein Mensch, aber sie sind lebendig und registrieren, was mit ihnen passiert und reagieren darauf. Bäume können viel aushalten. Sturm, Überschwemmung, Trockenheit, Konkurrenz durch andere Bäume, Pilze, Tiere. Vieles. Sie halten das aus, auch wenn es ihnen einiges abverlangt. Ja, Bäume sterben auch. Durch Sturm, Überschwemmung, Trockenheit, Konkurrenz durch andere Bäume, Pilze, Tiere oder andere Einflüsse. Aber bis das passiert, halten sie viel aus. Vielleicht verlieren sie einen Ast, ihre Blätter verwelken oder die Rinde fällt teilweise ab. Das sind Schäden, die die Bäume davon tragen, aber nicht daran kaputt gehen.

Und dann habe ich mich da so rein versetzt und mir gedacht: ich möchte auch wie ein Baum sein. Im Sturm stehen bleiben, auch wenn der Wind an mir zerrt. Bei Trockenheit stehen bleiben, auch wenn ich mich einschränken muss. Und das hat mir Mut gemacht, im Leben zu bleiben. Einfach weiter zu machen, auch wenn die Verlockung groß war, sich umzubringen.

Das habe ich erzählt.

Stabil werden dauert lange. Und ist anstrengend. Und bei jedem anders.

Ich weiß nicht, was mir helfen kann, die Instabilität eines anderen Menschen auszuhalten, von dem ich mich nicht distanzieren möchte. Mir macht das Angst. Und es ist anstrengend. Und ich brauch meine Sicherheit und Zuverlässigkeit. Und ich habe meine Grenzen.

Wieviel Nähe tut mir gut? Wo höre ich auf, gut für mich selbst zu sorgen?

Ich genieße die Nähe, weil ich daraus für mich etwas ziehen kann. Aber ich habe Angst davor, diese Nähe plötzlich zu verlieren. Und deshalb versuche ich diesem Mensch mehr Stabilität zu geben. Das tue ich unreflektiert. Dabei wäre es doch mal interessant für mich zu wissen, ob ich meine eigenen Grenzen dabei ausreichend schütze. Manchmal fühle ich mich unter Zugzwang. Ich merke, ich möchte jetzt dringend etwas sagen oder tun, das diesem Mensch gut tut, weil ich es nicht aushalte, dass es diesem Mensch schlecht geht.

Kann ich lernen auszuhalten, dass es diesem Mensch immer wieder schlecht geht?

Ich habe die Hoffnung, dass es diesem Mensch nach und nach besser geht. Und die Hoffnung, dass sich die Anstrengung lohnt, die dieser Mensch gerade jeden Tag aufbringt um die Schattenseite des Lebens wenigstens ein bisschen zur Seite zu schieben.

Vielleicht kann ich ja lernen, diesen Standpunkt zu vertreten: der Mensch ist der Akteur im Kampf mit der Depression. Ich bin nicht der Drehbuchautor und auch nicht der Regisseur. Ich bin in Bezug auf den Kampf mit der Depression meistens ein Beobachter. Vielleicht kann ich mir die Beobachterrolle stärker bewusst machen.

Zur Zeit fühle ich mich manchmal zu sehr betroffen. Hineingezogen. Und in einem gewissen Umfang finde ich das auch okay. Aber manchmal ist es mir zu viel. Ich möchte mal ausprobieren, ob ich dann stärker in die Beobachterrolle wechseln kann. Wie ein Zuschauer im Theater.

 

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Kooperation?

Ich habe einen Wunsch, den ich nicht allein realisieren kann. Ich brauche mindestens einen weiteren Mensch, der den Wunsch mit mir gemeinsam umsetzt.
Es gibt zwei Menschen, bei denen ich mir vorstellen kann, das zu dritt zu machen.
Ich habe mich mit beiden gleichzeitig getroffen, ihnen von meinem Wunsch erzählt und sie gefragt, ob sie Lust haben, das mit mir gemeinsam zu machen. Einer von beiden war ganz angetan, der andere Mensch eher reserviert. Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, meinen Wunsch nur mit einem von beiden umzusetzen. Mir wäre es wichtig, sie entweder zu zweit mit im Boot zu haben oder keinen von ihnen. Ich vermute, dass sie erstmal untereinander einiges zu besprechen haben, bevor sie wissen, ob sie das mit mir machen wollen oder nicht.
Wir haben uns vor 10 Tagen getroffen. Da habe ich ihnen von meinem Wunsch erzählt und sie gefragt, ob sie den Wunsch mit mir zusammen umsetzen wollen. Der Mensch, der spontan begeistert war von der Idee, hat gesagt, dass wir uns bald wieder treffen sollten, am besten gleich am Wochenende. Da hatte ich keine Zeit und habe deshalb vorgeschlagen, dass wir uns unter der Woche mal treffen (die jetzt vergangen ist), und habe ihn darum gebeten, dass die beiden sich absprechen, wann sie gemeinsam Zeit haben, und sich dann bei mir melden. Der Mensch war einverstanden.
Seitdem habe ich von den beiden nichts mehr gehört.
Bevor ich ihnen von meinem Wunsch erzählt habe, hatten wir uns schon dreimal verabredet. Zweimal waren wir zu dritt, einmal habe ich mich nur mit einem von ihnen getroffen. Alle unsere bisherigen Verabredungen kamen deshalb zu Stande, weil ich ausdrücklich einen Termin ausmachen wollte. Von keinem dieser beiden Menschen ist bis jetzt eine Verabredung mit mir initiiert worden. Immer habe ich die Initiative ergriffen. Sie haben schon mehrmals sowohl einzeln als auch zusammen gesagt, dass wir uns mal treffen sollten, dass sie darauf Lust haben, manchmal schon mit einer Idee für eine gemeinsame Unternehmung, aber nie mit einem konkretisierten Terminvorschlag.
Für mich fühlt sich dieser zwischenmenschliche Kontakt aus genau diesem Grund ziemlich unverbindlich an. Das verunsichert mich, weil ich nicht weiß, inwiefern die geäußerten Kontaktwünsche dieser beiden Menschen mir gegenüber ernst gemeint sind. Ich brauche aber Zuverlässigkeit von diesen beiden Menschen, um mich auf die Realisierung meines Wunsches mit ihnen einlassen zu können.

Ich habe mich gefragt, was ich ihnen über diese Verunsicherung sagen möchte, wenn es dazu eine Gelegenheit gäbe. Und ich habe gemerkt, dass ich meine Beobachtung und meine Gefühle gern mit ihnen teilen würde. Aber meine Bedürfnisse würde ich gern für mich behalten. Und ob ich sie um eine Änderung ihres Verhaltens bitten würde, ist mir nicht klar.
Ich bin verletzlich. Und wenn ich diesen beiden Menschen meine Bedürfnisse, die in diesem Kontext eine Rolle spielen, sagen würde, würde ich mich verletzlicher machen, als mir lieb ist. Warum ist das so, frage ich mich.

Es fühlt sich so an, als ob ich am ausgestreckten Arm verhungere. Und diese Erfahrung kenne ich bereits. Und so langsam habe ich den Eindruck, dass es sich für mich lohnt, da mal genauer hin zu schauen, weil mich Erlebnisse wie die hier beschriebene Unverbindlichkeit immer wieder an meine Grenzen bringen. Ich kenne das schon, bin aber trotzdem jedes mal wieder hilflos.

Erfahrungsbericht Elternabfrage, Teil 2

Nachdem ich mir Hilfe beim Bürgerbeauftragen geholt habe, hat sein Mitarbeiter Kontakt zum Sozialamt aufgenommen von dem Moment an alles für mich geregelt. Ich hatte seitdem keinen Kontakt mehr zum Sozialamt, dafür aber mehrere Telefonate, Emails und Briefwechsel mit dem Mitarbeiter des Bürgerbeauftragten.
Der Mitarbeiter des Bürgerbeauftragten hat sich für mich stark gemacht. Er hat versucht zu erreichen, dass meine Eltern meinen Wohnort nicht erfahren, indem das Sozialamt sie anschreibt. Gleichzeitig hat er aber auch das Anliegen des Sozialamts anerkannt, meine Eltern zum Unterhalt heran zu ziehen, weil ich ja Leistungen vom Sozialamt bzw vom Steuerzahler bekomme und die Rechtslage vorsieht, dass vorrangig meine Eltern unterhaltspflichtig sind und erst, wenn sie ihrer Pflicht nicht nachkommen können, ergänzend Leistungen vom Sozialamt erbracht werden.
Es war für den Mitarbeiter des Bürgerbeauftragten schwierig, dem Sozialamt verständlich zu machen, wie wichtig es für meine Sicherheit ist, dass meine Eltern meinen Wohnort nicht erfahren. Es ist ganz einfach deshalb so wichtig, weil von meinem Vater meiner Einschätzung nach die Gefahr weiterer gewalttätiger Übergriffe ausgeht. Es geht also um den Schutz meiner Gesundheit, eventuell auch meines Lebens.
Zuerst wurde ich vom Mitarbeiter des Bürgerbeauftragten gebeten, ein Attest von meinem Hausarzt vorzulegen, aus dem hervor geht, dass meine Gesundheit gefährdet ist, wenn meine Eltern meinen Wohnort erfahren. Das hat mein Hausarzt mir ausgestellt. Ich habe es dem Mitarbeiter des Bürgerbeauftragten geschickt. Er hat es dem Sozialamt geschickt. Das Sozialamt wollte das nicht als triftigen Grund anerkennen.
Dann habe ich dem Mitarbeiter des Bürgerbeauftragten Klinikunterlagen zugeschickt. Die hat er geschwärzt und dem Sozialamt zugeschickt. Das Sozialamt wollte die darin aufgeführten gewalttätigen Übergriffe meines Vaters in der Vergangenheit nicht als triftigen Grund ansehen, von der üblichen Elternabfrage abzusehen. Das hat mir der Mitarbeiter des Bürgerbeauftragten Anfang Februar telefonisch mitgeteilt. Und auch, dass er jetzt keine weiteren Argumentationsmöglichkeiten gegenüber dem Sozialamt mehr sieht. In dem Moment hatte ich mich aber schon für eine Anzeige entschieden. Und ich hatte das auch schon konkret geplant. Also habe ich einige Tage später die Anzeige erstattet und die Bestätigung der Anzeigenerstattung dem Mitarbeiter des Bürgerbeauftragten geschickt. Er hat es dem Sozialamt geschickt.
Dann hat es noch 2 Monate gedauert, in denen ich nicht weiß, was da noch kommuniziert wurde. Jedenfalls habe ich vor wenigen Tagen einen Anruf bekommen vom Mitarbeiter des Bürgerbeauftragten, dass das Sozialamt jetzt zugestimmt hat, meine Eltern nicht direkt anzuschreiben und meinen Wohnort nicht bekannt zu geben. Sie haben jetzt Amtshilfe bei einem anderen Sozialamt beantragt, das die Elternabfrage jetzt durchführen wird.
Mit anderen Worten: das Sozialamt bekommt, was es will (nämlich Informationen über das Einkommen meiner Eltern), und ich bekomme, was ich will (nämlich die Anonymität meines Wohnorts).
Vermutlich müssen meine Eltern gar keinen Unterhalt zahlen, weil sie eh kein großes Einkommen haben. Es war also viel Aufwand und wahrscheinlich wurden durch das ganze Hin und Her mehr Steuergelder ausgegeben als durch den Unterhalt eingespart werden.
Und dass ein anderes Sozialamt ja um Amtshilfe gebeten werden könne, hatte ich auch von vornherein vorgeschlagen.
Ich fühle mich durcheinander. Einerseits bin ich riesig froh, dass meine Eltern auf diesem Weg nicht erfahren, wo ich wohne. Andererseits finde ich den ganzen Aufwand und die monatelangen Diskussionen ziemlich überflüssig, weil ich schon am Anfang dem Sozialamt gesagt habe, dass meine Eltern eh wenig Geld haben. Und dann fühle ich mich auch noch nicht gewürdigt, weil mein Anliegen (Schutz von Leib und Leben) vom Sozialamt als so gering geachtet wurde, dass ich es mit meinen eigenen Argumenten (und ich war mehrmals mit dem Anliegen dort, habe mit drei verschiedenen Mitarbeitern gesprochen und es auch mehrfach schriftlich formuliert) nicht wichtig genommen wurde. Es ist echt zwiespältig, was da in mir vor geht. Aber es ist gut, dass es jetzt diese Lösung gibt. Und darauf konzentriere ich mich.

Erfahrungsbericht Elternabfrage

Ich bekomme Leistungen nach SGB XII Kapitel 3. Ich bin also voll erwerbsgemindert, aber nicht auf Dauer. Dafür habe ich ein Gutachten. Das aktuelle Gutachten geht noch mehr als 2 Jahre, danach muss ein neues Gutachten angefertigt werden. Ich bin schon seit 2013 voll erwerbsgemindert, aber bisher waren meine Gutachten immer zeitlich befristet. Wenn ein Gutachter mal den Mumm hat, mich unbefristet als voll erwerbsgemindert einzuschätzen, bekomme ich nicht mehr Leistungen nach SGB XII Kapitel 3 sondern nach SGB XII Kapitel 4. Der Unterschied ist für mich vor allem, dass bei Kapitel 3 die Eltern für mich unterhaltspflichtig sind (unabhängig davon, wie alt ich bin), und bei Kapitel 4 keine Unterhaltspflicht besteht. Das Geld ist das gleiche.
Jetzt sind also meine Eltern für mich unterhaltspflichtig. Ich halte das für sozial ungerecht. Ich fände es besser, wenn Eltern für ihr erwachsenes Kind nur bis zu einem bestimmten Alter oder bis zum erreichen einer bestimmten ökonomischen Unabhängigkeit unterhaltspflichtig wären. Wenn ein erwachsenes Kind aber befristet erwerbsunfähig ist, die Befristung länger als 6 Monate dauert, und das erwachsene Kind keinen Anspruch auf Erwerbsminderungsrente hat, hat das erwachsene Kind Anspruch auf Leistungen nach SGB XII Kapitel 3. Das ist bei mir der Fall. Und dann sind die Eltern unterhaltspflichtig. Die „Befristung“ kann beliebig oft verlängert werden. So wie bei mir. Ich halte diese Regelung für ungerecht. Ich bin dafür, dass nicht die Eltern sondern der Steuerzahler in dem Fall für den Lebensunterhalt aufkommen sollte.
In meinem speziellen Fall habe ich versucht zu verhindern, dass das Sozialamt bei meinen Eltern eine Einkommensabfrage macht. Vor meinem Umzug habe ich in der Stadt gelebt, in der auch meine Eltern gelebt haben. Dort habe ich mein Anliegen beim Sozialamt mündlich und schriftlich vorgetragen und begründet. Daraufhin hat das Sozialamt von einer Elternabfrage abgesehen.
In der Stadt, in der ich jetzt wohne, ist es mir noch mal um vieles wichtiger, dass das Sozialamt die Elternabfrage nicht macht. Durch eine Einkommensabfrage würden meine Eltern ja erfahren, wo ich jetzt wohne. Und das gilt es tunlichst zu verhindern, um mich vor weiteren gewalttätigen Übergriffen zu schützen.
Ich habe also mein Anliegen mündlich und schriftlich mit Begründung beim Sozialamt vorgetragen, als ich bei der Antragsstellung im September letzten Jahres dazu aufgefordert wurde, Angaben zu meinen Eltern zu machen.
Die für den Unterhalt zuständige Mitarbeiterin hat mir mitgeteilt, dass sie meine Aussage zwar nicht anzweifeln möchte, dass da aber jeder kommen könne und dass ich meine Aussage ja gar nicht belegen könne. Und dass sie die Elternabfrage ein jedem Fall machen müsse. Sie hat vorgeschlagen, dass sie ja versuchen könne, nicht meine Eltern direkt anzuschreiben, sondern die Rentenversicherung oder das Finanzamt kontaktieren könne, um deren Einkommen zu erfahren. Dass es aber ungewiss sei, ob die Rentenversicherung oder das Finanzamt die Einkommen meiner Eltern offen legen würden, vor allem weil ich meine Aussage nicht belegen könne. Als sie mal Luft geholt hat, habe ich ihr mitgeteilt, dass ich zwar (bis dahin) keine Anzeige erstattet habe, durch Klinikunterlagen meine Aussage aber durchaus belegen könne. Daraufhin wollte sie die Klinikunterlagen sehen. Das ist allerdings problematisch, weil darin persönliche Informationen stehen, die beim Sozialamt nichts verloren haben. Und es ist höchst problematisch, dass das Sozialamt mich dazu drängt, diese Unterlagen preis zu geben.
Ich habe mir also Unterstützung geholt. Es gibt da einen Bürgerbeauftragten der Landesregierung, der sich für Bürgeranliegen einsetzt, wenn es einen Konflikt zwischen Bürger und Behörde gibt. Wie bei mir.
Dort habe ich mein Anliegen geschildert. Der Bürgerbeauftragte hat erst nicht verstanden, worum es mir geht und wie er mir helfen könnte. Ich habe es dann noch mal umformuliert. Dann hat er genickt und entschieden, dass seine Mitarbeiter sich für mein Anliegen einsetzen.
Vom dem Zeitpunkt an habe ich nicht mehr mit dem Sozialamt direkt Kontakt gehabt. Der Bürgerbeauftrage (bzw sein Mitarbeiter) haben den ganzen Schriftverkehr mit dem Sozialamt geregelt. Ich habe dem Bürgerbeauftragten meine Klinikberichte, meinen Antrag zur Auskunftssperre (da bekommt man keine schriftliche Bestätigung, aber den ausgefüllten Antrag hatte ich mir vor der Abgabe kopiert) und einige Schriftstücke vom Sozialamt gegeben. Das war im November letzten Jahres.

anders ausgedrückt

Vor ein paar Tagen habe ich zum ersten Mal eine ganz neue Formulierung benutzt um etwas auszudrücken, das ich als Kind erlebt habe. In den letzten Jahren habe ich mich vorsichtig ran getastet um passende Worte zu finden, die das ausdrücken können. Dabei habe ich lange Zeit sehr sachliche Worte benutzt, so wie sie in der Fachliteratur verwendet werden. Das hat mir ein gutes Gefühl gegeben, weil ich damit unterstreichen konnte, dass ich etwas Bedeutsames ausdrücken möchte. Und weil ich mich durch die sachliche Ebene innerlich etwas distanzieren konnte von dem Gesagten.
Vor ein paar Tagen habe ich ganz spontan eine andere Formulierung gewählt. Unsachlich. Etwas emotional. Vulgär. Und es hat sich auf andere Art gut angefühlt diese Formulierung zu benutzen. Es war persönlicher. Vorwurfsvoller. Präziser. Vor allem hat es einen bestimmten Teilaspekt des Erlebten stärker hervor gehoben. Einen Teilaspekt, über den ich bis dahin nicht gesprochen habe. Einen Teilaspekt, mit dem ich mich bis dahin so noch nicht beschäftigt hatte.
Wieder ein Schritt auf dem Weg der Auseinandersetzung mit dem Erlebten.
Eine Brücke bauen zwischen Erfahrungen und Worten. Eine Brücke bauen zwischen damals und jetzt. Eine Brücke bauen zwischen mir und einem anderen Mensch. Und das nur durch eine Formulierung.

hell und dunkel

Jetzt trage ich die Geheimnisse nicht mehr in mir drin. Jetzt ist es nicht mehr geheim. Jetzt darf es jeder wissen.
Das Geheimnis war eine Last, die ich mit mir herum getragen habe. Sehr lange. Seit einigen Jahren war es nicht mehr nur in mir drin aufbewahrt. Ich habe es nach und nach mit mehr Menschen geteilt. In meiner Therapie, und mit Menschen, die mir nah stehen. Aber ich habe immer nur Teile des Geheimnis geteilt. Ich habe Oberbegriffe genannt, Einzelaspekte erzählt. Aber nie alles. Das habe ich jetzt gemacht.
Und ich fühle mich erleichtert. Ich fühle mich so, als hätte ich das Geheimnis aus dem dunklen Versteck heraus geholt und ins Licht getragen. Jetzt kann die Sonne drauf scheinen. Und jetzt können es alle sehen. Alle, die es etwas angeht. Und sie können nicht nur. Sie müssen. Jetzt müssen die Menschen, die mich mit dem Geheimnis im Dunkeln alleine gelassen haben, sich mit dem Geheimnis beschäftigen. Jetzt können sie nicht mehr sagen: „aus den Augen, aus dem Sinn“.
Ich bin nicht mehr dafür zuständig das Geheimnis im Dunkeln zu hüten. Und das fühlt sich verdammt gut an.

Halma

Schritte gehen. Neue Standpunkte gewinnen. Ehemals unaushaltbare Wahrheiten anschauen. Dem Anblick stand halten.
Bedürftig sein. Kontakt suchen.
Begegnung finden. Eine Brücke sein zwischen ehemals unaushaltbaren Wahrheiten und einem anderen Mensch. Dieser Mensch hält dem Anblick nicht stand.
Schwanken zwischen dem Kontaktbedürfnis und dem Wahrheitsbedürfnis. Stark sein im Umgang mit den Wahrheiten. Schwach sein im Umgang mit dem Kontaktbedürfnis.